ABB ist ein Überflieger an der Börse. Damit das so bleibt, soll der bescheiden gestartete Chef Morten Wierod viel stärker mitverdienenNeue Gehaltsregeln drängen den CEO, mehr auf die Aktienrendite zu achten. Parallel muss er jetzt die grössten Übernahme in der Geschichte des Industriekonzerns zum Erfolg führen.16.07.2026, 16.08 Uhr5 LeseminutenNicht nur die Aktionäre sollen mitverdienen, auch der CEO: Morten Wierod am ABB-Hauptsitz in Zürich-Oerlikon.Annick Ramp / NZZWährend sich grosse Teile der Schweizer Industrie schwertun, eilt der Riese ABB von Rekord zu Rekord. Ausrüstung zur Elektrifizierung, etwa Schalter, Sicherungen und Transformatoren, wird dem Konzern aus den Händen gerissen. Von April bis Juni verbuchte ABB neue Aufträge im Wert von erstmals mehr als 12 Milliarden Dollar – auch dank einer weiterhin starken Nachfrage für den Bau von Datenzentren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch Wachstum durch höheren Umsatz reicht dem Chef Morten Wierod nicht mehr. Er kündigte am Donnerstag die nach seinen Worten grösste Übernahme der Firmengeschichte an: ABB möchte für 5,5 Milliarden Dollar das britische Unternehmen Rotork kaufen. Rotork ist Marktführer für Bauteile, mit denen Ventile zum Beispiel für Gas oder Wasser gesteuert werden. Analysten halten den Preis für hoch.ABB ist der grosse Börsengewinner«Das Timing ist gut, denn ABB ist in guter Verfassung», verteidigte Wierod den Kauf in einer Telefonkonferenz zum Halbjahresabschluss. Die nächstgrössere Übernahme des Konzerns liegt 15 Jahre zurück. In der jüngeren Vergangenheit war ABB mehr damit beschäftigt, sich zu verschlanken – zuletzt durch den 2025 arrangierten Verkauf der Robotik-Sparte an den japanischen Softbank-Konzern für 5,4 Milliarden Dollar. ABB schwimmt im Geld und bezahlt den Preis für Rotork in bar.Die ABB-Aktien gaben bis am Donnerstagnachmittag um 5 Prozent auf 79 Franken nach. Auslöser könnten Gewinnmitnahmen gewesen sein. Das grösste börsenkotierte Schweizer Industrieunternehmen ist einer der besten Performer an der Börse. Über die vergangenen zwölf Monate kletterte die Notierung um fast 70 Prozent. Die ABB-Valoren haben den breiten Swiss-Performance-Index (SPI) weit hinter sich gelassen, der es auf ein Plus von 20 Prozent bringt.Die Kursavancen gilt es zu verteidigen: ABB richtet die variable Entlohnung des CEO ab diesem Jahr stärker auf die Börsenperformance aus. Das soll sein Gehalt konkurrenzfähiger machen, auf das Marktniveau anheben und mit den langfristigen Interessen der Aktionäre in Einklang bringen, heisst es im diesjährigen Vergütungsbericht.Was in dem Vergütungsbericht nicht klar ausgesprochen wird: Die erstmals für 2026 geltende Änderung erhöht das maximal mögliche Gehalt des CEO erheblich. Er kann nun im Idealfall einen jährlichen Bonus für die langfristige Performance von 6 Millionen statt zuvor von 4,5 Millionen Franken erhalten.Ausschlaggebend sind die variablen Vergütungen für langfristige Unternehmensziele («long term incentive plan», LTIP). Sie beziehen sich auf einen Zeitraum von drei Jahren und werden unter anderem an der Aktienrendite im Vergleich zu Konkurrenzfirmen gemessen. Erreicht ABB die Ziele, erhielt der CEO bisher pro Jahr Aktien im Wert von 150 Prozent seines Grundgehalts zugeteilt. Neu sind es 200 Prozent.Der maximale CEO-Lohn steigt stark anDas bedeutet für Wierod eine Steigerung von 2,25 Millionen auf 3 Millionen Franken. Aber wenn es für ABB richtig gut läuft, kann das CEO-Gehalt noch weit mehr wachsen. Das ergibt sich aus dem Zusammenspiel der Salärregeln – und wirft ein Schlaglicht auf die verschachtelte Vergütungspraxis internationaler Konzerne.