Marco Rubio regiert Venezuela fast wie eine Kolonie – gibt es noch Hoffnung auf eine Rückkehr zur Demokratie?Der amerikanische Aussenminister Rubio erteilt der venezolanischen Präsidentin Delcy Rodríguez Anweisungen per Whatsapp und hindert die Oppositionsführerin Maria Machado an der Ausreise nach Venezuela. Das weckt bei den Venezolanern schlimme Befürchtungen.17.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMarco Rubio erläutert Ende Januar vor dem auswärtigen Ausschuss des Senats in Washington seine Venezuela-Strategie.Chip Somodevilla / GettyIn den frühen Morgenstunden des 3. Januar rief der amerikanische Aussenminister Marco Rubio Delcy Rodríguez an. Soeben hatten amerikanische Spezialeinheiten den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro gefangen und in die USA verschleppt. Nun stellte Rubio Maduros bisherige Stellvertreterin vor eine Wahl: Entweder sie arbeite mit den USA zusammen. Oder sie werde bald Zeugin von amerikanischen Angriffen auf die venezolanische Infrastruktur, auf Militärbasen und auf Regierungsvertreter.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Rodríguez entschied sich für die Kollaboration. Es war der Anfang einer engen, wenn auch sehr ungleichen Beziehung zwischen der Interimspräsidentin und dem Aussenminister. Inoffiziell wird Rubio laut einer Recherche der «New York Times» «Viceroy» genannt. So wurden während der Kolonialzeit die Statthalter und Vertreter der spanischen Krone in den Überseegebieten in Lateinamerika genannt.Engmaschige KontrolleDer Zeitungsartikel, der sich auf Regierungsquellen in Washington und Caracas beruft, wirft ein Schlaglicht auf die Kontrolle, welche die amerikanische Regierung über Venezuela ausübt. Die «New York Times» vergleicht das Arrangement mit der amerikanischen Kolonialherrschaft über die Philippinen oder der Verwaltung im Irak nach dem Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003.Diesmal aber beruht die Kontrolle nicht auf amerikanischen Soldaten vor Ort. Vielmehr soll Rubio die venezolanische Regierung per Telefon und Whatsapp-Nachrichten aus seinem Büro im Aussenministerium steuern. Offenbar tauschen Rodríguez und Rubio dazwischen auch Geburtstagsgrüsse, Klatsch und Selfies aus.Politisch und wirtschaftlich wirkt die Kontrolle in der Tat relativ engmaschig. So haben die USA faktisch das Sagen über die venezolanischen Finanzen, die Verteilung der natürlichen Ressourcen und über gewisse Regierungsgeschäfte. Konkret erhält das amerikanische Finanzministerium durch eine im Januar von Donald Trump erlassene Verordnung die Einkünfte aus dem Grossteil der Ölexporte, worauf das Geld über das Bankensystem ins Land zurückverteilt werden soll.Theoretisch geben Rubio und seine Beamten vor, wie und wofür die Mittel eingesetzt werden, um zu verhindern, dass sie in den Händen von korrupten Beamten landen. Doch laut der Denkfabrik Council for Foreign Relations ist der Mechanismus völlig intransparent und dürfte am Ende das Regime finanzieren. Für Venezuela hat das Arrangement den Vorteil, dass das Land die Exporteinnahmen vor den Forderungen internationaler Gläubiger schützen kann. Doch bleibt das Land von den USA abhängig, die den Geldfluss jederzeit unterbrechen könnten.Auch in politischen und juristischen Fragen scheint Rubio das Sagen zu haben. Auf Geheiss Washingtons liess die venezolanische Regierung Alex Saab verhaften, einen Milliardär und Geschäftspartner von Maduro. Offenbar steht seine Auslieferung in die USA bevor. Dort könnte er der Staatsanwaltschaft in New York beim Verfahren gegen Maduro behilflich sein, der wegen Drogendelikten angeklagt ist.Nach dem amerikanischen Angriff auf Iran stellte sich der venezolanische Aussenminister Yván Gil zunächst auf die Seite Teherans. Nach Warnungen aus Washington wurde die Stellungnahme aber wieder gelöscht. Rodríguez soll Rubio laut der «New York Times» auch vor wichtigen Personalentscheiden konsultiert haben. Selbst einen Post auf Social Media, in dem sie Trump lobte, legte die Präsidentin Rubio zur Genehmigung vor.