PfadnavigationHomeICONISTModeArtikeltyp:MeinungFast nacktDieses Kleidungsstück ist wie ein Fertiggericht mit „sexy“ BotschaftVon Sarah PinesVeröffentlicht am 16.07.2026Lesedauer: 5 MinutenBody Positivity und Diversity haben diesen Typ Frau nicht besiegtQuelle: Getty Images/Jeremy MoellerDer Mini-Romper ist das Kleidungsstück des Sommers 2026. Aber nicht für jede. Er scheint für Bewegungsfreiheit zu stehen, erzählt aber vor allem von einem Frauenkörper, der diszipliniert, sichtbar und jederzeit vorzeigbar ist.Man trifft sie in den sommerlichen Zentren großer Städte des Westens, in Manhattan, London, Berlin. Junge Frauen, die wunderbar aussehen und jedes Kleid tragen könnten, weil sie eine vollkommene Silhouette haben, an der alles sitzt. Aber anstatt in verschiedenste Outfits zu schlüpfen, tragen sie den Mini-Romper. Offensichtlich ist er das Kleidungsstück des Sommers 2026: ein kurzer, hautenger Einteiler, der unten in Radlerhosen abschließt, oben als Top mit Spaghettiträgern und oft tiefem Ausschnitt an Brust und Rücken. Mehr nackt als angezogen gehen sie im Mini-Romper einkaufen, flanieren, essen – Inseln voller Zufriedenheit, zu Hause in der Vollkommenheit der eigenen Körper. Sie wissen, so knapp bekleidet werden sie angeschaut, schauen aber nicht zurück, warum auch, sie blicken höchstens auf ihre Telefone oder das Kreditkartenlesegerät.Der Mini-Romper – winzig und knapp, entworfen, um den Körper herzuzeigen, ein BH passt nicht darunter, höchstens ein Slip – ist nicht für alle da, sondern vor allem für jene, die sich nicht hineinzwängen müssen. So wirkt es zumindest. Der Romper, wie er derzeit getragen wird, sitzt wie eine zweite Haut, nichts bleibt hier verborgen – übrigens ist die unbedeckte Haut stets sauber, unbehaart, makellos, ohne Rückenpickel oder Mitesser. Er ist die engstmögliche Verbindung zur unbekleideten Haut, danach kommen nur noch Unterwäsche, Bikini, das winzige Sportoutfit, eventuell der Nude Dress. Nur anders als diese ist der Romper nicht auf einen definierten, „abgesteckten“ Raum beschränkt – zu Hause, Strand, Studio, roter Teppich –, sondern wird überall getragen.Lesen Sie auchDer Mini-Romper gehört zur Athleisure-Mode – Workoutkleidung, die auch im Alltag getragen werden kann. Mit einem Marktvolumen von rund 460 Milliarden Dollar macht Athleisure etwa 30 Prozent der weltweit verkauften Kleidung aus. Anders als klassische, aus Spandex gefertigte Athleisure formt der Mini-Romper den Körper jedoch nicht notwendigerweise, sondern setzt dessen gute Form voraus. Oder wie es die in Harvard lehrende Literaturwissenschaftlerin Moira Weigel in ihrem Aufsatz „Pajama Right“ formulierte: „encourage(s) you to produce yourself as the body that they ideally display“. Lesen Sie auchAls Nacktfetzen wirken die Mini-Romper der US-Marken „Naked Wardrobe“, „Oh Polly“, „Edikted“ oder „Fashion Nova“, inzwischen gibt es sie aber auch bei Zara, H&M und nahezu jeder Yogamarke. Sie sind günstig zu haben, kosten zwischen 20 und 70 Dollar. Was den schneiderischen Aufwand angeht, ist der Mini-Romper ein banales Kleidungsstück, die Stoffe sind schlicht, monochrom, ohne Muster oder Rüschen.Der Romper ist so etwas wie die Sommerversion des Jumpsuits, eines relativ schmal geschnittenen Overalls, den um die vorletzte Jahrhundertwende zunächst Fallschirmspringer trugen, später aber auch Arbeiter, Handwerker und Frauen im Kriegsdienst. In den 1930er-Jahren entwarf Elsa Schiaparelli den ersten Jumpsuit für die Dame, der grobe Arbeitskittel wurde zur schicken Loungewear und glitzernder Abendmode. 