KommentarStark an der Front, aber zerstritten an der Spitze: Die Ukraine schwächt sich mit dem Konflikt in ihrer Militärführung selberDer Machtkampf bei den ukrainischen Streitkräften ist entschieden; Verteidigungsminister Fedorow muss über die Klinge springen. Dass die Ukraine diesen Modernisierer verliert, ist ein Verlust und zeigt die Schwächen von Präsident Selenskis Führungsstil.16.07.2026, 16.25 Uhr3 LeseminutenDer ukrainische Verteidigungsminister Michailo Fedorow (zweiter von links) hat sich mit Präsident Wolodimir Selenski (vorne) zerstritten.Danylo Antoniuk / ImagoDer ukrainische Präsident Wolodimir Selenski hat als unermüdlicher Anführer des Widerstands gegen das übermächtige Russland eine historische Leistung vollbracht. Aber die Leuchtfigur hatte stets auch eine dunklere Seite – jene des Hinterzimmerpolitikers, der dubiose Figuren in seiner Umgebung duldet und zu erratischen Entscheidungen neigt. Zu einem solchen unverständlichen Winkelzug hat sich Selenski dieser Tage hinreissen lassen, mit der Absetzung des erfolgreichen Verteidigungsministers Michailo Fedorow. Die Entscheidung missachtet die öffentliche Meinung komplett, ist kontraproduktiv und dürfte dem Ansehen des Präsidenten schaden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fedorow war nur ein halbes Jahr im Amt. Aber in dieser Zeit hat sich die militärische Lage der Ukraine deutlich zum Besseren gewendet. Auch wenn es verfrüht ist, von einer Vorentscheidung im Krieg zu sprechen, hat sich die Ukraine in eine stärkere Position gebracht: Sie hat den russischen Vormarsch weitestgehend gestoppt, unterbindet mit ihren neuen Mittelstreckendrohnen den Nachschub der Invasoren, hat mit Angriffen auf Raffinerien eine Treibstoffkrise in Russland ausgelöst und blockiert seit neustem auch die russische Exportroute über das Asowsche Meer. Dank diesen Erfolgen gibt es erstmals seit viereinhalb Jahren Krieg Grund zur Annahme, dass die Zeit nicht mehr für den Kreml läuft, sondern für die Ukraine.Innovativ und unkonventionellWeshalb sollte man ausgerechnet in einer solchen Situation einen neuen Verteidigungsminister einwechseln? Gewiss, Fedorow ist nicht der alleinige Vater der jüngsten Erfolge. In der Ukraine ist das Amt des Verteidigungsministers, anders als etwa in den USA oder Deutschland, nicht in die militärische Befehlskette eingebunden. Seine Aufgabe ist vor allem politischer und administrativer Natur – es geht darum, die Streitkräfte mit den nötigen Ressourcen zu versorgen, im Inland mit der Mobilisierung frischer Truppen, im Ausland mit dem Werben um Waffen und Geld. Doch auf diesem Gebiet sind Fedorows Leistungen unbestreitbar.Bereits nach wenigen Wochen im Amt lieferte der 35-Jährige sein erstes Glanzstück: Er überzeugte den amerikanischen Unternehmer Elon Musk, russischen Nutzern den Zugang zum satellitengestützten Starlink-Internet zu sperren. Prompt bracht auf der Gegenseite ein kommunikatives Chaos aus, das die Pläne für eine Frühjahrsoffensive durchkreuzte und die Russen bis heute stark behindert.Fedorow brachte als früherer Digitalisierungsminister einen Innovationsgeist und eine Start-up-Mentalität mit, die dem von sowjetischen Traditionen geprägten Verteidigungsministerium gut tat. Er pflegte nicht nur einen engen Draht zu Musk, sondern auch zum Silicon Valley insgesamt. Der frühere Google-Chef Eric Schmidt beispielsweise ist mit seinen KI-unterstützten Hornet-Drohnen heute einer der wichtigsten Helfer der Ukraine. Auf neue Lösungen setzte Fedorow auch beim militärischen Beschaffungswesen, einem notorisch korruptionsanfälligen Bereich. Der Ankauf von Rüstungsgütern erfolgt nun häufiger als früher auf der Grundlage transparenter Ausschreibungen.Nach eigener Darstellung stiess Fedorow aber mit vielen seiner Reformvorschläge auf Widerstand der Militärführung. Sein Konflikt mit dem Oberkommandierenden Olexander Sirski eskalierte in den letzten Tagen derart, dass Fedorow den Präsidenten zur Absetzung des Generals aufforderte. Dazu war Selenski offensichtlich nicht bereit.Selenski provoziert eine unnötige KriseManche Beobachter, auch in der Ukraine, zeichnen holzschnittartig das Bild eines Streits zwischen dem guten, reformfreundlichen Fedorow und dem bösen, konservativen Sirski. Letzterer hat als gebürtiger Russe ohnehin mit Vorbehalten nationalistischer Kreise zu kämpfen. Doch so simpel ist die Realität nicht. Fedorow hat den Bogen offensichtlich überspannt und seinen Teil zur jetzigen Führungskrise beigetragen.Sicher ist, dass die Hauptverantwortung für die jetzige Misere beim Präsidenten liegt. Dieser hätte in seiner Führungsfunktion sicherstellen müssen, dass so unterschiedliche Persönlichkeiten wie ein militärischer Haudegen und ein Internet-affiner Turnschuh-Minister zusammenarbeiten können. Dass der Konflikt derart ausartete und mit Fedorow nun auch mehrere von dessen talentierten Anhängern den Staatsdienst quittieren, kann nur eine Seite freuen – die russischen Aggressoren.Passend zum Artikel