AnalyseDie Stromversorgung von Rechenzentren steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Der mögliche Umstieg von Wechsel- auf Gleichstrom gilt als eine der bedeutendsten technologischen Veränderungen seit Jahrzehnten. Der Schweizer Industriekonzern spielt dabei eine Schlüsselrolle.Die Aktien des Industriekonzerns ABB machen Anlegern in diesem Jahr viel Freude. Seit Jahresbeginn konnten sie rund 40% zulegen. Das gelang keinem anderen Unternehmen, das im Schweizer Leitindex SMI kotiert ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Trotz einiger Rücksetzer zuletzt, die wohl auf Gewinnmitnahmen und die erneuten Kriegshandlungen am Persischen Golf zurückzuführen sind, dürfte sich der gute Lauf langfristig fortsetzen. Erst vergangene Woche hoben gleich mehrere Analystenhäuser ihre Schätzungen für ABB an. Die Experten von Vontobel, JPMorgan und Bank of America begründeten dies mit der anhaltend starken Nachfrage nach Rechenzentren sowie der fortschreitenden weltweiten Elektrifizierung.Hinter den Annahmen der Analysten verbirgt sich auch eine Entwicklung, die weit über ABB hinausreicht. Denn mit dem Siegeszug der künstlichen Intelligenz (KI) geraten die Stromnetze moderner Rechenzentren zunehmend an ihre Grenzen. Die nächste Generation von KI-Systemen wird bedeutend mehr Energie benötigen. Leistungsfähigere Chips oder effizientere Kühlung allein werden dafür nicht mehr ausreichen. Die elektrische Infrastruktur muss grundlegend umgebaut werden.Strombedarf wird rasant steigenIm Zentrum der gegenwärtigen Diskussion steht der mögliche Wechsel von der heute dominierenden Wechselstromversorgung (AC) hin zu einer Verteilung auf Basis von 800-Volt-Gleichstrom (800VDC), der konstant in eine Richtung fliesst. Was nach einer technischen Detailfrage klingt, könnte sich zu einer der grössten Veränderungen beim Bau von Rechenzentren seit Jahrzehnten entwickeln. Davon würden nicht nur ihre Betreiber wie Microsoft, Amazon oder Meta profitieren, sondern auch Hersteller von Stromverteilung, Leistungselektronik und Schaltanlagen. Dazu gehören, allen voran, ABB sowie mit Einschränkungen auch Schneider Electric, Eaton und Siemens.Die Debatte wird derzeit vor allem von Technologieanalysten geführt. Die Experten vom US-Marktforschungsinstitut SemiAnalysis etwa warnen vor einem rasant steigenden Stromleistungsbedarf der KI-Rechenzentren. Während herkömmliche Serverracks – das sind standardisierte Schränke, in denen Server eingebaut sind – vor wenigen Jahren noch einige Dutzend Kilowatt benötigten, dürften künftige KI-Systeme mehrere hundert Kilowatt pro Rack verbrauchen. Gleichzeitig wächst die Rechenleistung der neuesten Grafikprozessoren von Nvidia, AMD und anderen Anbietern mit jeder neuen Generation.Stromverteilung von Rechenzentren: grundlegender ArchitekturwechselNach Einschätzung der SemiAnalysis-Experten gerät die heute übliche Architektur mit Wechselstrom (AC) und mehreren Umwandlungsstufen an physikalische Grenzen. Dabei wird der Strom zunächst als Wechselstrom ins Rechenzentrum geführt und erst in mehreren Schritten in den von den Prozessoren benötigten Gleichstrom umgewandelt. Jede dieser Umwandlungen verursacht Energieverluste und erzeugt zusätzliche Abwärme. Hinzu kommt, dass bei den heute üblichen Niederspannungssystemen sehr hohe Stromstärken fliessen. Das erhöht den Bedarf an Kupfer und erschwert zudem die Kühlung.Als Lösung gilt der Wechsel auf eine Stromverteilung mit 800VDC. Durch die deutlich höhere Spannung sinkt die Stromstärke erheblich, wodurch Leitungsverluste reduziert werden können. Die Experten von SemiAnalysis sprechen deshalb nicht von einer schrittweisen Optimierung der bestehenden Infrastruktur, sondern von einem «grundlegenden Architekturwechsel». Nach ihren Berechnungen könnte ein KI-Rechenzentrum mit einer IT-Leistung von einem Gigawatt seinen Energieverbrauch