Als die Entscheidung gefallen war, veröffentlichte Mychajlo Fedorow eine lange Liste dessen, was sein Team mit ihm als Verteidigungsminister erreicht hat. Die Abschaltung des Starlink-Zugangs für die russische Armee zählt dazu, die damit der Fähigkeit beraubt wurde, ihre Drohnen präzise auf ukrainische Ziele zu steuern. Auch die angestrebte Isolierung der besetzten Krim und damit die Behinderung des russischen Nachschubs für die Front, die Förderung moderner Drohnentechnologie, ein Neustart des korruptionsanfälligen Beschaffungssystems und eine erhebliche Verbesserung der Abfangraten für Drohnen von 83 auf 91 Prozent sowie für Raketen von 47 auf 87 Prozent sind unter den 22 Punkten zu finden.Unter Punkt 13 nennt Fedorow jedoch auch eine Ursache, die ihn mutmaßlich den Job gekostet hat: „Eine unpopuläre, aber lebenswichtige Transformation des Militärs begonnen.“Fedorow führte Verteidigungsministerium wie Start-upSeit der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Wochenende eine Neuaufstellung seiner Regierung angekündigt hat, mehrten sich Gerüchte über die Entlassung Fedorows. Allein: Es konnte und wollte kaum jemand glauben. Der mit 35 Jahren jüngste Minister im ukrainischen Kabinett hat im Land einen außerordentlich guten Ruf. Als Digitalminister krempelte er ab 2019 die noch sowjetisch geprägte Verwaltung um und machte sie zu einer der modernsten weltweit. Nach dem russischen Überfall auf sein Land trieb er die Entwicklung von Drohnen voran und setzte erfolgreich auf Marktmechanismen, um deren Herstellung und Beschaffung zu beschleunigen.Als ihm Selenskyj im Januar dieses Jahres das Verteidigungsministerium übertrug, setzte er seine Arbeit dort genauso fort: Gewohnheiten hinterfragen, alte Zöpfe abschneiden, hohes Tempo vorgeben. Er habe das Ministerium wie ein Start-up geführt, heißt in Kiew.Doch seine hyperaktive Art und sein unkonventionelles Herangehen riefen in dem traditionsgeprägten Ressort schnell Feinde auf den Plan. Erst recht, als er Ministerialbeamte zum Lügendetektortest schickte und diejenigen, die sich weigerten oder durchfielen, kurzerhand feuerte. Kritisch beäugt wurde auch, wie er in Teilen der korruptionsanfälligen Rüstungsbeschaffung offene Ausschreibungen einführte und damit die Kosten etwa für Artilleriegeschosse um 16 Prozent senken konnte.Fedorow gewann viele Anhänger vor allem unter jungen Kommandeuren. Doch in der ukrainischen Armeeführung, der es bisher gleich war, wer unter ihr den Verteidigungsminister stellte, wuchs der Unmut. Erst recht, als Fedorow, der den Widerstand spürte, daraufhin darauf hinarbeitete, Olexandr Syrskyj, den Oberbefehlshaber, aus dem Amt zu entfernen. Das jedoch akzeptierte Selenskyj nicht. Er konnte es wohl auch nicht riskieren, mitten im Krieg die Armeeführung auf Wunsch seines jungen Ministers zu ersetzen, auch wenn dieser ihm noch so überzeugt die „unpopuläre, aber lebensnotwendige Transformation“ des Militärs darlegte.Seine Reform ist im Volk beliebt, beim Militär nichtBis zum Schluss versuchte Selenskyj offenbar noch, einen Kompromiss zu finden. Am Mittwochabend traf er sich zum direkten Gespräch mit Syrskyj und Fedorow. Dann traf er die Entscheidung, seinen engsten Mitstreiter Fedorow zu entlassen. Er war der einzige Minister, der seit seinem Wahlsieg 2019 ununterbrochen in der Regierung war und ein Mann, mit dem er eine Vorliebe