InterviewDer Experte Andreas Herzog sagt: «Der Fussball muss aufpassen, dass nicht irgendwann Roboter am Spielfeldrand stehen und entscheiden»Der frühere österreichische Nationalspieler sieht die Vorteile im WM-Final am Sonntag bei Spanien. Beim Fall Embolo hätte sich Herzog mehr Fingerspitzengefühl des Schiedsrichters gewünscht.Sven Haist, New York18.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDer spanische Weltfussballer Rodri (rechts) rettet den Ball vor dem Österreicher Sasa Kalajdzic im WM-Gruppenspiel.Charlotte Wilson / GettyAndreas Herzog, Sie kommentierten für den ORF die Spiele des österreichischen Nationalteams bei dieser Fussball-WM – darunter die Niederlagen gegen Argentinien und Spanien, die nun im Final stehen. Welches Team hat Sie mehr überzeugt?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Spanien ist für mich bislang mit Abstand die beste Mannschaft des Turniers. Alle loben zu Recht das Pass- und Positionsspiel. Mich beeindruckt diesmal vor allem die Abwehrorganisation. Das Faszinierende ist, dass die Defensivspieler dieselbe Spielintelligenz besitzen wie die Offensivspieler. Sie erkennen die Überraschungsmomente des Gegners frühzeitig und unterbinden sie. Das war auch im Halbfinal gegen Frankreich zu sehen: Viele Zuspiele in die Tiefe wurden bereits im Mittelfeld oder von den Innenverteidigern abgefangen, bevor jegliche Gefahr entstehen konnte.Spanien hat bei dieser WM dreizehn Tore erzielt und eines kassiert. Ist die Abwehr besser als der Angriff?Ja, absolut. Man muss sich das vor Augen führen: Spanien hat gegen Frankreich, vor dessen Stürmern die ganze Fussballwelt Angst hat, konsequent mit einer klassischen Viererkette verteidigt. Es spielte keine wesentliche Rolle, wie viele französische Angreifer sich vorne positionierten. Teilweise erzeugten die Spanier bereits rund zwanzig Meter vor der eigenen Abwehr einen so enormen Druck, dass sie den Ball immer wieder früh erobern konnten. So wurde die eigene Defensive entlastet. Und wenn Frankreich doch einmal durchkam, lösten die Spanier die Eins-gegen-eins-Duelle mit ihrer Zweikampfstärke und Geschwindigkeit – selbst gegen Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé und Michael Olise.Welchen Anteil daran hat der Mittelfeldstratege Rodri, der vor zwei Jahren zum Weltfussballer gewählt wurde?Er macht den Unterschied aus, weil er das Spiel kontrolliert und gestaltet. Häufig befindet er sich sogar in der gegnerischen Hälfte, um das Pressing aufzubauen, schliesst aber dennoch gleichzeitig den Raum vor dem eigenen Tor, wenn es notwendig ist. Dazu gewinnt er viele Zweikämpfe und bleibt auch unter Druck des Gegners aussergewöhnlich ruhig. Mit einem einfachen Pass oder einer Körpertäuschung befreit er sich aus der Umklammerung, ohne hektisch zu werden. Das ist nahezu perfekt. Besonders deutlich wurde das im Duell mit seinem französischen Pendant Aurélien Tchouaméni, das nicht ansatzweise die gleiche Wirkung erzielen konnte.Trotzdem spricht die Fussballöffentlichkeit vor allem über Spaniens Lamine Yamal. Warum?Die Aufmerksamkeit richtet sich meistens auf Spieler, die spektakuläre Aktionen zeigen sowie Tore erzielen. Oder auf stark parierende Torhüter. Die Bedeutung von Spielern wie Rodri wird meistens erst offensichtlich, wenn sie fehlen. Mit ihm wurde Manchester City jahrelang englischer Meister und gewann die Champions League. Als er sich anschliessend das Kreuzband riss, verlor die Mannschaft plötzlich an Stabilität und legte eine nicht für möglich gehaltene Niederlagenserie hin. Ich bin sicher, das wäre mit ihm nicht passiert.Was zeichnet Argentinien aus?Die Argentinier besitzen eine aussergewöhnliche Mentalität: Gerät die Mannschaft in Rückstand, scheint sie häufig noch stärker zu werden. Diese Widerstandsfähigkeit gehört zu den Eigenschaften, die