Hoher CO2-Preis: Die EU schlägt Änderungen vor, trotzdem sprechen die Firmen von brutalem «Industrieabbau»Weil die Industrie massenhaft Stellen streicht, gerät die Klimapolitik der EU unter Druck. Sündenbock ist das wichtigste Instrument der EU und der Schweiz: das Emissionshandelssystem (ETS).17.07.2026, 16.30 Uhr5 LeseminutenWenn die EU und die Schweiz am Emissionshandelssystem keine Änderungen vornähmen, hätte das starke Folgen für den Tourismus: Fliegen wäre kein Massenvergnügen mehr.Andreas Becker / KeystoneBis 2050 will Europa klimaneutral sein. Das Schlüsselinstrument dafür ist das Emissionshandelssystem (ETS). Die hohen Preise der Verschmutzungszertifikate versetzen Politiker und Industrievertreter allerdings in Panik. Die EU schlägt Änderungen vor.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was ist das ETS?Wer das umweltschädigende Gas CO2 ausstösst, soll bezahlen. Das ist die Philosophie des europäischen Emissionshandelssystems, mit dem auch das Schweizer Emissionssystem verknüpft ist.Für jede Tonne CO2, die eine Firma emittiert, benötigt sie ein Zertifikat. Sie kann dieses an Auktionen kaufen und wieder veräussern. Einen Teil der Zertifikate erhalten die Firmen gratis. Rund 10 000 Gesellschaften aus den Sektoren Industrie, Energie und Flugverkehr unterliegen dem ETS. Sie sind für 40 Prozent des CO2-Ausstosses in Europa verantwortlich.Es gibt eine Obergrenze, wie viel CO2 die Unternehmen ausstossen dürfen. Dieser Cap wird jedes Jahr gesenkt. Der CO2-Preis bildet sich nach Angebot und Nachfrage. Derzeit beträgt er 80 Euro.Die EU-Kommission sieht im ETS einen grossen Erfolg. Jene Unternehmen, die in das ETS eingebunden seien, würden 50 Prozent weniger CO2 ausstossen als vor zwanzig Jahren. Diese Sichtweise dürfte allerdings verzerrt sein. Der Rückgang ist auch darauf zurückzuführen, dass die traditionelle Industrie in Europa immer weniger produziert.Wo liegt das Problem des ETS?Als das ETS vor 21 Jahren eingeführt wurde, lag der CO2-Preis bei unter 10 Euro. Die Umwelt zu verschmutzen, ist seither also viel teurer geworden.Gewisse Unternehmen, etwa aus der Chemiebranche, erachten das als Problem. Ihnen machen die chinesischen Konkurrenten zu schaffen, ferner die hohen Energiepreise und die Bürokratiekosten. Deshalb brauchten sie den CO2-Preis nicht auch noch oben drauf, sagen sie.Andere Firmen, etwa die Zementhersteller Holcim und Heidelberg Materials oder die deutsche Saarstahl, haben sich dagegen angepasst und den CO2-Ausstoss verringert. Dafür erhalten sie teilweise Gratiszertifikate, die sie gewinnbringend veräussern können. Holcim beispielsweise hat kein Interesse an einem massiv niedrigeren CO2-Preis, weil das umweltfreundlich hergestellten Zement relativ verteuerte. Das gleiche gilt etwa für Saarstahl: Der Schritt vom fossil zum elektrisch betriebenen Stahlofen rentiert nur, wenn der CO2-Preis wie angedacht weiter steigt.Im Rahmen des Green Deal sind die Rahmenbedingungen des ETS allerdings verschärft worden, auch auf Druck von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: Demnach dürfen die Firmen, die Teil des ETS sind, ab 2039 kein CO2 mehr ausstossen.Das ist die Folge der jährlich sinkenden Obergrenze. Gewisse Stahl- oder Chemiefirmen werden es allerdings nicht schaffen, bereits in 13 Jahren emissionsfrei zu produzieren. Fliegen würde zudem massiv teurer, da CO2-neutrales Flugbenzin bis dann kaum in grosser Menge und zu günstigen Preisen vorhanden sein wird. Daher gibt es einen politischen Konsens, dass am ETS Änderungen vorgenommen werden müssen.Hat nur Europa ein ETS?Nein, einige Länder, aber auch gewisse Gliedstaaten der USA haben ein Emissionshandelssystem. Weltweit gibt es inzwischen rund 40 von ihnen. Das europäische ETS ist allerdings das strengste. Erstens ist der CO2-Preis nirgends so hoch wie hier. Zweitens kennen viele Staaten keine