1964 erschien der Jumpsuit zum ersten Mal auf dem Cover der Vogue: als moosgrüner Einteiler aus Wolle, entworfen von Guy Laroche, getragen von Isabella Albonico und fotografiert von Irving Penn. Der Aufruhr war groß, der Jumpsuit wurde schnell zum Trend, Oscar de la Renta entwarf ihn ebenso wie Yves Saint Laurent und Christian Dior. In den 70er-Jahren war der Jumpsuit Unisex-Disko-Outfit, Cher trug ihn, Elvis Presley auch, später Lady Di. In den frühen 80er-Jahren erklärte der amerikanische Designer Geoffrey Beene den Jumpsuit zum „Ballkleid des kommenden Jahrhunderts“. Ganz so kam es nicht.Wenn der Jumpsuit beziehungsweise die Hose – ähnlich wie die Nacktkultur – für Bewegungsfreiheit stehen, dann tut das der Romper von heute nur vorgeblich. Beim Mini-Romper gilt: Junge, schlanke Frauen werden als sexy gelesen und erzielen Aufmerksamkeit. Warum ist es wünschenswert, den Körper derartig auszustellen? Anders als FKK und Nacktkultur, als deren Verlängerung man den Mini-Romper im ersten Moment versucht ist zu sehen, war FKK immer auch eine gesellschaftliche Idee. Es ging um Natürlichkeit, Gleichheit, Entsexualisierung, Gemeinschaft jenseits von Sexualisierung. Der Romper transportiert keine dieser Ideen. Er ist ein Kleidungsstück des Individualismus im Gewand eines marktkonformen Feminismus absoluter, selbstoptimierter und monotoner Sichtbarkeit: Körper zeigen, Fitness zeigen, Kontrolle zeigen, alle sehen gleich aus, Fertiggerichte mit „sexy“ Botschaft.Der Mini-Romper ist bequem, bewegungsfreundlich, suggeriert Sportlichkeit und Gesundheitsbewusstsein. Hier kommuniziert das Körpergefühl eine gesellschaftliche Erwartung, oder eher ein gesellschaftliches Ideal: Arbeit und Freizeit lassen sich verbinden, genauso nahtlos wie der Romper selbst. Doch der Romper ist Ausdruck reiner Selbstinszenierung. Der Körper wird nicht befreit, sondern verweist auf die Disziplin seiner Trägerin. Die Frau, die den Mini-Romper trägt und ihren Körper vorführt, ist überzeugt, dass ihre Selbstvervollkommnung zugleich Ausdruck harter Arbeit am eigenen Körper und Vergnügen am Rumpaddeln in Freizeitkleidung ist.„Die Frau ist Königin der Welt und Sklavin eines Wunsches“, schrieb Honoré de Balzac im 19. Jahrhundert, lange vor Romper und Beinfreiheit. Entsprechend ist die Mini-Romper-Frau Überlebende eines Systems, das über Diskurse wie Diversität und Körperpositivität vorgab, eben diesen Frauentyp besiegt zu haben. Und da steht sie, geht sie, ohne Photoshop, Gesichtsfilter, soziale Medien, echter als echt, gleich hier auf der Straße, auf dem Asphalt, und reproduziert die weiterhin geltenden ideologischen Anforderungen des Marktes an die Frau: schlank und sichtbar sein. Und Achtung: Der Mini-Romper macht nur so lange Spaß, bis man auf Toilette muss.
Sommermode 2026: Der Mini-Romper ist Ausdruck reiner Selbstinszenierung - WELT
Der Mini-Romper ist das Kleidungsstück des Sommers 2026. Aber nicht für jede. Er scheint für Bewegungsfreiheit zu stehen, erzählt aber vor allem von einem Frauenkörper, der diszipliniert, sichtbar und jederzeit vorzeigbar ist.







