Der Schweizer Elektrotechnikkonzern ABB plant die größte Akquisition in der Geschichte des Unternehmens. Der Siemens-Rivale will den britischen Automatisierungsspezialisten Rotork für 5,5 Milliarden Dollar übernehmen. Das Unternehmen ergänze das Angebot von ABB in der Automatisierungstechnik auf ideale Weise, sagte der Vorstandsvorsitzende Morten Wierod in einer Telefonkonferenz mit Journalisten.In diesem Geschäft geht es um Techniken und Systeme, die Fabriken und Anlagen effizienter, sicherer, zuverlässiger, intelligenter und verbrauchsärmer machen. Rotork ist auf Durchflusssteuerung und Messtechnik spezialisiert und nach Aussage Wierods auf diesen Feldern führend in der Welt. Mit der Übernahme stärke ABB seine Kompetenz in der Überwachung und der Steuerung industrieller Prozesse.An der Börse kam der überraschende Großeinkauf nicht sonderlich gut an. In einer ersten Reaktion sackte der Kurs der ABB-Aktie, die im laufenden Jahr zu den mit Abstand größten Kursgewinnern im Schweizer Aktienmarkt zählt, um drei Prozent auf 80,40 Franken ab. Dies dürfte mit dem hohen Kaufpreis zu tun haben, den ABB bereit ist zu zahlen. Die Schweizer bieten den Rotork-Aktionären 503 Pence je Aktie. Das entspricht einer Prämie von rund 60 Prozent gegenüber dem Durchschnittskurs in den vergangenen drei Monaten.„Ein teurer, aber sinnvoller Schritt“Der Preis von 5,5 Milliarden Dollar ist mehr als fünfmal so hoch wie der Umsatz (1 Milliarde Dollar), den Rotork im vergangenen Jahr erzielt hat. Die um Sondereffekte bereinigte operative Umsatzrendite des künftigen Tochterunternehmens beziffert ABB auf 24,6 Prozent. Damit würde Rotork zur Steigerung der ABB-Marge beitragen. Den eigenen Umsatz sieht der Konzern infolge des Zukaufs um rund drei Prozent steigen. „Wir halten die Übernahme von Rotork zwar für teuer, sehen darin aber auch einen sinnvollen und strategisch klugen Schritt“, urteilten die Analysten der Bank Vontobel.In den vergangenen Jahren war die Akquisitionsstrategie von ABB durch kleinere, ergänzende Übernahmen geprägt. Der Fokus lag stärker auf dem organischen Wachstum. Doch nun scheinen sogar weitere Großeinkäufe denkbar zu sein. Laut Wierod verfügt ABB auch nach dem Kauf von Rotork über genügend Feuerkraft, um Übernahmen in der Größenordnung von 13 bis 14 Milliarden Dollar stemmen zu können. Er erinnerte daran, dass dem Konzern im zweiten Halbjahr netto 4,8 Milliarden Dollar aus dem Verkauf der Robotik-Sparte an Softbank zufließen. Damit ist die Rotork-Übernahme, die bis Jahresmitte 2027 unter Dach und Fach sein soll, im Grunde schon finanziert.Getrieben von dem Geschäft mit Rechenzentren hat ABB den Auftragseingang im zweiten Quartal um 30 Prozent auf den Rekordwert von zwölf Milliarden Dollar erhöht. Der Umsatz kletterte um 14 Prozent auf 9,5 Milliarden Dollar, der Gewinn vor Steuern um neun Prozent auf 1,2 Milliarden Dollar.