für mutige, unkonventionelle Lösungen teilte. Allerdings hatte er Fedorow im Januar das Verteidigungsressort aus der Not heraus übertragen.Im April 2026 noch vereint: Selenskyj und Fedorow mit dem deutschen Verteidigungsminister Boris Pistorius und Kanzler Friedrich MerzAFPSein im Juni angekündigter Plan sieht etwa vor, den Monatssold zu erhöhen, Prämien für die Anwerbung von Ausländern zu zahlen, feste Vertragslaufzeiten für Soldaten von sechs bis 24 Monaten einzuführen, Deserteuren eine Frist von 100 Tagen einzuräumen, um straffrei zur Truppe zurückzukehren, sowie Soldaten mit langen Dienstzeiten für eine begrenzte Zeit zu demobilisieren. Vor allem Letzteres stieß in der Armeeführung auf harsche Kritik. Man könne nicht mitten im Krieg auf die erfahrensten Leute verzichten.In der Bevölkerung gewann Fedorow damit jedoch weiter an Sympathie. Umso größer ist nun der Schock über seine Entlassung – im Übrigen auch unter vielen Abgeordneten von Selenskyjs Partei „Diener des Volkes“, als dieser sie am Mittwochabend darüber informierte.Schon kurz darauf formierte sich in sozialen Netzwerken Widerstand. Dmytro Kosiatynskyj, ein Kriegsveteran, der bereits im vergangenen Sommer die erfolgreichen Massenproteste gegen die Entmachtung der Antikorruptionsbehörden mitorganisiert hatte, rief zu einer Demonstration in Kiew auf. Dort sowie in anderen ukrainischen Städten gingen die Menschen am Donnerstag auf die Straße, um gegen die Entlassung zu protestieren.Innenminister Klymenko soll auf Fedorow folgenEin bei Reformen effektiver Verteidigungsminister werde durch jemanden ersetzt, „unter dem man jede Hoffnung auf Reform vergessen kann“, schrieb Kosiatynskyj auf Facebook. „Wir werden Russland niemals besiegen, solange Stagnation und Korruption unsere Armee und unsere Ministerien beherrschen.“ Auch Fedorows engste Berater Serhij Sternenko und Serhij Beskrestnov („Flash“) kündigten ihren Rückzug an. „Mychajlo Fedorow ist der beste Verteidigungsminister unserer Geschichte“, schrieb Sternenko auf der Plattform X. Es tue weh, dass Reformen blockiert würden und dadurch „unser Land heute deutlich weiter von einem Sieg entfernt ist“.Proteste gegen die Entlassung Fedorows am Donnerstag in KiewdpaNeuer Verteidigungsminister soll Ihor Klymenko werden. Der 53 Jahre alte, in Kiew geborene Politiker ist seit 2023 Innenminister und war zuvor lange Jahre Leiter der Nationalpolizei. Er hat eine Ausbildung an der Militäruniversität Odessa abgeschlossen, aber seit 1998 im ukrainischen Innenministerium gearbeitet. Seiner Sprecherin zufolge sei er vom Angebot, Chef des Verteidigungsressorts zu werden, überrascht worden. „Wir warten auf die formelle Nominierung des Präsidenten“, sagte sie dem Portal „Kyiv Independent“.Selenskyj soll daraufhin Fedorow angeboten haben, Ministerpräsident zu werden, doch dieser habe abgelehnt, heißt es in Kiew. Er wolle die Arbeit im Verteidigungsressort fortführen. Daraus wurde nun nichts. „Es war mir eine große Ehre, dem ukrainischen Volk als Verteidigungsminister zu dienen“, schrieb Fedorow am Mittwochabend. Ob er eine Rückkehr in die Politik plant, ließ er offen.
Mychajlo Fedorow: Warum Selenskyj seinen beliebtesten Minister feuert
Als Verteidigungsminister ist Mychajlo Fedorow mit der ukrainischen Armeeführung aneinandergeraten. Wurde ihm das nach nur sechs Monaten im Amt zum Verhängnis?