«Delcy Rodríguez ist kein Emir von Dubai»Offiziell verfolgt Rubio in Venezuela einen dreistufigen Plan, den er bereits im Januar vorgestellt hat. Auf die laufende Stabilisierungsphase soll eine Periode des wirtschaftlichen und demokratischen Wiederaufbaus folgen, bevor in einer dritten Phase freie Wahlen abgehalten würden. Doch Rubio legt ein vorsichtiges Tempo an den Tag, und das verheerende Erdbeben von Ende Juni verlangsamt den Zeitplan zusätzlich. Laut der «New York Times» mache sich Rodríguez Hoffnungen, über das Ende der Präsidentschaft von Donald Trump hinaus an der Macht zu bleiben.«Es trifft zu, dass die USA die venezolanische Regierung eng kontrollieren, aber es ist falsch, zu sagen, dass diese Kontrolle total ist und eine langfristige Lösung wäre», sagt Daniel Di Martino. Der gebürtige Venezolaner ist Ökonom bei der konservativen Denkfabrik Manhattan Institute und ist in venezolanischen Oppositionskreisen gut vernetzt. Dass in Venezuela noch immer politische Gefangene in Haft sässen, zeige, dass Rodríguez nicht alle Wünsche Washingtons vorauseilend befolge, sagt er im Gespräch.Zudem sei es eine Illusion, zu glauben, dass sich das sozialistische Regime in Venezuela über Nacht in eine wirtschaftsfreundliche Diktatur verwandelt habe. «Delcy Rodríguez ist kein Emir von Dubai und kein Augusto Pinochet.»Die Skepsis gegenüber dem sozialistischen Regime ist laut Di Martino der Hauptgrund für die Zurückhaltung internationaler Investoren. Selbst wenn Caracas heute die Anweisungen Washingtons befolge, gebe es ohne Regimewechsel keine Garantie, dass dies auch nach dem Abtritt von Trump der Fall bleibe. Planungssicherheit und hohe Investitionen seien aber nötig, um die Menge des geförderten Erdöls von derzeit rund 1,1 Millionen Fass pro Tag zu erhöhen.Die Vertreter von Ölfirmen erklärten Trump im Januar, Venezuela sei derzeit «nicht investierbar». Seither hat zwar beispielsweise der Ölmulti Chevron seine Operationen in Venezuela ausgebaut. Die Firma Exxon Mobil aber, die während der Regierungszeit von Hugo Chávez schon einmal von Verstaatlichungen betroffen war, bleibt vorsichtig, solange sich Rodríguez an der Macht hält.Machado marginalisiert«Marco Rubio weiss daher, dass es im Interesse der USA liegt, die Transition hin zur Demokratie voranzutreiben», betont Di Martino. Gleichzeitig räumt er ein, dass viele Venezolaner die Hoffnung zu verlieren drohten. Wenig ermutigend wirkt der Umgang Rubios mit der im Exil lebenden Oppositionsführerin María Corina Machado. Sie widmete 2025 ihren Friedensnobelpreis Donald Trump und wäre bei einer fairen und freien Präsidentschaftswahl die klar aussichtsreichste Kandidatin.Doch da Machado im Sicherheitsapparat Venezuelas über viele Gegner verfügt, wird sie nun von Rubio weitgehend ignoriert. Das amerikanische Aussenministerium verhinderte jüngst sogar, dass sie nach dem Erdbeben in einem Privatjet nach Venezuela zurückfliegen konnte. Ein Sprecher des Ministeriums sagte gegenüber dem «Wall Street Journal», es wäre kontraproduktiv für die Rettungsarbeiten gewesen, zum jetzigen Zeitpunkt «politisch umstrittene Themen ins Land zu tragen».In Venezuela reklamieren zwei Parlamente die demokratische Legitimation für sich: ein von der Opposition kontrolliertes Parlament, das aus den Wahlen von 2015 hervorging, und die im letzten Jahr gewählte und von den Chavisten kontrollierte Nationalversammlung. Als ermutigendes Zeichen gilt unter Beobachtern, dass sich die zwei Parlamente jüngst darauf geeinigt haben, ab August unter amerikanischer Ägide Gespräche über die demokratische Erneuerung aufzunehmen.Offen ist, ob und wann in diesem Prozess auch die Abhaltung von Präsidentschaftswahlen zum Thema wird. «Es wäre sehr wichtig, dass sich die USA klar zu einem Datum für Wahlen vor dem Ende der Präsidentschaft Trumps bekennen», sagt Di Martino. Das würde den Venezolanern die wachsende Angst nehmen, dass die Wahlen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag fallen und dass sich das sozialistische Regime unter der Aufsicht des «Viceroys» in Washington verewigt.Passend zum Artikel
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