allein durch die effizientere Stromverteilung um 5% senken.Der Markt unterschätzt das Potenzial nochDiese Breite des Wandels werde an den Finanzmärkten bislang unterschätzt, betonen Ben Uglow und Andreas Willi vom britischen Research-Spezialisten Oxcap Analytics im Gespräch mit The Market. Das Thema werde häufig auf Hersteller von Rack-Stromverteilern reduziert. Tatsächlich betreffe der Umstieg auf 800VDC aber «die gesamte Wertschöpfung rund um die elektrische Infrastruktur von Rechenzentren. Von der Niederspannungstechnik über Transformatoren und Leistungselektronik bis hin zu unterbrechungsfreier Stromversorgung USV, Stromverteilung und Kühlsystemen», so Analyst Uglow.Nach Einschätzung von Andreas Willi, der das thematische Research bei Oxcap leitet, dürfte die erste Einführungsphase den Markt zunächst vergrössern. Neue Gleichstromwandler und zusätzliche Leistungselektronikmodule (sogenannte Sidecar-Systeme) würden den schrittweisen Wegfall klassischer Rack-Stromverteiler zunächst kompensieren. Seine Berechnungen zeigen, dass die Investitionen je installiertes Megawatt Rechenleistung in einer ersten Phase ab 2027 um rund 12% steigen könnten.Gleichzeitig entstehe ein weiterer Markt für Schutz- und Steuerungstechnik, der bislang aber nur wenig Beachtung finde. «Gleichstrom stellt deutlich höhere Anforderungen an Schutz- und Sicherheitssysteme als Wechselstrom», erklärt Willi. Dies sei eine Kernkompetenz von ABB.Warum gerade ABB?Diese Meinung teilen die Analysten der Zürcher Kantonalbank. Auch sie sehen in der neuen Stromarchitektur einen strukturellen Wachstumstreiber für die Elektrifizierungsindustrie und bescheinigen ABB eine «besonders starke Ausgangsposition für künftiges Wachstum und eine steigende Ertragskraft».ABB gehöre zu den Unternehmen, die von der Elektrifizierung und dem Ausbau der KI-Infrastruktur besonders profitieren könnten. Gemäss ihren Berechnungen wird künftig der Umsatzanteil von Rechenzentren deutlich zunehmen.Gemäss Ben Uglow liegt der Wettbewerbsvorteil von ABB weniger in einem einzelnen Produkt als in der langjährigen Erfahrung des Konzerns mit Gleichstromanwendungen. Sie sei unter anderem in der Schifffahrt sowie bei Schnellladesystemen für Elektrofahrzeuge aufgebaut worden. Hinzu kämen eine frühe Führungsposition bei elektronischen Schutz- und Sicherungssystemen sowie eine starke Marktposition im Mittelspannungsbereich. Also genau den Segmenten, die auch in einer künftigen 800VDC-Architektur eine zentrale Rolle spielen dürften.ABB versus SiemensNach Gesprächen mit dem ABB-Management geht Uglow zudem davon aus, dass der Konzern noch im laufenden Jahr erste Pilotprojekte für sogenannte Solid-State-Transformer präsentieren will. Dabei handelt es sich um elektronische Transformatoren, die Strom mithilfe von Leistungshalbleitern statt ausschliesslich mit klassischen Kupferspulen und Eisenkernen umwandeln. Sie gelten als effizienter und kompakter und können Stromflüsse in Echtzeit regeln.Insgesamt rechnet das ABB-Management gemäss Uglow damit, dass Gleichstrom bis 2030 bereits 40 bis 50% der neu installierten Kapazitäten von Hyperscale- und KI-Rechenzentren ausmachen könnte.Weniger eindeutig fällt seine Einschätzung für Konkurrent Siemens aus. Uglow, der beide Unternehmen schon seit langem kennt, sieht den Unterschied weniger in der Technologie als in der Transparenz. Siemens weise das Rechenzentrumsgeschäft bislang kaum separat aus, weshalb der Markt seine Bedeutung möglicherweise unterschätze. Gleichzeitig sei der Konzern einem Teil des anstehenden Strukturwandels weniger ausgesetzt, da er im Rechenzentrumsgeschäft kaum vom klassischen Markt für unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) abhängig sei. Also dem Bereich, der durch eine neue Gleichstromarchitektur zunächst unter Druck geraten könnte.Ein mehrjähriger Prozess steht bevorTrotz der