Die hohen Temperaturen in den vergangenen Wochen haben auch Spuren im Hochgebirge hinterlassen. Die Bergführer in Zermatt im Schweizer Kanton Wallis raten derzeit von einer Besteigung des Matterhorns (4478 Meter) ab. Wie Denis Gruber, der Präsident des Bergführervereins Zermatt, erklärt, sei die Gefahr von Steinschlag derzeit zu groß. „Ich war am Donnerstag vergangener Woche auf dem Matterhorn“, sagt er der F.A.Z. „An diesem Tag waren dort etwa 70 Leute unterwegs. Zwei-, dreimal hat es ziemlich gerumpelt.“Nachdem zudem ein Kollege von einem Stein an der Schulter getroffen worden war, entschieden sich die Bergführer vor einer Woche, das Risiko bei den derzeitigen Verhältnissen nicht weiter einzugehen. Darüber informierten sie auch in den sozialen Medien. „Die Route ist nicht gesperrt. Auch der Aufstieg ist nicht verboten“, sagt der 38 Jahre alte Gruber, der seit elf Jahren Bergführer ist. „Wir Bergführer wollten aber ein Zeichen setzen und deutlich machen, dass bei uns die Sicherheit von Gästen und Bergführern an erster Stelle steht.“ Neue Gäste führen die Zermatter Bergführer derzeit nicht auf das Matterhorn.Der wohl prominenteste Berg der Schweiz ist als brüchig bekannt. Die Gefahr von Steinschlägen ist dort größer als an anderen Bergen. Hinzu kommt, dass der vergangene Winter schneearm war und der Schnee durch starken Wind verblasen wurde. In den vergangenen Wochen lag die Frostgrenze am Matterhorn über dem Gipfelniveau. Der gefrorene Schnee, der die Steine zusammenhält, schmolz. Ohne Schnee und Eis aber bröckelt der Berg. In den sozialen Medien kursierte ein Video, das zeigte, wie sich bei Regen Bäche über die Matterhorn-Nordwand ergossen. Die Forschung des Schweizerischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung hat ergeben, dass starker Regen und Schmelzwasser das Auftauen des Permafrosts stark beschleunigen.Am Matterhorn kommen noch weitere Risiken hinzuAm Hörnligrat, dem Normalanstieg von Zermatt aus, kommt hinzu, dass dort sehr viele Menschen unterwegs sind. Während Bergführer ihre Gäste an das kurze Seil nehmen, gehen Seilschaften ohne Bergführer oft mit langen Abständen. Das führt dazu, dass das Seil hin und her schwingt, wodurch Steine ausgelöst werden, die dann auf Bergsteiger unterhalb fallen. Aus seiner Erfahrung weiß Gruber zudem, dass die Wegfindung am Matterhorn kompliziert ist. Immer wieder kommt es vor, dass unerfahrene Seilschaften von der Route abkommen. „Neben der Route ist mehr loses Geröll. Auch das kann zu Steinschlag führen“, sagt er.Ähnliche Situationen gab es schon in früheren Jahren, wie im Hitzesommer 2003. Doch die Eiswände apern immer mehr aus, Stein- und Eisschlag nehmen im ganzen Alpenraum enorm zu. Wie Pierre Mathey, Geschäftsführer des Schweizer Bergführerverbands, berichtet, werden in der Schweiz einige klassische Eis- und Schneecouloirs im Hochsommer kaum noch begangen, weil sie stark steinschlaggefährdet sind. „Ein bekanntes Beispiel ist die Ostwand des Monte Rosa, deren Charakter durch den Gletscherschwund grundlegend verändert wurde“, sagt Mathey. Überwiegend finden Gletschertouren nur noch im Frühjahr oder sehr früh im Sommer statt, während sie früher bis in den Spätsommer möglichwaren.„Aufgeben ist eine Tugend und kein Versagen“Risikomanagement spielt am Berg eine immer größere Rolle. Der Schweizer Bergführerverband hat die Ausbildung an die neuen Bedingungen angepasst und entsprechende Weiterbildungsangebote entwickelt, wie Mathey berichtet. „Die Weiterbildungen stellen sicher, dass Bergführer ihre Touren kontinuierlich an die sich verändernden alpinen Bedingungen anpassen und ihren Gästen auch unter den Herausforderungen des Klimawandels ein möglichst hohes Sicherheitsniveau bieten.“Zugleich fördert der Verband den kontinuierlichen Informationsaustausch zwischen den Verbandsmitgliedern über kritische Bedingungen. Auch die vom Schweizer Alpen-Club SAC herausgegebenen Lageberichte seien eine wichtige Informationsquelle für alle Bergsteiger, sagt Mathey. „Wer heute eine Tour im Hochgebirge plant, sollte die aktuellen Bedingungen sorgfältig prüfen und Flexibilität sowie Bescheidenheit an den Tag legen. Manchmal ist es sinnvoller, die Route oder den Gipfel zu wechseln oderauf eine andere Aktivität wie das Felsklettern oder das Bergwandern auszuweichen. Aufgeben ist eine Tugend und kein Versagen“, mahnt Mathey zur Vorsicht.Auch Gruber berichtet, dass in dem Jahrzehnt, in dem er als Bergführer tätig ist, das Risikomanagement anspruchsvoller geworden sei. Neben mehr Wind im Winter, was infolge der Schneeverfrachtungen zu größerer Lawinengefahr führt, und regelmäßigen Wärmeperioden im Januar und Februar auch im Hochgebirge, erschwere im Sommer der Steinschlag die Arbeit. „Als Bergführer muss man heute flexibler sein. Man kann nicht auf Plan A beharren. Man braucht einen Plan B oder einen Plan C.“Geht die Entwicklung so weiter, rechnet Gruber damit, dass die Saison am Matterhorn früher beginnt und später endet und im Juli und August die Bergführer aus Sicherheitsgründen öfter Pausen einlegen. In Zermatt hoffen sie nun darauf, dass durch Niederschlag bei niedrigeren Temperaturen und Schneefall im Gipfelbereich des Matterhorns die Verhältnisse wieder besser werden.