Übertrifft ABB nämlich die langfristigen Ziele, steigt auch die variable Entlohnung. Sie ist gedeckelt, aber dieser Deckel ist nicht absolut, sondern relativ. Er beträgt unverändert maximal 200 Prozent jener Zuteilung, die es für das blosse Erreichen der Ziele gibt. Weil jetzt diese Zuteilung steigt, wächst auch die maximale LTIP-Entlohnung: von 300 auf 400 Prozent des Basissalärs. Diese eindeutige Angabe verschweigt der Vergütungsbericht von ABB.Zudem erhält der CEO einen variablen Bonus für kurzfristige operative Erfolge. Er wird bar ausgezahlt und beträgt unverändert maximal 150 Prozent des Grundgehalts.Insgesamt kann der ABB-Chef also 550 Prozent statt zuvor 450 Prozent seines Basissalärs als variablen Bonus bekommen. Anders gesagt: Früher hätte Wierods maximaler Zuschlag 6,75 Millionen Franken betragen. Jetzt können es 8,25 Millionen Franken sein, davon 6 Millionen aus dem LTIP-Programm.Eine derartige variable Komponente sei zu hoch und könne potenziell zu exzessiven Vergütungen führen, kritisiert die Anlegerstiftung Ethos. ABB entgegnet auf Anfrage, diese Gesamtvergütung stehe im Einklang mit dem marktüblichen Niveau. Amerikanische Konkurrenten seien bei der Vergütung für die langfristige Performance noch aggressiver, ergänzt Florian Sager, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB).Wierod tritt aus dem Schatten RosengrensEx-Topverdiener Björn RosengrenPDBisher trat Morten Wierod recht bescheiden auf. Das Grundgehalt des 54-Jährigen beträgt 1,5 Millionen Franken. Das sind fast 300000 Franken weniger als das seinem Vorgänger, dem Schweden Björn Rosengren. Wierod löste ihn im Sommer 2024 an der ABB-Spitze ab. «Das Basissalär ist relativ moderat gegenüber den grossen europäischen Industrieunternehmen», kommentiert Mark Diethelm, Analyst bei der Bank Vontobel.Auch sei Wierods Gesamtgehalt 2025 im Vergleich mit anderen Schweizer Firmenchefs und auch mit Vorgänger Rosengren nicht übermässig hoch gewesen, sagt Diethelm. Rosengren brachte es 2023, in seinem letzten vollen Jahr als CEO, auf 9,7 Millionen Franken.Wierod verdiente 2025 «nur» 6,1 Millionen Franken. Selbst Ethos bezeichnete diese Gesamtentlohnung als akzeptabel. Auch die Chefs der Wettbewerber Schneider Electric und Eaton verdienten gemäss ZKB-Analyst Sager ähnlich viel.Leichtes Spiel hat Wierod mit den neuen Regeln allerdings nicht: «ABB spielt heute in einer anderen Liga als zur Zeit von Rosengren», sagt Vontobel-Analyst Diethelm. Es sei deutlich schwieriger, die Marge noch in dem Masse zu steigern, wie es dem Schweden gelang. Rosengren hatte die Führung von ABB dezentralisiert, agiler gemacht und jenen Verkauf von Unternehmensteilen vorangetrieben, der ABB auf Elektrifizierung und Automatisierung fokussierte.Die Hausse beim Aktienkurs setzte jedoch erst unter Wierod ein. Und auch wenn das Verhältnis vom Kurs zum erwarteten diesjährigen Gewinn inzwischen über 30 beträgt und die Titel damit nicht günstig sind, sehen Analysten noch Potenzial: Nur 2 der 40 von Bloomberg erfassten Experten empfehlen die Valoren zum Verkauf, immerhin 10 zum Kauf.Bei ABB werden Aktien auch andernorts wichtigerDas Wohl der ABB-Anleger sollen stärker berücksichtigt werden, nicht nur bei der CEO-Entlohnung. Die LTIP-Performance fliesst neu in das Gehalt von noch mehr hochrangigen Managern und Mitarbeitern ein.Auf diese Performance hatte bisher die Reduktion von Treibhausgasen einen Einfluss von 20 Prozent. Doch weil ABB die bis 2030 geplanten Klimaziele schon fast erreicht hat, ist dieses Kriterium jetzt gestrichen. Zum Ersatz werden der Gewinn je Aktie und die Aktienrendite höher gewichtet.Allerdings ist ABB konsequent: Wer etwas gewinnen kann, soll auch etwas aufs Spiel setzen. Alle Mitglieder der Geschäftsleitung sind verpflichtet, ein Mindestmass an ABB-Aktien zu halten. Für den CEO sind es Anteile im Wert von 500 Prozent des Jahressalärs, für die übrigen Mitglieder 400 Prozent.Bisher bezogen sich diese Anteile auf das Salär nach Steuern. Neu ab 2026 ist das Salär vor Steuern gemeint – die geforderte Mindestmenge an Aktien steigt deutlich an. Das soll laut ABB den Fokus der Geschäftsleitung auf die «langfristige Wertschöpfung für ABB-Aktionäre» bekräftigen.Morten Wierod dürfte die Botschaft verstanden haben. Mit einer Schweizer Brille betrachtet könne man die Entlohnung des CEO kritisieren, sagt Florian Sager von der ZKB. Aber ABB sei ein global agierendes Unternehmen. «Ob die Vergütung angebracht ist, entscheiden die Aktionäre. Wenn der ABB-Kurs weiter so läuft, wird es keine Probleme geben», sagt er. Es gibt kleinere Wenns, liesse sich anfügen.Passend zum Artikel