Also stellte er eine Frage. Und bevor er die Frage stellte, sagte er gleich, dass er sie nicht selbst beantworten werde. „Ist der Schiedsrichter gut genug, um ein WM-Halbfinale zu leiten?“ Als die Reporterinnen und Reporter über eine Antwort grübelten, sprach Deschamps weiter. Er wusste, dass seine Frage als rhetorisch aufgefasst werden würde. Aber er wollte offenbar noch mehr.Didier Deschamps: „Ich habe nur eine Frage gestellt ...“Damit seine Botschaft wirklich ankam, wollte er eine Nachfrage provozieren. Damit die auch gestellt würde, sprach Deschamps weiter. „Das sage ich nicht nur, weil wir heute verloren haben. Es gab strittige Situationen, es gab günstige Schiedsrichterentscheidungen …“ So, das musste reichen.Lange musste Deschamps – natürlich – nicht warten, bis ein Reporter an die Reihe kam, der seine Frage einleitete mit der Behauptung, Deschamps habe dem Schiedsrichter die Qualität für ein WM-Halbfinalspiel abgesprochen. „Nein, das habe ich nicht gesagt“, fiel ihm der lächelnde Trainer direkt ins Wort. „Ich habe nur eine Frage gestellt. Was meinen Sie?“ Wieder wartete Deschamps nicht auf eine Antwort. „Schauen Sie sich das Spiel an …“Keine Frage: Eine Niederlage im WM-Halbfinale schmerzt. Sie schmerzt mehr, wenn es, wie für Deschamps, die letzte Chance auf den Titel war, weil er nach dem Spiel um Platz drei an diesem Samstag (23.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und bei MagentaTV) die Équipe de France nach 14 Jahren und 27 WM-Spielen – Deschamps ließ mit dem Halbfinale Helmut Schön hinter sich – verlassen wird. Und sie schmerzt noch mehr, wenn nicht wenige die Frage nach dem Weltmeister 2026 schon vor dem Finale mit einer rhetorischen Frage beantworteten: Frankreich – wer sonst?Deschamps rhetorische Qualitätsfrage bei Schiedsrichter Ivan Barton führt nicht zu der besten Antwort auf die Frage, warum diese Franzosen nicht zum dritten Mal in Serie ein Endspiel bei einer WM erreicht haben. Das größte Versäumnis des Schiedsrichters aus El Salvador war, dass er die Flasche mit dem Freistoßspray vergaß. Beim ersten Einsatz in der achten Minute griff seine Hand nach hinten – ins Leere; der Vierte Offizielle Glenn Nyberg kam sogar auf den Rasen gelaufen und brachte Barton die vergessene Flasche.Yamal wirft sich zwischen Digne und den BallWenig später brauchte er das verschwindende weiße Spray gar nicht, seit jeher markiert ein nie verschwindender weißer Punkt die Stelle, von der Elfmeter geschossen werden. Der Franzose Lucas Digne hatte einen langen Flankenball erst mit dem Kopf nach oben befördert, um ihn dann mit dem Fuß nach vorne zu schlagen. Die Zeit dazwischen nutzte Lamine Yamal, um sich zwischen Ball und Gegner zu werfen. Digne traf nicht sein Ziel, sondern Yamal, was dem zwar wehtat, den Franzosen aber noch mehr: Strafstoß.Mikel Oyarzabal erzielte sein fünftes WM-Tor (22. Minute). Eine Fehler war Bartons Entscheidung nicht, selbst wenn Yamal es mit seinem Sprung ins Schussfeld Dignes nur auf den Strafstoß angelegt hatte und ihm der Ball an den Ellbogen sprang. Vielmehr hatten die Franzosen Glück, dass Barton den mit einer Gelben Karte belasteten Adrien Rabiot nach einem Foul vor der Pause nicht des Feldes verwies. Das muss auch Deschamps so empfunden haben: In der Halbzeit wechselte er Rabiot aus.Die Antwort auf die Frage, warum Frankreich den Jackpot bei dieser WM nun nicht mehr gewinnen wird, ist kaum beim Schiedsrichter Barton zu suchen. Den nahm Deschamps’ Trainerkollege Luis de la Fuente in Schutz: „Wenn es nicht so läuft, wie man es sich wünscht, findet man immer eine Ausrede“, sagte der Spanier. Vielmehr hatten Deschamps’ Spieler auf die vielen Fragen, die de la Fuentes Spanier im Spiel stellten, viel zu oft nur die gleiche Antwort wie ihr Trainer auf seine rhetorische Frage zum Schiedsrichter: keine.Eine Frage, die sich vor diesem Halbfinale gestellt hatte, war die nach der Abwehrstärke der Franzosen. Sie konnte zuvor nicht beantwortet werden, weil die Gegner sich nie getraut hatten, sie ernsthaft zu stellen: Senegal, Irak und Norwegen ohne den geschonten Erling Haaland in der Gruppenphase, auch die harmlosen Schweden, die provozierenden Paraguayer und auch die ängstlichen Marokkaner in den K.