AnalyseDas Urteil des höchsten Gerichts der USA bringt das Ende der Milliardenzahlungen für Glyphosat-Klagen in Sicht. Damit wird die Aufspaltung des Dax-Konzerns wahrscheinlich, die erheblichen Wert für die Aktionäre schaffen könnte.Eine Entscheidung des Supreme Court der USA katapultierte am 25. Juni den Aktienkurs von Bayer um 19% in die Höhe, bis auf 47 €. Das oberste Bundesgericht hatte Tausenden Klagen gegen Bayer die Grundlage entzogen. Es ging um Schadenersatz in Milliardenhöhe wegen angeblich unzureichender Krebswarnhinweise auf den Verpackungen von Unkrautvernichtern. Das Urteil ist bahnbrechend, und daraus erwachsen zwei Fragen. Die offenkundige ist die, ob das operative Geschäft von Bayer aus Anlegersicht nun wieder einen Blick wert ist. Die noch spannendere Frage indes betrifft die Struktur des Konzerns.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Bayer-DreiklangEin Doppelkegelmischer für die Produktion von Aspirin.ZVG BayerDas Leverkusener Unternehmen ist auf drei Feldern aktiv. Das Pharmasegment liefert Medikamente gegen schwere Erkrankungen wie zum Beispiel Krebs. Bei Consumer Health geht es eher um frei verkäufliche Präparate. Crop Science wiederum bedient die Landwirtschaft, mit Saatgut oder Pflanzenschutzmitteln wie Roundup, das auf dem Wirkstoff Glyphosat beruht. 2018 hatte Bayer den Roundup-Hersteller Monsanto übernommen und in die Crop-Science-Sparte integriert.Roundup lastete in den vergangenen Jahren bleischwer auf Bayer. Viele Nutzer hatten eine Krebserkrankung auf die Verwendung dieses Mittels zurückgeführt und juristische Ansprüche geltend gemacht. Rund 65’000 Klagen sind dazu aufgelaufen. Um sie juristisch zu bekämpfen, braucht es gute Argumente. Der Gerichtsentscheid hat sie geliefert. «Ein Meilenstein für Bayer», sagt Markus Manns, Pharmaexperte und Portfoliomanager bei Union Investment. Tatsächlich gibt es keine höhere Instanz, bei der Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt werden könnten.Um aber auch anders begründete Klagen und langwierige Prozesse zu vermeiden, strebt der Konzern die finale Genehmigung eines grossen Sammelvergleichs über bis zu 7,25 Mrd. $ an. Am 19. August soll eine Anhörung dazu stattfinden. Stimmt das Gericht zu, ist der Vergleich rechtskräftig.Angesichts dieser Aussichten dürften Investoren nun auch wieder auf die Fundamentaldaten schauen, schreiben die Oddo-Analysten Stephan Wulf und Michael Schäfer in einer Studie.Grosse Trends, aber nur kleine SchritteBayer könnte von der wachsenden und alternden Bevölkerung profitieren, die mehr Lebensmittel und Medizin benötigt. Allerdings gelingt dies seit Jahren nicht.Mehr noch: Keines der drei Segmente überzeugte zuletzt.Der Gewinn sank zwischen 2022 und 2025 stetig: Selbst ohne die Anrechnung der juristischen Lasten fiel der Ebitda vor Sondereinflüssen von 13,5 auf 9,7 Mrd. €. Zum Vergleich: Novartis, im Pharmasektor ein Bayer-Konkurrent, steigerte den Gewinn im selben Zeitraum von 12,2 auf 20,6 Mrd. €. Der Gewinn von Corteva Agriscience, spezialisiert auf Saatgut und Pflanzenschutzmittel, wuchs zwischen 2022 und 2025 immerhin von 2,9 auf 3,3 Mrd. €. Das zeigt, dass die Märkte durchaus Chancen bieten, Bayer sie anders als mancher Konkurrent aber nicht nutzte.Im Pharmasegment liegt die Ursache für diese Entwicklung unter anderem darin, dass für Blockbuster-Medikamente die Patente schrittweise auslaufen und damit neue Konkurrenten aufkommen. Das gilt für Xarelto (verhindert Blutgerinnungen) genau wie für Eylea (behandelt Augenkrankheiten). Beide gehören zu den umsatzstärksten Medikamenten des Hauses.Crop Science leidet vor allem unter den juristischen Belastungen, aber auch unter Wettbewerbsdruck durch Generika bei Pflanzenschutzmitteln.Consumer Health wiederum krankt daran, dass es in Relation zu den anderen