Spanien entzaubert Frankreich und erreicht erstmals seit 2010 wieder den WM-Final – erneut weist der Antiheld Mikel Oyarzabal den WegDer grosse Titelfavorit Frankreich bleibt im WM-Halbfinal praktisch alles schuldig. Für den scheidenden Trainer Didier Deschamps ist es nach 14 Jahren ein bitterer Abschied.14.07.2026, 23.08 Uhr4 LeseminutenSchon wieder ein entscheidender Treffer auf der ganz grossen Bühne: Mikel Oyarzabal (Mitte) feiert seinen verwandelten Penalty.Shawn Thew / EPAAlles ist grösser in Texas, heisst es. Und das war auch die Erwartung für diesen WM-Halbfinal: grosse Unterhaltung, Spektakel. Beim Duell der zwei grossen Titelfavoriten Frankreich und Spanien, den nicht wenige Beobachter als so etwas wie den vorgezogenen Final apostrophierten. Vor einem Jahr totalisierten diese Teams neun Treffer bei einem 5:4-Sieg Spaniens. Aber das war halt auch lediglich der Halbfinal in einem Wettbewerb, den kaum jemanden ernsthaft interessiert: der Nations League.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein WM-Halbfinal spielt sich mit stärker angezogener Handbremse, es steht zu viel auf dem Spiel für taktischen Freistil. Und doch bestand in der Weltöffentlichkeit die Hoffnung auf Feuerwerk. Vor allem von Frankreich am Nationalfeiertag, dem Quatorze Juillet, festgelegt im Gedenken an den Sturm auf die Bastille.Aber der Sturm auf Arlington blieb aus. Die Franzosen stiegen als klarer Favorit in diese Partie. Sagten die Buchmacher. Sagten die überwältigende Mehrheit der «Experten», vor denen in diesen Tagen kein Mikrofon und keine Zeitungsspalte sicher ist.Frankreich stellt 2026 eine Offensive, die zum Träumen einlädt. Den WM-Topskorer Kylian Mbappé. Michael Olise von den Bayern. Den aktuellen Weltfussballer Ousmane Dembélé. Das Trio sollte die spanische Abwehr zum Schwitzen bringen. In der bei geschlossenem Dach auf 22 Grad klimatisierten Heimstätte des NFL-Teams Dallas Cowboys. Um 14 Uhr Ortszeit, damit die TV-Stationen im wichtigen europäischen Markt ihre horrenden Medienrechtsabgaben an die Fifa mit TV-Spots zur Primetime refinanzieren können.Der Trainer Deschamps verabschiedet sich nach 14 JahrenDoch Mbappé fiel gegen klug organisierte und geschickt verteidigende Spanier sehr wenig ein. Nicht annähernd genug jedenfalls, um zum dritten Mal in Folge den WM-Final zu erreichen. Der scheidende Trainer Didier Deschamps wird sich seine Dernière nach 14 Jahren anders ausgemalt haben. Völlig überraschen konnten ihn die Ereignisse des Nachmittags nicht: Gegen keine andere Nation weist der einstige Spielmacher von Juventus Turin eine so schlechte Bilanz aus wie gegen Spanien. Das 0:2 von Arlington war für ihn die fünfte Niederlage im achten Vergleich. Der spanische Jüngling Lamine Yamal lag mit seinem Votum richtig, als er vor der Partie auf die Frage, ob sein Team «Angst vor Frankreich» habe, so antwortete: «Sie sollten Angst vor uns haben.»Yamal, am Montag 19 Jahre alt geworden, spielt bisher eine transparente WM. Aber gegen Frankreich war er es, der Spanien den Weg ebnete. Und das kam so: In der 20. Minute versucht der bei Aston Villa engagierte linke Aussenverteidiger Lucas Digne, einen Ball im eigenen Strafraum aus der Drehung heraus zu klären. Er realisiert nicht, dass Yamal heranrauscht. Und trifft ihn mit voller Wucht am Oberschenkel. Den fälligen, unstrittigen Penalty verwandelt Mikel Oyarzabal zum 0:1.Oyarzabal, der loyale spanische AntiheldOyarzabal, 29, ist einer der sichersten Penaltyschützen des Weltfussballs. Und eine Art Antiheld, wie es sie im modernen Fussball nicht mehr oft gibt. Oyarzabal ist ein Sohn des Baskenlands, dieser wunderbar rebellischen Region im spanischen Norden, deren Menschen ihre Unbeugsamkeit in die Moderne gerettet haben. Oyarzabal, ein Leisetreter, hat in seiner Profikarriere für einen einzigen Klub gespielt: Real Sociedad aus San Sebastian. In der abgelaufenen Saison hat Real Sociedad Platz 10 erreicht. Oyarzabal ist dem Verein eigentlich längst entwachsen, aber er ist das lebende Beispiel dafür, dass es nicht zwingend ist, sich von milliardenschweren Grossklubs oder saudischen Prinzen vergolden zu lassen, um Erfüllung in diesem Sport zu finden. Es wird fast unmöglich sein, in San Sebastian dereinst in seine Fussstapfen zu treten. Schon nur physisch: Er trägt Schuhgrösse 47.In der Ära Oyarzabals ist die beste Platzierung Real Sociedads bisher Rang 4. Aber das Team gewann zwei Mal die Copa del Rey, den spanischen Cup. Und regelmässig glänzt er im Nationalteam: An der Euro 2024 war er es, der Spanien in Berlin in der 86. Minute zum Titel schoss. Nun hievte er sein Land dorthin, wo es lange nicht mehr stand: in den WM-Final.Seit dem einzigen Weltmeistertitel am Turnier in Südafrika von 2010 unter dem Coach Vicente del Bosque war die stolze Fussballnation Spanien an Weltmeisterschaften in erster Linie eine beständige Enttäuschung. 2014 scheiterte das Team gegen Australien, Chile und die Niederlande schon in der Gruppenphase. 2018 (gegen Russland) und 2022 (gegen Marokko) war im Achtelfinal Schluss, jeweils im Penaltyschiessen.Nun aber greift Spanien am Sonntag in East Rutherford, New Jersey, nach dem Titel. Das ist der Lohn dafür, dass dieses Kollektiv die hochgelobten Franzosen so souverän in Schach hielt. Pedro Porro, der bei Tottenham engagierte Verteidiger, sorgte in der 58. Minute mit dem zweiten Treffer für die Entscheidung. Eine Reaktion Frankreichs blieb aus.Spaniens Gegner wird der Sieger der Partie Argentinien gegen England sein – die Herausforderer duellieren sich am Mittwochabend um 21 Uhr MESZ in Atlanta.Passend zum Artikel