Pech, Stürze und Formkrisen: Das Schweizer Team Tudor zahlt an der Tour de France LehrgeldDas Radsportteam erlebt eine verkorkste Saison. Auch, weil die drei stärksten Fahrer nicht auf Touren kommen. Die Teamführung will trotzdem geduldig bleiben.17.07.2026, 14.30 Uhr4 LeseminutenLeiden an der Tour: Julian Alaphilippe steht symbolisch für die Probleme bei Tudor.David Pintens / ImagoRaphael Meyer, der CEO des Schweizer Tudor-Teams, hat kürzlich an der Tour de France Richard Plugge getroffen, den Direktor von Visma – Lease a Bike.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Plugge zu Meyer: «Schwierige Saison . . .» Meyer: «Ja.» Plugge: «Ich habe mehr solche Jahre erlebt als andere. Es hat gedauert, bis wir dort waren, wo wir heute sind.»Plugge führt seine Mannschaft seit über einem Jahrzehnt. Erst in den vergangenen fünf Jahren feierte sie ihre grössten Triumphe: den Sieg bei allen drei Grand Tours, darunter 2022 und 2023 den Gesamtsieg bei der Tour de France mit Jonas Vingegaard.Tudor hingegen ist von solchen Meriten weit entfernt. Das Schweizer Team gibt es in dieser Form erst seit dreieinhalb Jahren, es bestreitet heuer die zweite Tour de France, den zweiten Giro d’Italia, sammelt Erfahrungen. Zu Beginn des Jahres waren die Ambitionen dennoch gross. Die Equipe träumte von Etappensiegen an den grossen Rennen, vom Maillot jaune sogar nach der Startetappe der Tour in Barcelona, einem Teamzeitfahren.Alaphilippe wagt die FluchtDie Realität auf Frankreichs Strassen brachte stattdessen Rückschlag um Rückschlag. Matteo Trentin und der Sprinter Arvid de Kleijn gaben das Rennen vorzeitig auf. Julian Alaphilippe, der zweifache Weltmeister, kugelte sich die Schulter schon vor dem Start aus. Er hatte einem Bekannten zugewinkt. Trotzdem quält er sich weiter durch die Etappen.Meyer sagt: «Wir sind mit jenen Fahrern am Start, die wir zur Verfügung haben. Wir wussten, dass das schwierig werden könnte.» Er verhehlt wie sein Compagnon Fabian Cancellara, der Mitbesitzer, nicht, dass er mit den mageren Resultaten unzufrieden ist: «Doch das gilt auch für die Fahrer. Würden sie sich nicht ärgern, liefe etwas falsch.»Die Probleme bei Tudor lassen sich exemplarisch an Alaphilippe ablesen. Auf dem elften Teilstück, einer klassischen Flachetappe, bildete sich am vergangenen Mittwoch eine vierköpfige Fluchtgruppe aus kleineren Teams, die wie so oft vergeblich auf die grosse Sensation hoffte. Mittendrin: der 34-jährige Franzose. Doch Alaphilippe, der bis vor fünf Jahren zur Weltspitze gehörte, verlor am einzigen nennenswerten Anstieg des Tages – einer besseren Bodenwelle – den Anschluss an seine keineswegs hochkarätigen Begleiter.Tudor fehlt die Breite – und das Budget ist noch zu geringEs ist ein schmerzhafter Kontrast. Alaphilippe trug bei der Tour schon das Maillot jaune, gewann Etappen, ganz Frankreich war begeistert. Doch das war 2019. Heuer steht er sinnbildlich für die Krise bei Tudor. Vor dem Start in Barcelona sagte Alaphilippe zur NZZ, er sei motiviert und freue sich auf die Rundfahrt, es gehe ihm gut. Er wirkte dabei verhalten. Wie sein Team durchlebt auch der Star ein schwieriges Jahr.Die Frühjahres-Classiques sind eigentlich sein Terrain, doch nach einer verkorksten Vorbereitung entschieden sich Alaphilippe und seine Equipe im April zu einem radikalen Schritt. Abbruch, keine Rennen mehr, dafür ein Neuaufbau. Alaphilippe sagte: «Mir ging es körperlich und mental nicht gut.» Er deutete persönliche Probleme an. In einer psychisch so fordernden Sportart sind Spitzenleistungen unter diesen Umständen unmöglich.«Die fehlenden Resultate sind hart zu akzeptieren, aber wir verfolgen ein langfristiges Projekt», sagt der CEO Meyer. Seiner Equipe fehle es an Breite, das spürt er in Jahren wie diesem, die das ganze Team Geduld lehren. «Ausserdem sind wir beim Budget noch weit entfernt von den Spitzenteams.» Tudor fährt für die nächsten drei Jahre noch mit einer zweitklassigen Pro-Lizenz, wird aber zu den grossen Rennen eingeladen.Die Grossverdiener sind bisher wenig in Erscheinung getretenEs komme in diesem Jahr vieles zusammen, sagt Meyer. Tudors Neuzugang Stefan Küng verletzte sich schon Ende Februar, fiel mit einem gebrochenen Oberschenkel monatelang aus. Im April stürzte auch der zweite Schweizer Spitzenfahrer, Marc Hirschi. Er brach sich das Schlüsselbein und verpasste den Giro d’Italia im Mai, ist dafür an der Tour de France am Start.In Frankreich ist Hirschi wie schon beim Comeback an der Tour de Suisse noch nicht in Erscheinung getreten. Seit seinem Durchbruch und dem Tour-Etappensieg 2020 ist der 27-Jährige das grösste uneingelöste Versprechen im Schweizer Radsport. «Bei Hirschi stimmt die Form. Der Knoten muss einfach platzen, ich bin überzeugt, dass es dazu kommt», sagt Meyer.Alaphilippe, Hirschi, Küng – das sind die Grossverdiener bei Tudor. Der Gegenwert in Form von Resultaten: bescheiden. Meyer ist dennoch überzeugt von der Verpflichtung des Trios. «Die Resultate fehlen zwar. Aber es gibt andere Gründe, zum Beispiel die Auswirkungen auf das Teamgefüge, die eine Verpflichtung rechtfertigen.» Alaphilippe beispielsweise wirkt bei Tudor als Mentor für talentierte Fahrer, lässt sie an seinen Erfahrungen teilhaben.Ein solcher Fahrer ist das Tudor-Eigengewächs Yannis Voisard, 27 Jahre alt. Der Jurassier bestreitet seine erste Tour, belegt im Gesamtklassement den 16. Rang. Für Meyer ist Voisard ein Erfolg, weil er die sportliche Zukunftsperspektive der Equipe verkörpert.Vier Wochen nach der Tour de France findet die Vuelta statt. Tudor wird an der Spanienrundfahrt wieder am Start sein. «Das ist das Schöne an unserem Sport: Die nächste Chance folgt bald», sagt Meyer. Er will die Saison keineswegs abschreiben. Doch vorerst ist vor allem eines gefragt: Geduld.Passend zum Artikel