Miesmuscheln, Vongole – und sogar Touristen: wenn die Hitze alles wegbrenntItalien verzeichnet bereits die dritte Hitzewelle in Folge in diesem Sommer. Erkundungen in einem Land, das geübt ist im Umgang mit Sommer und Wärme.16.07.2026, 11.28 Uhr4 LeseminutenHitzebedingt kaum Warteschlangen: ein paar wenige Touristen vor dem Kolosseum.Imago«Bollino rosso», höchste Warnstufe: Mit jedem Tag verschärfen Italiens Behörden die Gefährdungslage weiter. Am Mittwoch lagen noch vier Städte im roten Bereich, für den Donnerstag wurde der Hitzenotstand schon für fünfzehn Städte ausgerufen. «Bollino rosso» steht im Amtsjargon für anhaltende Hitzewellen mit hoher Gesundheitsgefährdung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit voller Wucht haben die Rekordtemperaturen dieses Sommers das Land erreicht, nachdem der Schwerpunkt bisher weiter im europäischen Westen gelegen hatte. Es sei schon die dritte Hitzewelle dieses Sommers, sagen die Experten im Fernsehen, und das Publikum rätselt darüber, ob es zwischen der zweiten – von letzter Woche – und der dritten jemals eine Pause gegeben hat.Erschwerend kommt nun aber der Saharastaub dazu, der sich aus südlicher Richtung über den Stiefel verteilt, die nächtliche Wärmeabgabe beeinträchtigt und so für wärmere Nächte in Italiens Städten sorgt. In Norditalien wiederum werden für die nächsten Tage Gewitter und Hagel erwartet: Die Hitzewarnung geht in diesen Regionen nahtlos in eine Unwetterwarnung über.Kein Streit um KlimaanlagenWarnungen hin oder her: Italien kennt sich aus mit Sommer und Hitze – ja, es gibt kaum ein europäisches Land, das sich besser auf Sommer versteht als Italien. Und das umgekehrt für den Winter sonderbar schlecht gerüstet ist, so, als sei die kalte Jahreszeit nur eine Angelegenheit von ein paar Tagen, ein meteorologischer Irrtum. Nirgendwo kann man mehr frieren als im Winter am Mittelmeer. Aber das ist jetzt weit weg, Nebenprodukt eines Gedankenkarussells in tropischen Nächten.Sommer ist das Ziel, auf das hier alles ausgerichtet ist. Die paar freien Wochen, manchmal sind es nur Tage, sollen sämtliche Wünsche erfüllen. Also verwendet das Land viel Energie auf die Organisation des leichten Lebens am Meer: Es gibt unzählige Feiern und Feste, sogenannte «Sagre», an denen regionale Spezialitäten zubereitet werden; es werden Karussells und Riesenräder aufgestellt, Stühle für Freilichtkinos herangeschafft; es gibt Opernaufführungen «sotto le stelle», unter freiem nächtlichem Himmel, viel Lärm und Lachen bis spät in die Nacht.Ferragosto, das bedeutet immer noch, auch zweitausend Jahre nach dessen Erfindung durch Kaiser Augustus: Feiern, Geselligkeit, Spass. Trendige Ferienkonzepte – Relax, Regeneration, Ruhe – führen demgegenüber ein Nischendasein.Entsprechend locker, im Norden würde man mit erhobenem Zeigefinger sagen: sorglos, gehen die Italiener mit der Hitze um. Die Nutzung von Klimaanlagen ist hier kein Politikum wie anderswo in Europa. Der winterliche Heizpilz geht fast nahtlos in den sommerlichen Propeller über, mit eingebautem Wassertank für den kühlenden Sprühnebel. Wenn es heiss ist, kühlt man eben – so gut es halt geht.Man passt den Lebenswandel an die Umstände an: Kein Römer, der sich über Mittag nach draussen wagen würde, niemand, der jetzt seine Dachterrasse nutzt – mag sie noch so schön und romantisch überwachsen sein. Alles