An diesem Freitag will die EU-Kommission ihren Plan vorlegen, wie der EU-Emissionshandel (ETS) reformiert werden soll. Das zentrale Instrument des europäischen Klimaschutzes hat seit dem Jahr 2005 dafür gesorgt, dass planbar der Treibhausgasausstoß in den Mitgliedsstaaten reduziert wurde. Dies wurde erreicht, indem Unternehmen Jahr für Jahr weniger Emissionsrechte zugeteilt bekamen. Weil diese handelbar sind, werden die Tonnen CO₂ dort eingespart, wo es finanziell am günstigsten ist.Mit der Revision könnte ein neues Instrument eingeführt werden, nämlich negative Emissionen, also die Entnahme von CO₂ aus der Atmosphäre (Carbon Dioxide Removal, CDR). Darauf hofft eine Branche, die sich zuletzt positiv entwickelt hat und besonders in Deutschland innovativ ist. „Unsere Erwartung ist, dass man sich klar dafür aussprechen wird, Removals zu integrieren“, sagte Stefan Schlosser, Geschäftsführer des Deutschen Verbands Negative Emissionen, kurz vor der Brüsseler Entscheidung der F.A.Z.: „Wir plädieren dafür, ein technologieneutrales Portfolio dauerhafter Entnahmepfade zu unterstützen, da kein einzelner Pfad die nötige Skalierung allein leisten kann.“Der Markt für CO₂-Kompensationen stand lange in der KritikZu den Removals zählen Methoden wie Pflanzenkohle, beschleunigte Verwitterung oder „Direct Air Capture“, die nachweisbar technisch Treibhausgase binden. Noch fehle es dem Markt an Regeln, damit er wachsen kann. Fast alle Dax-Konzerne beschäftigen sich mit dem Thema, einige kaufen in siebenstelliger Euro-Höhe Kapazitäten ein. Damit das Removal in den Emissionshandel einbezogen werden kann, müsse sichergestellt werden, dass Zertifikate dieses Systems nicht durch minderwertige Techniken verwässert werden, fordert Schlosser.So war in der Vergangenheit der freiwillige Markt für CO₂-Kompensationen in Kritik geraten, weil Baumpflanzprojekte mehrfach Unternehmen zugerechnet wurden oder von geringer Qualität waren. Auch Investitionen in Solaröfen in Afrika lassen sich nicht klar einer CO₂-Einsparung zuordnen. Solche Projekte dürften nicht Teil des Systems sein, sagt Schlosser. Techniken mit einem Nachweis, wie viele Tonnen CO₂ ausgeglichen werden können, erfreuen sich unter US-amerikanischen Techunternehmen wie Microsoft oder Google großer Beliebtheit. Sie wollen mit Investitionen sicherstellen, dass sie ihre Klimaschutzambitionen trotz zusätzlicher Rechenkapazitäten für Künstliche Intelligenz erreichen.„Wir werden immer Restemissionen haben“, sagt Schlosser. Damit die EU-Staaten ihr Netto-Null-Ziel erreichten, seien negative Emissionen nötig. Besonders Industrien, die technisch kaum um CO₂-Ausstoß herumkämen, seien darauf angewiesen. Dazu zählen die Müllverbrennung sowie die Zement- und Kalkherstellung. „Schon allein deswegen brauchen wir Negativemissionen, um diesen verbleibenden Rest auszugleichen“, sagt er. Dafür brauche es hochwertige Zertifikate, die den Einsparerfolg dokumentierten. Das Carbon Removal Certification Framework der EU aus dem Jahr 2024 biete dafür eine vielversprechende Grundlage.CO₂-Preis des ETS weicht vom Preis negativer Emissionen abBislang weicht der CO₂-Preis des ETS stark von dem der Removal-Techniken ab. Eine Tonne, die durch Pflanzenkohle gebunden wird, kostet rund 150 Euro. Mit Direct Air Capture wird derselbe Effekt mit rund 600 Euro Aufwand erreicht. Eine Studie der ETH Zürich erwartet, dass der Preis auf 200 Euro fallen kann. Die Preislücke gegenüber dem aus dem ETS resultierenden CO₂-Preis müsse durch staatliche Förderung sukzessive geschlossen werden, sagt Schlosser. Dafür seien im Bundeshaushalt 500 Millionen Euro reserviert, um den Markthochlauf zu sichern.Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group hatte den Gesamtaufwand dafür auf fünf Milliarden Euro geschätzt. „Der Gesetzgeber hat sich noch nicht festgelegt, wie die Mittel verwendet werden“, erläutert Schlosser. Für ihn liege der Fokus darauf, trotz sehr unterschiedlicher Techniken hochwertige und handelbare Zertifikate zu ermöglichen. „Unternehmen und Investoren sagen: Wir brauchen dieses Signal“, sagt Schlosser: „Es geht nicht um einen Zuschuss zu den technischen Anlagen, sondern dass Zertifikate gehandelt werden können.“
Negative Emissionen: Wie die EU ihr Klimaziel erreichen will
Mit weniger Energieverbrauch allein werden Unternehmen ihre Klimaziele kaum erreichen. Deshalb könnten nun Techniken zur Entnahme von CO₂ aus der Atmosphäre in den Emissionshandel eingebunden werden.









