Das Kraftwerk Niederaussem in Nordrhein-Westfalen. Foto: imago/blickwinkelEs war von Anfang an klar, dass der Emissionshandel allein die Industrie niemals auf Netto-Null bringen würde. Emissionen zu verteuern, spornt Unternehmen in der Regel an, kleine Sparmaßnahmen umzusetzen. Die Energieeffizienz zu steigern, etwa. Aber für milliardenschwere Investitionen in neue Anlagen, für die die passende Infrastruktur noch gebaut werden muss, reicht der Emissionshandel allein als Anreiz nicht aus.Deswegen schlägt die EU-Kommission nun einen Richtungswechsel ein: Die Kernelemente des Emissionshandels – dass Unternehmen für ihre Emissionen zahlen müssen, dass der CO₂-Preis weiter steigt, während die Emissionszertifikate immer knapper werden – hebelt sie aus.Stattdessen setzt sie als neues Instrument darauf, Investitionen in emissionssparende Anlagen attraktiver zu machen. Die Einnahmen aus dem Emissionshandel sollen stärker an die Industrie zurückfließen und keine nationalen Haushaltslücken stopfen. Ein Teil der Zertifikate soll einen „Investitionsbooster“ füllen, und nur Unternehmen, die in ihre Dekarbonisierung investieren, können diese abrufen. Und die großzügigere Verteilung der kostenlosen Zertifikate soll ebenfalls an die Bedingung geknüpft sein, dass Unternehmen in Europa investieren.EU-Reform CO2-Preis sinkt um bis zu 20 Euro – was sich am Emissionshandel ändern soll Die EU will das Tempo ihrer Klimapolitik reduzieren – und die heimische Industrie entlasten. Doch die Erleichterungen gibt es wohl nur unter einer wichtigen Bedingung. von Henrike Adamsen und Cordula TuttEmissionen der deutschen Industrie sinkenMit diesem neuen Ansatz reagiert die Kommission darauf, dass der Emissionshandel in der Industrie bislang nicht die gewünschte Wirkung entfaltet hat. In Deutschland sind die Emissionen in den Industrieanlagen zwar in den vergangenen Jahren gesunken, aber das lag größtenteils an der geringeren Produktion.Das heißt nicht, dass der Emissionshandel den Produktionsrückgang ausgelöst hat. Bislang erhalten Industrieunternehmen genau aus dem Grund, ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu schützen, im Schnitt 90 Prozent der Zertifikate kostenlos. Dass die Industrie so schlecht dasteht, hat viele Gründe, die nichts mit Klimapolitik zu tun haben.Klimawandel Brüssel geht beim Emissionshandel auf die Industrie zu Die ETS-Reform bringt Entlastung für energieintensive Branchen: Sie enthält mehr kostenlose Zertifikate, neue Investitionsanreize und einen gestreckten Zeitplan. von Daniel GoffartAber ist diese Entkernung des Emissionshandels nun der richtige Schritt? Gelingt es so in Zukunft besser, dass Unternehmen ihre Emissionen senken? Ja und Nein.Ja, weil, wenn man Industrieunternehmen fragt, sie die fehlenden Rahmenbedingungen als wichtigstes Hindernis nennen. Es fehlt: günstiger grüner Strom, schnell gebaute Stromanschlüsse, günstiger grüner Wasserstoff. Diese Investitionen zu bezuschussen, ist sinnvoll. Sie müssen alle so schnell wie möglich umgesetzt werden. Das als oberste Priorität zu setzen, ist sinnvoll.CO₂-Preis bleibt nahe der 80 EuroInteressanterweise leiden nicht alle Industrieunternehmen unter den fehlenden Rahmenbedingungen. Manche nehmen die Dinge auch selbst in die Hand: Das Stahlunternehmen Saarstahl etwa baut ein neues Umspannwerk, um den neuen Elektrolichtbogenofen mit dem Strombedarf einer Großstadt zu versorgen. Ab 2029 soll grüner Wasserstoff aus Frankreich fließen. Das Unternehmen hatte mit einem steigenden CO₂-Preis kalkuliert. Durch die Reform dürfte der Preis bis auf Weiteres bei 80 Euro herumdümpeln. Der grüne Wettbewerbsvorteil ist dahin.Das ist nämlich die Gefahr der Reform: dass der Druck, zu dekarbonisieren, nachlässt. Insofern ist der Schritt der Kommission, die Erleichterungen an Investitionsbedingungen zu knüpfen, sinnvoll, und dämmt diese Gefahr ein. Das lässt sich auch an dem CO₂-Preis ablesen, der sich auf dem Markt für Emissionszertifikate bildet. Zuletzt war er nur um ein paar Euro gefallen und lag immer noch nahe der 80 Euro. Das ist ein wichtiges Signal für die Glaubwürdigkeit der EU-Klimapolitik. Wäre der Kurs abgestürzt, hätte das gezeigt, wie stark Analysten die Reform als Entwertung deuten.Die Reformpläne der Kommission haben auch eine andere Konsequenz: Damit die Entlastungen für die Industrie nicht die EU-Klimaziele gefährden, müssten andere Sektoren schneller ihre Emissionen senken. Umso wichtiger ist es, dass die EU-Kommission den zweiten Emissionshandel für Verkehr und Gebäude einführt. Der Start war auf Drängen einiger EU-Mitgliedsländer von 2027 auf 2028 verschoben worden. Denn das ist der eigentliche Trade-off: Wenn alle anderen bei Wärmepumpen und Elektroautos mehr Gas geben würden, könnte sich die Industrie auch mehr Zeit lassen.