Hinter der HeadlineABB überrascht alleDer Industriekonzern greift tief in die Tasche und übernimmt die britische Rotork für 5,5 Mrd. $. Der Zukauf ist strategisch sinnvoll und dürfte die Profitabilität steigern. Ob der hohe Kaufpreis gerechtfertigt ist, muss CEO Morten Wierod nun beweisen.Mit den guten Zahlen zum zweiten Quartal hatten alle gerechnet. Mit der Milliardenübernahme wohl niemand.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Neben der Veröffentlichung der Abschlusszahlen zum zweiten Quartal kündigte ABB heute den geplanten Kauf des britischen Industrieunternehmens Rotork an. Es wäre die grösste Akquisition in der Geschichte von ABB, der Kaufpreis beläuft sich auf rund 5,5 Mrd. $ (etwa 4,1 Mrd. £). ABB bietet den Rotork-Aktionären 503 Pence je Aktie in bar, was einer Prämie von rund 60% gegenüber dem durchschnittlichen Aktienkurs der vergangenen drei Monate und 73% gegenüber dem Schlusskurs vor Bekanntgabe der Transaktion entspricht.Die Aktien von Rotork, die sich lange in einer Seitwärtsbewegung befanden, reagierten mit einem satten Tagessprung von über 67%.Bei den Investoren von ABB fiel die Reaktion hingegen negativ aus, die Titel verloren am Donnerstag teilweise fast 5% und rutschten unter 80 Fr. Vor allem der Preis der Übernahme wird als zu hoch bewertet, wie etwa die Analysten von Vontobel gleich am frühen Morgen kommentierten.Rotork mit Sitz im britischen Bath (in der Nähe von Bristol) ist ein hochspezialisierter Nischenanbieter für industrielle Durchflussregelung. Das Traditionsunternehmen entwickelt und produziert elektrische Stellantriebe (sogenannte Aktuatoren) sowie Steuerungssysteme, die Ventile und Klappen in industriekritischen Rohrleitungssystemen steuern.Diese Produkte kommen weltweit in der Öl-, Gas- und Chemieindustrie sowie in Wasserinfrastrukturen zum Einsatz. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte Rotork einen Umsatz von umgerechnet rund 1 Mrd. $ und konnte aus eigener Kraft um etwa 8% wachsen. Gleichzeitig verfügt das Unternehmen über eine hohe Profitabilität, mit einer Ebitda-Marge von 25,4%. ABB erzielte im zurückliegenden Geschäftsjahr eine Marge von 20,1%. Rotork ist also profitabler, wächst jedoch langsamer als ABB.Strategisch passt alles gut zusammenStrategisch soll Rotork in der Automatisierungssparte von ABB angesiedelt werden. Dort gibt es Überschneidungen, insbesondere bei elektrischen Stellantrieben und in der industriellen Messtechnik. Gleichzeitig ergänzen sich beide Unternehmen auf der sogenannten Feldebene (Field Device Layer) des Automatisierungskreislaufs. ABB könnte damit die gesamte Wertschöpfung auf dieser Ebene abdecken: vom Erfassen von Daten durch Sensoren über deren Verarbeitung und Steuerung mittels Automatisierungssoftware bis hin zur physischen Umsetzung durch die Produkte von Rotork. Nach Angaben des Unternehmens entspricht dies den Kundenanforderungen. Gleichzeitig erhält Rotork Zugang zum weltweiten Vertriebs- und Servicenetzwerk von ABB.Finanziell soll die Transaktion sofort 3% zum ABB-Umsatz beitragen. Die operative Ebita-Marge soll sich ebenfalls «unmittelbar» verbessern.Die Analysten von Vontobel beurteilen die Übernahme von Rotork zwar als «teuer, aber auch als einen sinnvollen und strategisch fundierten Schritt». Zwar sei die Bewertung mit einem Unternehmenswert von rund dem 19,5-Fachen des Ebitda anspruchsvoll, doch die industrielle Logik der Transaktion überwiege.Die Finanzierung der Übernahme wird durch die nach der Portfoliobereinigung gestärkte Bilanz ermöglicht. Der Verkauf der Robotiksparte an SoftBank im Oktober 