Segmenten klein ist und nicht in ihrem Umfang skalieren kann.Profitabilität und Rentabilität leidenDas lastet auf der Profitabilität. Die Ebitda-Marge vor Sondereinflüssen ist von 27 auf 21% gesunken von 2022 bis 2025. Die Rendite auf das investierte Kapital (ROIC) ist sogar ins Negative gekippt.Zum Vergleich: Pharmakonkurrent Novartis lieferte 2025 nahezu 19% ROIC, Corteva an die 5%. Entsprechend hinkte Bayer der Konkurrenz an der Börse lange hinterher.Bayer, Novartis und CortevaGesenkte Kosten und neue UmsatztreiberDas Management fokussiere auf ein «strenges Kostensenkungsprogramm», sagt Silvan Betschart, Chief Investment Management bei Reichmuth & Co. Privatbankiers. CEO Bill Anderson will Hierarchien abbauen und Entscheidungsprozesse beschleunigen. Damit sollen bis Ende 2026 rund 2 Mrd. € eingespart werden, hiess es auf dem Kapitalmarkttag 2024. Ein erklärtes Ziel ist der Schuldenabbau. Tatsächlich sind die Nettofinanzschulden seit 2023 gesunken.Beim Free Cashflow (FCF) lässt die Trendwende auf sich warten.Beim Umsatz geht es leicht voran, für 2026 erwartet Bayer eine Entwicklung zwischen 0 und 3%. Der Ebitda vor Sondereinflüssen soll über 9 Mrd. € liegen. Operativ habe Bayer schon vor einigen Quartalen die Kehrtwende vollzogen, urteilt Betschart von Reichmuth & Co.: «Die Zeit der regelmässigen Gewinnwarnungen scheint vorbei zu sein.»Neue Umsatzbringer sind absehbar. Bei Crop Science könnte es das Hochleistungs-Saatgut Preceon sein. Der Mais soll mehr Ertrag liefern, aber auch resilienter gegen Schädlinge, Wind und Wetter sein.Im Pharmasegment ist die Pipeline gefüllt mit dem Xarelto-Nachfolger Asundexian oder Elinzanetant (gegen Wechseljahresbeschwerden). Das Krebsmedikament Nubeqa wiederum könnte auch bei zusätzlichen Indikationen zur Anwendung kommen.Der Ruf nach der Aufspaltung wird lauterNach dem Urteil gerät aber auch eine Frage wieder in den Fokus der Anleger: die nach der Aufspaltung des Dax-Konzerns.Die Analysten Virginie Boucher-Ferte, Tristan Lamotte und Rajiv Dalal von der Deutschen Bank haben in einer Studie vom 2. Juli geschrieben, eine Aufspaltung («Break-up») des Konzernportfolios sei nicht eine Frage des Ob, sondern des Wann und Wie. Von einer «freundschaftlichen Trennung am Horizont» schreibt Berenberg. Und Oddo-BHF-Analyst Stephan Wulf kann sich vorstellen, dass Spin-offs nun wieder auf den Tisch kommen, von Crop Science oder von Consumer Health. Er hält ein Closing 2028 für denkbar. Einfacher wäre die Abspaltung bei Consumer Health, weil die Sparte keine Altlasten trägt. Die Deutsche-Bank-Analysten schätzen den erwartbaren Erlös für Consumer Health auf 18 bis 19 Mrd. €.Die Deutsche-Bank-Analysten nennen konkrete Gründe, warum die Aufspaltung des Konzerns die Bewertung steigern würde. So könnten manche Grossanleger dann in das Pharmageschäft investieren, denen dies aufgrund von Nachhaltigkeitsvorschriften bisher unmöglich ist, weil diese oft Agrar-Gentechnik und Pestizide verbieten. Derzeit sei ausserdem die Hälfte der mit Bayer befassten Analysten vor allem mit der Chemiebranche betraut und besitze oft keine Expertise für den Gesundheitsbereich: «Das Pharmaportfolio wird unterschätzt.»Bei ihrer Bewertung der Sparten kommen die Deutsche-Bank-Analysten auf 61 Mrd. € für Crop Science, 47 Mrd. € für die Pharmasparte und 19 Mrd. € für Consumer Health. Abzüglich der kostenzehrenden Verwaltung («Other») ergibt das eine Bewertung von 121 Mrd. €. Abzüglich der Nettoschulden und anderer Verbindlichkeiten entspricht das einem Wert des Eigenkapitals von 83 Mrd. €. An der Börse ist der Konzern dagegen nur 48 Mrd. € wert. Die Sum-of-the-Parts-Bewertung ergibt einen fairen Aktienkurs von 84 €, also ein rechnerisches Aufwertungspotenzial von 75% zum derzeitigen Aktienkurs bei 47 €.Auch Investoren sehen eine Abspaltung am