insgesamt vielen positiven Einschätzungen mahnen sämtliche Analysten zur Vorsicht beim Zeitplan der Umsetzung von 800VDC.Wann sich 800VDC tatsächlich als neuer Industriestandard etabliert, ist derzeit offen. Alle Analysten gehen zwar davon aus, dass die steigenden Leistungsanforderungen moderner KI-Rechenzentren den Wandel begünstigen. In welchem Tempo er sich vollzieht, hängt jedoch von der Standardisierung der Technologie, Sicherheitsanforderungen sowie den Investitionszyklen der grossen Cloud-Anbieter ab.Das SemiAnalysis-Team beschreibt den Übergang als mehrjährigen Prozess und erwartet eine schrittweise Einführung von 800VDC in vier Entwicklungsstufen, die sich bis 2029 hinziehen dürften.Entsprechend zurückhaltend äussern sich die ZKB-Analysten auch zum finanziellen Effekt. «Bis 2028 ist Geduld gefragt», schreiben sie. Andreas Willi von Oxcap rechnet frühestens für 2028 oder 2029 damit, dass sich die neue Stromarchitektur spürbar in den Wachstumsraten der Konzerne niederschlägt.Halbjahreszahlen im kurzfristigen FokusEtwas zeitnaher dürfte sich der Blick der ABB-Investoren auf den 16. Juli richten, wenn der Konzern seine Halbjahreszahlen vorlegt. Nach Gesprächen mit dem Unternehmen erwartet Analyst Uglow einen robusten Auftragseingang im Elektrifizierungsgeschäft. Hinweise darauf, dass die starke Nachfrage lediglich auf Vorzieheffekte zurückzuführen sei, habe das Management zuletzt zurückgewiesen. Gleichzeitig warnt er vor überhöhten Erwartungen. Nach dem kräftigen Kursanstieg in den vergangenen Monaten könnten selbst gute Zahlen nicht mehr automatisch zu weiteren Kursgewinnen führen.Die Aktien sind nach ihrem guten Lauf in diesem Jahr mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 31 auf Basis des geschätzten Gewinns für die kommenden zwölf Monate auch anspruchsvoll bewertet.Anleger sollten sich davon aber nicht abschrecken lassen. Für ein langfristiges Engagement in ABB sprechen die solide Bilanz und die Profitabilität. Die Gewinnmarge auf Stufe Ebitda ist in den vergangenen zehn Jahren stetig gestiegen auf mittlerweile rund 20%. Der Konsens der vom Datendienstleister S&P Capital IQ erfassten Analysten liegt für 2028 bei 22,4%. Zum Vergleich: Siemens kommt auf rund 15%.Ebenso lag die Rendite auf dem investierten Kapital (ROIC) in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich deutlich über den Kapitalkosten und betrug zuletzt über 20%. Für ein Industrieunternehmen ist das ein aussergewöhnlich hoher Wert. Er spricht dafür, dass ABB Kapital effizient einsetzt, und stimmt optimistisch, dass der Konzern auch bei anstehenden Investitionen in die 800VDC-Architektur eine attraktive Rendite erzielen dürfte.Der Konzern selbst macht keine konkreten Prognosen zum Thema 800VDC. Er hebt jedoch hervor, dass die Nachfrage aus dem Rechenzentrumsgeschäft unverändert sehr dynamisch sei. ABB-Chef Morten Wierod sagte im April anlässlich der Präsentation des ersten Quartals, die Bestellungen aus dem Rechenzentrumsgeschäft seien im dreistelligen Prozentbereich gestiegen. Nach einem Rekordauftragseingang erhöhte er zudem die Prognose für das Gesamtjahr und erwartet nun ein organisches Umsatzwachstum im hohen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Prozentbereich. Die operative Marge auf Stufe Ebita soll höher ausfallen als im Vorjahr.Die Aussichten für ABB sind nach Einschätzung von The Market sehr gut. Im SMI gibt es kaum einen vergleichbaren Titel, der so verlässlich für Rendite sorgt wie ABB. Langfristig dürfte es sich lohnen, dabeizubleiben.
ABB profitiert vom nächsten KI-Sprung
Die Stromversorgung von Rechenzentren steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Der mögliche Umstieg von Wechsel- auf Gleichstrom gilt als eine der bedeutendsten technologischen Veränderungen seit Jahrzehnten. Der Schweizer Industriekonzern spielt dabei eine Schlüsselrolle.