einen echten Champion ausmachen – deshalb wurde Argentinien vor vier Jahren auch Weltmeister. Das Land ist eine Fussballmaschine. Ich habe das Gefühl, dass ihre Spielweise seriös ist. Zudem tritt die Mannschaft geschlossen und gefestigt auf.Wie zeigt sich das?Viele Spieler spulen enorme Kilometer ab, damit Lionel Messi sich im Spiel seine Auszeiten nehmen und sich schonen kann, um später seine besonderen Momente zu haben. Im Schnitt läuft er nur rund acht Kilometer. Das heisst, seine Mannschaft agiert bei gegnerischem Ballbesitz in gewisser Weise in Unterzahl. Ich kann mir zwar kaum ausmalen, wie das auch gegen das dominante Spanien funktionieren soll. Aber wenn ich für Messi nicht doppelt mitrenne, für wen sonst? Er kann aus jeder Situation ein Tor machen, wenn er den Ball erhält. Etwas Vergleichbares hat es in dieser Form eigentlich nur bei Diego Maradona gegeben.Setzen sich die argentinischen Teamkollegen stärker für Messi ein als die portugiesischen für Cristiano Ronaldo?Es wirkt zumindest so. Argentinien hat dieses System unter dem Trainer Lionel Scaloni über Jahre entwickelt, und die Mannschaft akzeptiert das, ohne zu murren. Bei Portugal hatte ich eher den Eindruck, dass die Teamkollegen es nicht ganz so klaglos hinnehmen, dass Ronaldo längst nicht mehr an seine Hochzeiten anknüpfen kann. Ihm fehlt es trotz seinen Torjägerfähigkeiten inzwischen an Dynamik und Laufwegen in die Tiefe.WM-Teilnehmer und TrainerassistentImago1990 und 1998 nahm der heute 57-Jährige mit Österreich als Spieler an der WM teil. Der Mittelfeldspieler absolvierte 103 Länderspiele für den ÖFB. Mit Werder Bremen wurde er deutscher Meister (1993) und Pokalsieger (1994, 1999) und gewann mit dem FC Bayern den damaligen Uefa-Cup (1995). Seine Laufbahn liess er 2004 bei LA Galaxy ausklingen. Später arbeitete er unter anderem als Assistent von Jürgen Klinsmann bei der amerikanischen Nationalmannschaft.Der Europameister Spanien hat unter Trainer Luis de la Fuente noch kein WM- oder EM-Spiel verloren und ist seit vierzehn Turnierpartien ungeschlagen. Wie können die Argentinier dieser Mannschaft beikommen?Mit ihrer Leidenschaft, der Unterstützung ihrer Fans und der Bereitschaft, bis an die Schmerzgrenze zu gehen. Aber das wird extrem schwierig. Die Argentinier werden viel laufen müssen. Dafür braucht die Mannschaft ihr gewohnt kompromissloses, aggressives Verteidigen an der Grenze der Legalität. Sie muss versuchen, den Spaniern den Schneid abzukaufen und ihren Spielrhythmus zu stören.Das gelingt ihnen bislang durchaus geschickt . . .. . . weil sich die Spieler gegenseitig absichern. Mal geht Leandro Paredes rustikal in den Zweikampf, dann Alexis Mac Allister, Enzo Fernández oder Cristian Romero. Das Problem ist aber: Wenn Argentinien zu tief steht, wird der Weg für Messi zum gegnerischen Tor sehr weit. Deshalb sehe ich Spanien leicht im Vorteil und eher als Favoriten.Unabhängig vom Spielverlauf dürfte dieser Final der längste der WM-Geschichte werden. Wegen der Trinkpausen sowie einer bis zu halbstündigen Halbzeitshow im Stadion mit Auftritten von Madonna oder Shakira. Werden Sie sich das anschauen?Ich fürchte mich schon davor. Was soll dieser Blödsinn? Nach einer so langen Pause müssen sich die Spieler praktisch noch einmal neu aufwärmen. Das ist lächerlich. Für mich passt das nicht zum Fussball. Ich bin ein Nostalgiker. Ich gehe wegen des Spiels ins Stadion. Für mich stehen ein Dribbling von Messi, eine Idee von Yamal oder ein genialer Spielzug im Mittelpunkt. Wenn man ein Konzert veranstalten möchte, sollte das nach dem Final stattfinden. Dann können diejenigen bleiben, die das sehen wollen.Sind diese Einlagen der WM in Amerika geschuldet, das eine eigene Vorstellung von Sport und Unterhaltung pflegt – oder wird sich das künftig auch in anderen Fussballwettbewerben