Europa rüstet auf, doch noch fehlt es an Kapazitäten für Sprengstoffe. Die Société Suisse des Explosifs wittert Chancen.16.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenZuhinterst in der Gemeinde Brig-Glis, in einem engen Seitental, umgeben von schroffen Felsen, stellt die Traditionsfirma Société Suisse des Explosifs (SSE) seit über 130 Jahren Sprengstoff her. 40 Mitarbeiter kümmern sich von Montag bis Freitag im Dreischichtbetrieb rund um die Uhr um die Produktion.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Manche Anlagen und die meisten Gebäude sind sichtlich in die Jahre gekommen. Im Laufe der Zeit wurden auf dem Betriebsgelände über 100 zumeist kleine und flache Häuser errichtet. Die grosse Zahl dient der Risikoverringerung: Wenn an einem Ort etwas in die Luft flöge, wäre nicht das ganze Werk betroffen. Zum Ensemble gehört auch ein Tunnel, durch den früher Maultiere das Dynamit abtransportierten.Doch trotz dem ältlichen Gebäudepark werden bei der SSE jährlich noch immer 2000 Tonnen Sprengstoffpulver beziehungsweise über 13 Millionen Meter an Zündschnüren unterschiedlicher Dicke gefertigt.Zäsur wegen des russischen Angriffes auf die UkraineDas Walliser Unternehmen verdankt seine Gründung dem Simplon-Eisenbahntunnel, für dessen Bau zwischen 1898 und 1905 viel Dynamit benötigt wurde. Der Bau der Lötschbergbahn und die Erstellung einer zweiten Röhre durch den Simplontunnel sorgten in den Jahren danach für weitere Nachfrage.Das Stammwerk der SSE befindet sich in einem Seitental am Rand der Walliser Gemeinde Brig-Glis.Mit Ausnahme des Zweiten Weltkriegs, als vor allem Arbeiterinnen Munition für die Schweizer Armee produzierten, beschränkte sich die Sprengstoffherstellung bei der SSE auf zivile Anwendungen wie den Tunnelbau. Militärgeschäfte waren kein Thema.Mittlerweile hat man es sich anders überlegt. Der Angriff Russlands auf die Ukraine Anfang 2022 bildete auch für die Führung der SSE eine Zäsur. Der Verwaltungsrat begann 2023, die Strategie zu überarbeiten. «Wir kamen zu dem Schluss, dass wir einen Beitrag für die Sicherung der europäischen Verteidigungsfähigkeit leisten wollen», sagt Dany Antille, der Delegierte des Verwaltungsrats der Briger Firma.Kein einfacher EntscheidDer Entscheid schien dem Unternehmen nicht leichtzufallen. Über Jahrzehnte hatte sich die SSE einen Ruf als Hersteller qualitativ hochstehender Produkte für den Tunnelbau, den Bergbau und Lawinensprengungen aufgebaut. Nun sollte man auf einmal auch den Rüstungssektor bedienen? Das Management war gefordert, neben Kunden und Lieferanten auch die Aktionäre und die Mitarbeiter von der Strategieanpassung zu überzeugen.Beim Aktionariat half der Unternehmensführung, dass es mit rund 600 Anteilseignern vergleichsweise überschaubar ist. Laut Antille kontrollieren die zehn grössten Aktionäre, zu denen der Verwaltungsratsdelegierte und frühere Firmenchef selbst gehört, über 60 Prozent des Kapitals.Zu Beginn werden die Fäden für die Zündschnüre abgewickelt. Der Sprengstoff haftet anschliessend an ihnen. Die Sprengschnüre erhalten zudem eine Ummantelung aus PVC.Mitarbeitern den Sinn des Einstiegs in militärische Geschäfte zu erklären, wäre bis vor drei, vier Jahren eine grosse Herausforderung gewesen, räumt Gilles de Preux, der heutige CEO der SSE, ein. «Heute ist uns allen bewusst, dass wir das Privileg haben, in der Schweiz in Sicherheit