2025 brachte ABB rund 4,8 Mrd. $ ein. Trotz der grössten Akquisition der Unternehmensgeschichte dürfte die Bilanz daher solide bleiben. Der Konzern wies zum Ende des zweiten Quartals 2026 ein Verhältnis von Nettoschulden zu Ebitda von 0,3 aus. ABB verfügt damit weiterhin über erheblichen finanziellen Spielraum, unter anderem für das laufende Aktienrückkaufprogramm von bis zu 2 Mrd. $.Bewährungsprobe für CEO WierodFür ABB-CEO Morten Wierod ist der Kauf von Rotork ein grosser Schritt. «ABB hat Rotork über viele Jahre hinweg intensiv verfolgt. Wir sind fest von der zwingenden strategischen Passgenauigkeit dieser Transaktion überzeugt, die unser Automatisierungsangebot auf der Feldebene perfekt erweitert», kommentierte er. Am Kapitalmarkttag im vergangenen November sagte der CEO noch, dass er eher kleinere und mittlere Zukäufe anstrebe, die etwa 1 bis 2% zum Umsatz beitragen können. Grössere Zukäufe schloss er damals auf Nachfrage von Analysten aber nicht ganz aus.Wierod ist seit August 2024 CEO von ABB und tätigte seither vierzehn kleinere Übernahmen mit einem Wert von zusammen 1,2 Mrd. $. An dem Erfolg oder Misserfolg der grossen Rotork-Integration dürfte er fortan gemessen werden.Denn bei einer Transaktion dieser Grössenordnung bestehen trotz der strategischen Vorteile auch Risiken. Immerhin investiert ABB nun in einen Bereich, der stark von klassischen Industriezweigen wie Öl, Gas und Schwerindustrie abhängig ist.Zudem könnten die britischen Wettbewerbsbehörden sowie die EU-Kommission die Transaktion wegen möglicher Überschneidungen in der industriellen Automatisierung und Messtechnik genauer prüfen.Der Abschluss der Rotork-Übernahme wird im ersten Halbjahr 2027 erwartet. Zuvor müssen die Rotork-Aktionäre gemäss dem britischen «Scheme of Arrangement» zustimmen. Der Rotork-Verwaltungsrat unter dem Vorsitz der Industrieveteranin Dorothy Carrington Thompson, die auch die Verhandlungen führte, unterstützt die Transaktion einstimmig. Auf der Suche nach einem Käufer war die 1957 gegründete und seit 1968 kotierte Rotork wohl nicht. Doch das ABB-Angebot war zu verlockend, um es unkommentiert auszuschlagen.Wie VR-Präsidentin Thompson gemäss einem Bericht im Wall Street Journal betonte, gab zudem die dezentrale Struktur von ABB den Ausschlag. ABB garantiere, dass Rotork als eigenständige Division erhalten bleibe, die Identität geschützt wird und der Hauptsitz in Bath bestehen bleibe. Es sei also kein «feindliches Schlucken», sondern ein strategisch logischer Zusammenschluss auf Augenhöhe.Starkes zweites Quartal, Ausblick angehobenParallel zur Ankündigung der Übernahme überzeugte ABB operativ mit einem starken zweiten Quartal 2026. Der Umsatz stieg 14% auf 9,48 Mrd. $ und der Auftragseingang um 28% auf 12,04 Mrd. $, während die operative Marge auf Stufe Ebita auf 20,2% kletterte. Der Reingewinn erhöhte sich um 7% auf 1,23 Mrd. $, getragen von der verbesserten operativen Entwicklung. Für 2026 erhöhte ABB den Ausblick leicht und erwartet nun ein Umsatzwachstum im niedrigen zweistelligen bis unteren «Teens»-Bereich (zuvor: im hohen einstelligen bis tiefen zweistelligen Bereich).Aus Sicht von The Market belegen die Quartalszahlen die gute Verfassung von ABB. Neben der Sparte Automatisierung gibt es zahlreiche Chancen in der Elektrifizierung, wie kürzlich in dieser Analyse beschrieben.Anleger können den Rücksetzer nach Bekanntgabe der Übernahmepläne zum Zukauf nutzen. Die Bewertung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 28 auf Basis des geschätzten Gewinns der nächsten zwölf Monate sollte Anleger nicht abschrecken.