Horizont heraufdämmern. «Nach dem Gewinn vor dem Supreme Court und angesichts einer möglichen Einigung mit den Klägern hat Bayer die strategische Flexibilität, das Monsanto-Geschäft mittelfristig in den USA an die Börse zu bringen», sagt Union-Investment-Fondsmanager Manns.Tatsächlich hat auch Bayer zu dem Eindruck beigetragen, Abspaltungen nicht ablehnend gegenüberzustehen, beobachtet Martin Wirth, Gründer des Vermögensverwalters Frankfurt Performance Management (FPM). Immerhin habe das Unternehmen mit Ruveon eine eigene Gesellschaft gegründet, in die das Glyphosat-Geschäft eingebracht werden soll. Ausserdem hat es eine neue Gesellschaft gegründet, in die das Verhütungsgeschäft mit reversiblen Langzeit-Kontrazeptiva eingebracht wird. Apollo Global Management investiert dort 3 Mrd. €. Bayer selbst will die vollständige operative Kontrolle über das Geschäft behalten.Fondsmanager Wirth geht davon aus, dass die bisherigen drei Sparten unabhängig voneinander wahrscheinlich effizienter wirtschaften würden als derzeit im Konglomerat.Das Management scheut keine harten SchnitteCEO Anderson gilt als Manager, der alte Zöpfe nicht neu frisiert, sondern abschneidet. Bei Roche zum Beispiel, deren Pharmasektor er zwischen 2019 und 2020 vorstand, hat er hierarchische Strukturen geschliffen. Auch als Genentech-CEO straffte er die Organisation.Eine weitere Personalie liesse sich ebenfalls in diese Richtung lesen: Nachdem Finanzchef Wolfgang Nickl Ende Mai in den Ruhestand getreten ist, hat Judith Hartmann seine Position übernommen. Sie war zuvor Operating Partner beim Private-Equity-Haus Sandbrook Capital. Ihre Erfahrungen im branchentypischen Dealmaking dürften bei Abspaltungen und Verkäufen hilfreich sein.BASF könnte eine Blaupause für die Fokussierung liefern. Der Dax-Konzern will 2027 einen Teil des Geschäfts mit Pflanzenschutzmitteln und Saatgut an die Börse bringen. Obwohl der Börsenaspirant nur gut ein Sechstel des Umsatzes liefert, soll der Wert des Spin-off bei mehr als 20 Mrd. € liegen. BASF selbst hat einen Börsenwert von gut 43 Mrd. €.Ist Bayer angesichts der Herausforderungen fair bewertet?Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), berechnet anhand des für die kommenden zwölf Monate erwarteten Gewinns, liegt über dem langjährigen Schnitt.Der Gewinn von Bayer ist seit 2023 eingebrochen. Allerdings erwarten die bei Bloomberg erfassten Analysten eine Trendwende: Ab 2026 soll der Jahresüberschuss wieder die Marke von 4 Mrd. € übertreffen, die er noch 2022 und auch bis 2019 schon überboten hatte. Zu dem für 2026 erwarteten Gewinn beträgt das KGV nur noch knapp 11.Niedrig bewertet ist Bayer im Vergleich mit der Konkurrenz. Vordergründig gibt es gute Gründe dafür. Immerhin wächst Bayer langsamer. Auch die Relation zwischen Nettoschulden und Gewinn (Ebitda) ist 2025 schlechter: Die Nettoverschuldung stieg 2025 stark auf den 9,6-fachen Ebitda, wegen des Gewinneinbruchs. Die Deutsche Bank rechnet für 2026 mit einem Rückgang der Verschuldungskennziffer auf das 3,3-Fache des Ebitda. Die Bewertung spiegelt insgesamt vor allem noch die schwierige Vergangenheit, ohne die positiven Anzeichen aufzunehmen.Dank des US-Urteils ist Bayer wieder auf dem Schirm der Anleger aufgetaucht. Das Management hat den Turnaround eingeleitet und erhält nun die Chance, das operative Geschäft zu stärken. Schon das macht das Unternehmen interessant. Dazu kommt die Möglichkeit einer Aufspaltung des Konzerns, die verborgenen Wert aufdecken könnte. Bayer ist damit für krisenfeste Anleger mit Geduld einen Blick wert.
Bayer: Ein US-Urteil senkt die Haftungssorgen. Kommt nun die Abspaltung eines Segments?
Bayer: Ein US-Urteil senkt die Haftungssorgen. Wird nun ein Segment abgespalten? Anleger könnten von der Auflösung des Konsortialabschlags profitieren.