und Frieden zu leben. Aber um diesen Frieden langfristig zu sichern, muss man ihn im Ernstfall auch verteidigen können.»Willkommener WachstumsmarktDe Preux, der 2018 von Antille die Geschäftsleitung übernahm, sagt, man sei im Verteidigungssektor klein gestartet. Erst 2 Prozent des letztjährigen Gesamtumsatzes von 179 Millionen Franken habe die SSE mit dem Verkauf von Dual-Use-Produkten an militärische Kunden erzielt. Mit Dual-Use-Produkten sind Güter gemeint, die sich für zivile und militärische Zwecke verwenden lassen.Zugleich war es den erstmaligen Einnahmen aus dem Verteidigungssektor zu verdanken, dass die Verkäufe gegenüber dem Vorjahr stabil blieben. Im angestammten Geschäft mit zivilen Anwendungen kämpft der Sprengstoffhersteller schon länger mit einem stagnierenden bis leicht rückläufigen europäischen Gesamtmarkt. Die meisten Tunnels oder Speicherkraftwerke mit ihren umfangreichen Stollen sind in Europa gebaut.Hinzu kommt, dass es für zivile Anwendungen viele Anbieter von Sprengstoffen gibt. Die führenden Hersteller, zu denen man gehöre, kämen in Europa auf einen Marktanteil von je nur 8 bis 14 Prozent, heisst es am Verwaltungssitz der SSE. Dieser befindet sich in einem moderneren Gebäude einige hundert Meter entfernt von den museal anmutenden Bauten für die Produktion und die Lagerung des Sprengstoffes.Das Absatzvolumen für zivile Sprengstoffe wird in Europa auf 1,5 Milliarden Franken geschätzt. Global beträgt es rund 15 Milliarden Franken pro Jahr, wobei wegen der grossen Nachfrage aus dem Bergbau gegen 70 Prozent der Einnahmen aus Nord- und Südamerika sowie aus Asien und Ozeanien stammen. Bei der SSE entfallen vom Geschäft mit zivilen Kunden je 50 Prozent des Umsatzes auf Europa und auf aussereuropäische Märkte.Auch auf dem Gelände der benachbarten Feinchemiefabrik, welche die SSE ebenfalls in Brig-Glis betreibt, herrscht strenges Rauchverbot.Konzentration auf EuropaIm Verteidigungssektor will das Walliser Unternehmen laut eigenen Angaben neben der Schweiz nur weitere europäische Märkte beliefern. Generell befolge man strikt die Auflagen des Staatssekretariats für Wirtschaft, sagt de Preux. Der Firmenchef geht davon aus, dass der Anteil von Dual-Use-Produkten am Umsatz in den nächsten zwei bis drei Jahren auf maximal 10 Prozent gesteigert werde.Wie andere europäische Sprengstoffhersteller spürt die SSE das deutlich gestiegene Interesse von Regierungen an einer Wiederaufrüstung. Die meisten Länder in Europa haben seit dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine begonnen, Munitionsdepots aufzustocken und Rüstungsgüter vermehrt in Europa einzukaufen. Besonders ausgeprägt zeigt sich dies bei der Sprengstoffsorte Trinitrotoluol (TNT), die für die Produktion von Artilleriegeschossen, Raketen und Landminen benötigt wird.Bis zum Ausbruch des Kriegs in der Ukraine war mit der polnischen Firma Nitro-Chem in der EU nur noch ein TNT-Hersteller übrig geblieben. Alle anderen früheren Anbieter hatten ihre Produktionskapazitäten in Europa stillgelegt, weil nach der Beendigung des Kalten Krieges die Nachfrage fehlte.Grosse Kapazitäten für die Herstellung von TNT befinden sich weiterhin ausserhalb Europas, unter anderem in Indien und in Vietnam. Mittlerweile gibt es aber Projekte für den Bau neuer Werke in Finnland, Schweden oder in Griechenland.Nitro-Chem verfügte bis zum Angriff Russlands auf die