-o.-Spielen vor dem Halbfinale nicht.Ein früherer Wolfsburger kommt im WM-HalbfinaleSpanien stellte die Frage in den Raum und fand überraschend viel davon in der französischen Defensive. Das hatte zwei Gründe: William Saliba, der englische Meister mit Arsenal, musste mit einer Verletzung in der ersten Halbzeit ausgewechselt werden. Für ihn kam der frühere Wolfsburger Maxence Lacroix – eine große Aufgabe im sechsten Länderspiel.Eine zu große: Lacroix öffnete viel Raum, in den Pedro Porro nach einem Doppelpass mit Dani Olmo lief und zum 2:0 traf (58.). Warum nicht Ibrahima Konaté als Einwechselspieler, musste sich Deschamps fragen lassen: „Saliba spielt links in der Innenverteidigung, Lacroix auch, Konaté rechts.“In die Knie gegangen: Maxence Lacroix wurde in seinem sechsten Länderspiel im WM-Halbfinale eingewechselt.AFPEine andere Personalie hatte Deschamps vor dem Spiel beantworten müssen: Er nahm Manu Koné aus der Startelf und brachte Aurélien Tchouaméni, der zuletzt angeschlagen gefehlt hatte, im Mittelfeld neben Rabiot. Nach dessen Beinahe-Platzverweis kam Koné doch wieder ins Spiel. Doch wie Deschamps es drehte und wendete: Rodri und seine Spanier dominierten das Mittelfeld mit geschickten Läufen und präzisen Pässen. Das sah dann auch der Trainer abseits seiner rhetorischen Fragerei ein: „Wir müssen anerkennen, dass wir technisch unterlegen waren gegen eine Mannschaft, die wusste, was sie tat.“Eine Frage, die sich vor diesem Halbfinale dagegen nie gestellt hatte, war die nach einer Sturmschwäche der Franzosen. Wie auch, wenn die funkelnden Diamanten Kylian Mbappé (acht Tore, drei Vorlagen), Ousmane Dembélé (fünf Tore, zwei Vorlagen), Bradley Barcola (zwei Tore, eine Vorlage), Desiré Doué (ein Tor, zwei Vorlagen) und Michael Olise (null Tore, fünf Torvorlagen) es allein regeln. Da wirken Mittelfeldbauarbeiter wie Rabiot und Tchouaméni mit je einer Vorlage in der Scorerliste wie Einbrecher im Louvre.Kylian Mbappé: „Wir müssen die Kritik der Leute akzeptieren“Dass die französischen Diamanten am Nationalfeiertag ihren Wert verloren, ist das größte Kompliment, das den Spaniern zu machen ist. Die Qualität der wenigen Chancen Frankreichs summierte sich auf einen Wert von gerade 0,3 Toren. Selten erschien die Offensive so harmlos und hilflos. Kylian Mbappés auffälligste Szene im gegnerischen Strafraum war ein spätes Frustfoul gegen Torwart Unai Simón. „Wir wollten ins Finale, wir haben es nicht geschafft, und wir müssen die Kritik der Leute akzeptieren“, sagte der Kapitän.Mit dem ungeliebten Spiel um Platz drei endet die Ära des immer beliebter gewordenen Deschamps. „Es bleibt noch ein Spiel für ihn, und wir müssen unser bestes Spiel für ihn abliefern, er hat es verdient“, sagte Mbappé. Trotz des WM-Titels 2018 und des Gewinns der Nations League 2021 bleibt nach dem dritten Scheitern an Spanien in einem Halbfinale nach der EM 2024 und der Nations League 2025 sowie den früheren Niederlagen im Endspiel der Heim-EM 2016 und der WM 2022 fraglos das Gefühl, dass mehr möglich gewesen wäre für diese so reich an Talent(en) gesegneten Franzosen.Sie werden auch bei den nächsten Turnieren zu den Favoriten zählen, dann allerdings ohne Deschamps, der es zuletzt wie kein Zweiter verstand, all die einzelnen Künstler zu einem Kunstwerk zusammenzufügen. Sein Nachfolger, wohl Zinédine Zidane, wird es doppelt schwer haben. Zum einen tritt er in die großen Fußstapfen von Deschamps, der den größten Triumph des Fußballs als Spieler 1998 und als Trainer 2018 erreichte.Zum anderen bleibt die große Sehnsucht nach dem größten Triumph, den er als Trainer 2026 trotz aller Möglichkeiten nicht nochmal erreichte, ungestillt. Die Stammspieler sind fast alle jung genug für einen weiteren WM-Zyklus. Ist Frankreich gut genug, um 2030 ein WM-Halbfinale wieder zu gewinnen? Das ist jetzt die Frage! Deschamps wird nicht der sein, der sie beantworten muss.