Obergrenze beim CO2-Ausstoss. Die Emissionen nehmen - anders als in Europa - mit dem Wirtschaftswachstum weiter zu.Auch in China, dessen Produktionskraft viele europäische Firmen fürchten, unterliegt die traditionelle Industrie einem CO2-Preis. Er beträgt allerdings bloss 10 Dollar. Zu einer Reduktion der Emissionen hat das bisher nicht geführt, die Wende soll jedoch ab 2030 erfolgen.Was ändert die EU?Europas Firmen erhalten mehr Luft zum Atmen. Die Kommission wird mehr Gratiszertifikate ausgeben als bisher geplant – allerdings unter Bedingungen. Damit Unternehmen sie erhalten, müssen sie entweder bereits besonders umweltschonend produzieren oder ein Versprechen abgeben: in der EU in umweltfreundlich produzierende Fabriken zu investieren.Derzeit fällt die CO2-Obergrenze, der «Cap», pro Jahr um 4,3 Prozent. Das Tempo soll gesenkt werden, auf 3,7 Prozent ab 2031 und 1,7 Prozent ab 2036. Stahlfirmen oder Chemiehersteller werden bis in die 2040er Jahre noch CO2 ausstossen dürfen.In die Pflicht nimmt die EU die Mitgliedsländer. Einige von ihnen haben die Unsitte entwickelt, die Einnahmen aus dem ETS ins allgemeine Budget zu lenken, vor allem um Finanzlöcher zu stopfen. Als grösster Sünder gilt Italien. Die EU-Kommission will nun strengere Regeln. Die Hälfte der Einnahmen aus dem ETS soll dazu verwendet, Unternehmen bei der Dekarbonisierung zu unterstützen.Das sind nur die bedeutendsten Vorschläge eines Wusts an Änderungen. Sie machen den ETS bürokratischer. Dabei galt er einst als einfaches marktwirtschaftliches Instrument, um auf effiziente Weise zur Klimaneutralität zu gelangen. Aber Einheitslösungen haben es in der EU schwer – zu unterschiedlich sind die Länder und ihre Interessen. In Osteuropa beruhte die Energieversorgung jahrzehntelang auf Kohle. Der Startpunkt für die Energiewende ist somit ein ganz anderer als in Skandinavien, wo die Wasserkraft relativ viel Gewicht hat.Trotz solchen Unterschieden und den vorgeschlagen Reformen hält die EU am Klimaziel fest. Bis 2040 soll der Ausstoss von CO2 und anderer Treibhausgase um 90 Prozent sinken, und das im Vergleich mit 1990. Weil die EU das Emissionstempo aber reduziert, muss eine Lücke von ein paar Prozentpunkten gefüllt werden. Dafür will die EU die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre fördern.Was bedeuten die Reformen für die Schweiz?Das ETS der Schweiz ist mit jenem der EU verknüpft. Um Wettbewerbsverzerrungen zu verhindern, muss das Land Änderungen, welche der Staatenbund vornimmt, übernehmen. Im Luftverkehr geschieht das automatisch. In anderen Bereichen prüft der gemischte Ausschuss EU-Schweiz, was vorgekehrt werden muss, damit zwischen Schweizer Firmen und jenen in der EU weiterhin gleichwertige Wettbewerbsbedingungen herrschen.Wie reagieren Wirtschaft und Politik ?Zu den härtesten Kritikern des ETS zählt der deutsche Verband der chemischen Industrie (VCI). Die Vorschläge der EU-Kommission haben daran nichts geändert. Die Transformationspolitik der EU grenze «an wirtschaftspolitischen Kahlschlag», meinten VCI-Vertreter am Freitag. Der ökologische Umbau scheitere nicht am Willen der Firmen. Vielmehr fehle es an grünem Strom, Netzanschlüssen, Wasserstoffleitungen und der Bereitschaft von Kunden , für «grüne» Produkte mehr zu bezahlen.Die deutschen Sozialdemokraten in Brüssel verlangen, dass die Firmen nicht nur in Europa investieren müssen, um mehr Gratiszertifikate zu erhalten. Sie sollen auch Arbeitsplatzgarantien abgeben. Hier wolle man «nachschärfen» , sagt der EU-Parlamentarier Tiemo Wölken.Das Europäische Parlament und die EU-Länder müssen den Änderungen noch zustimmen. Ein verbissener Kampf um die Mehrheit ist absehbar. Die Gefahr, dass sich die Gremien in Detailfragen verheddern, ist gross. Die Differenzen der Länder, wie rasch es mit der Dekarbonisierung vorwärts gehen soll, bleiben.Passend zum Artikel