durchsetzen?Ich hoffe, dass es eine Ausnahme bleibt. Natürlich kann ein Showelement seinen Reiz haben – aber nicht während einer Halbzeitpause. Man muss sich nach den Spielern richten. Es geht um zwei Halbzeiten mit je 45 Minuten plus Nachspielzeit. Jüngere Zuschauer mögen das anders sehen, aber das sind dann gewiss nicht diejenigen, die sich in der Tiefe für Fussball interessieren. Ist die Show fast so wichtig wie das Spiel, sterben die Liebhaber aus.Massive Kritik gab es auch an den Schiedsrichterleistungen bei dieser WM. Für den Final wurde nun mit dem Slowenen Slavko Vinčić ein anerkannter Spitzenschiedsrichter ausgewählt. Wie sehen Sie das Niveau?Grundsätzlich finde ich, dass die Referees immer mehr «kastriert» werden, um es salopp zu formulieren. Ihre Autorität wird durch die zunehmend umfassenderen Befugnisse des Videoassistenten untergraben. Zahlreiche Entscheidungen auf dem Platz werden nach Sicht der Videobilder wieder zurückgenommen. Ich bin für mehr Gerechtigkeit, aber nur bei eindeutigen Fehlentscheidungen. Der Fussball muss aufpassen, dass nicht irgendwann Roboter am Spielfeldrand stehen und entscheiden – so, wie in den USA inzwischen Taxis ohne Fahrer unterwegs sind.Die Schweiz haderte beim Viertelfinal-Aus gegen Argentinien mit der umstrittenen gelb-roten Karte für Breel Embolo, die den Spielverlauf massiv beeinflusste. Konnten Sie den Ärger verstehen?Absolut! Rein nach dem Regelwerk lässt sich die Entscheidung nachvollziehen. Mich störte allerdings die Vorgeschichte. Embolo wurde zuvor im Spiel mehrfach hart attackiert, bisweilen sogar getreten oder umgerissen, ohne dass die Gegenspieler mit Sanktionen belegt wurden. Stattdessen war Embolo selbst der erste Spieler der Partie, der die gelbe Karte erhielt, nachdem er in einem Zweikampf die Nerven verloren hatte.Und bei der zweiten Aktion, die zu seinem Ausschluss führte?Dort wollte er möglicherweise ein Foul ziehen, weil er mit einer weiteren Attacke gerechnet hatte. In diesem Moment kam der Kontakt jedoch nicht zustande, und er machte eine Schwalbe. Mich stört die Verhältnismässigkeit in solchen Situationen. Da erwarte ich von einem Schiedsrichter mehr Fingerspitzengefühl.Zu den grössten Enttäuschungen der WM zählt die deutsche Mannschaft. Warum hat sie zum dritten Mal in Folge den Achtelfinal verpasst?Der deutsche Fussball hat ein Stück weit seine Identität verloren. Jahrzehntelang war die Nationalmannschaft für ihre speziellen Turniertugenden bekannt. Jeder Gegner, der in Führung lag, wusste, dass die Deutschen mit ihrer Leidenschaft und Power das Spiel jederzeit drehen können. Diese Qualität ist nicht mehr in diesem Masse sichtbar. Stattdessen versucht die Mannschaft, attraktiven und spielerisch anspruchsvollen Fussball zu zeigen. Offensiv besitzt sie mit Jamal Musiala, Kai Havertz und Florian Wirtz grosses Potenzial. Aber wenn der spielerische Ansatz nicht funktioniert, fehlt die Stärke, es über Robustheit und Willenskraft zu erzwingen.Sie haben die meiste Zeit des Turniers an der amerikanischen Westküste verbracht, wo alle Spiele der US-Nationalmannschaft stattfanden. Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Gastgebers?Der Achtelfinal-Aus war eine erhebliche Enttäuschung für das Land. Nach einer guten Vorrunde entstand die Hoffnung, dass die Mannschaft für ein paar Sensationen sorgen könnte. Gerade in den USA benötigt es Erfolgserlebnisse, um sich gegen die anderen Sportarten zu behaupten. Die Amerikaner haben eine ausgeprägte Siegermentalität und wollen Siege sehen. Das Erreichen des Viertel- oder sogar Halbfinals hätte einen Schub bedeutet. Stattdessen lieferte das Team ausgerechnet im entscheidenden Moment seine schwächste Leistung ab. So haben die Amerikaner auch diesmal nicht mehr erreicht als bei den vergangenen Turnieren.Passend zum Artikel