verriegelt, verschlossen.Das öffentliche Leben kommt selbst in der Hauptstadt zum Stillstand. Es herrscht eine sonderbare Trägheit in der Stadt, alles bewegt sich wie in Zeitlupe. Einkäufe und Besorgungen werden frühmorgens getätigt, wer später hinausmuss, tastet sich langsam den Fassaden entlang, sucht Schatten, wo es nur geht: unter Verkehrsschildern, Anzeigetafeln, den spärlichen Pinien.Weniger Vongole, weniger ParmesanAber es gibt Kollateralschäden, solche, die auch dem Sommervolk weh tun. Die Nachricht, dass die Ernte von Vongole im Podelta um stellenweise bis zu neunzig Prozent eingebrochen sei, hat aufgerüttelt. Das Wasser in den vorgelagerten Lagunen ist viel zu warm, zwischen 32 und 34 Grad. Und darüber hinaus zu salzig, weil der Fluss zu wenig Süsswasser heranführt. Der Sauerstoffgehalt in der Lagune nimmt ab, Algen breiten sich aus, die Vongole sterben ab.Ähnliches gilt für Miesmuscheln und Austern, die ebenfalls in grossen Mengen aus dieser Region an der Adria ins ganze Land ausgeliefert werden – und zum italienischen Sommer gehören wie der «Super Santos», der orangefarbene Plastikball, mit dem sie an den Stränden stundenlang Fussball spielen.Spaghetti alle vongole: Viele Italiener bringen diese Delikatesse mit den Sommerferien in Verbindung. Wegen der Hitze droht nun der Nachschub an Muscheln aus der Adria ins Stocken zu geraten.ImagoBeeinträchtigt ist auch die Parmesanproduktion. Bei Temperaturen um die vierzig Grad in den Ebenen der Emilia-Romagna verbringen die Kühe mehr Zeit mit Liegen, fressen weniger – und produzieren bis zu zehn Prozent weniger Milch, so vernimmt man von den verantwortlichen Stellen des Consorzio del Formaggio Parmigiano Reggiano, das über die Herstellungsprozesse des Hartkäses wacht. Dazu kommen höhere Energiekosten für die Kühlung der Ställe und der weiteren Kühlsysteme.Heisse Marroni auf der PrachtsstrasseNoch eine andere Entwicklung fällt auf: In Rom gibt es merklich weniger Touristen als normalerweise um diese Jahreszeit, wie ein Augenschein an den Hotspots zeigt. Vor dem Kolosseum, dem Forum Romanum und vor dem Petersdom gibt es zur Mittagszeit kaum Warteschlangen. Der Platz vor dem Kapitol ist leergefegt, und im Vatikan bewegen sich nur ein paar Unentwegte – zumeist Amerikaner und Asiaten – über das siedend heisse Pflaster.Die offiziellen Stellen melden zwar gut gebuchte Hotels, und der Sprecher des städtischen Tourismusdepartements beeilt sich festzuhalten, dass es «bis jetzt keine Stornierungen gibt». Wer aber mit dem Aufsichtspersonal vor den grossen Sehenswürdigkeiten spricht, vernimmt andere Töne: «Kaum Leute, es ist viel zu heiss.» Tour-Guides verzichten auf Führungen, die fliegenden Händler haben kaum Kundschaft.Ob das der Anfang des oft prognostizierten touristischen Strukturwandels ist? Mehr Berg statt Stadt? Mehr Norden statt Süden? Mehr Winter statt Sommer? Italien würde es empfindlich treffen. So mischen sich in die sommerliche Leichtigkeit da und dort ein paar handfeste Sorgen.Nur ihm kann all dies nichts anhaben. Auf der Via dei Fori Imperiali, der unter Mussolini erbauten langen schnurgeraden Prachtsstrasse, die von der Piazza Venezia zum Kolosseum führt, bietet ein Händler heisse Marroni (!) an. «Es ist heiss, ja», sagt er schwitzend und richtet einen flehenden Blick Richtung Himmel. «Aber am Schluss muss jeder etwas im Magen haben, nicht?»Passend zum Artikel