Ukraine über eine Produktionskapazität von ungefähr 12 000 Tonnen TNT. Im Zuge der Wiederaufrüstung könnte der europaweite Bedarf laut der Wirtschaftszeitschrift «The Economist» aber auf jährlich über 30 000 Tonnen steigen. Die Schätzung umfasst neben militärischen auch zivile Anwendungen.Sprengstoffe zur Beseitigung von MinenTrotz der grossen Nachfrage plant die SSE nicht, ins Geschäft mit TNT einzusteigen. Nach mehreren Akquisitionen besitzt das Unternehmen mittlerweile zwar auch Werke in Schweden, Polen und in der Slowakei. In Griechenland hält es zudem neuerdings eine Minderheitsbeteiligung an einer Sprengstofffabrik. Doch die rund 200 Millionen Franken, die für eine neue TNT-Fabrik aufzuwerfen wären, sind für das Unternehmen mit weltweit 700 Angestellten eine Nummer zu gross.Gilles de Preux steht seit 2018 der Geschäftsleitung der SSE vor und ist damit Chef von über 700 Mitarbeitenden.Die Walliser Firma will sich im Rüstungsbereich auf Sprengstoffe der Sorte Pentrit (PETN) konzentrieren. Die SSE stellt solche seit langem für zivile Anwendungen insbesondere im Bergbau her. Im Verteidigungsbereich bediene man eine Nische, sagt Gilles de Preux. PETN wird im militärischen Umfeld vor allem für die Sprengung von Landminen eingesetzt.Beim Aufbau ihrer Rüstungsgeschäfte kann die SSE auf die Unterstützung der Schweizer Armee und von deren Beschaffungsorganisation Armasuisse zählen. Armasuisse sei in Kontakt mit der SSE sowie weiteren Sprengstoffherstellern im europäischen Raum, erklärt die Behörde auf Anfrage. Ein Armeesprecher sagt, dass der Aufbau der Munitionsbestände ein zentrales Element der Stärkung der Verteidigungsfähigkeit sei.Markus Blocher will nichts mehr von Sprengstoffen wissenWährend des Zweiten Weltkriegs wurden ebenso wie schon im Ersten Sprengstoffe für die Schweizer Armee auch im Kanton Aargau hergestellt. Der Betrieb, aus dem die heutige Chemiefirma Dottikon ES hervorgegangen ist, hiess damals noch Schweizerische Sprengstoff-Fabrik (SSF). Ab Mitte der 1950er Jahre wurde die Produktion von Sprengstoffen in diesem Werk aber sukzessive durch die Herstellung von industriellen und pharmazeutischen Zwischenprodukten ersetzt. Später kamen Pharmawirkstoffe hinzu.Dany Antille ist Delegierter des Verwaltungsrats der SSE. Von 1997 bis 2017 war er CEO.Eine Rückkehr ins Geschäft mit Sprengstoffen kommt für Markus Blocher, den heutigen Chef und Mehrheitsaktionär von Dottikon ES, nicht infrage. Das Rüstungsgeschäft sei nicht mit der Ausrichtung auf den Pharmasektor vereinbar, erklärt er dezidiert. «Zudem sind militärische Sprengstoffe heute Massenprodukte und wirtschaftlich zu wenig interessant, um in der Schweiz hergestellt zu werden.»Für die SSE drängt derweil die Zeit. Nach Einschätzung von Marktbeobachtern dürfte dem Sprengstoffhersteller ein Zeitfenster von fünf Jahren verbleiben, um von der Wiederaufstockung der Munitionsvorräte in Europa zu profitieren. Danach könnte die Nachfrage abflauen und der Konkurrenzkampf auch im Rüstungsmarkt härter werden.Gescheiterter Schulterschluss mit MitbewerberSo oder so wird sich das Unternehmen aber auch in seinem Kerngeschäft stärker aufstellen müssen. Die Unternehmensführung ist überzeugt, dass sich europäische Hersteller von Sprengstoffen für zivile Anwendungen vermehrt zusammenschliessen müssen.Doch ein erster Versuch für einen europäischen Schulterschluss scheiterte vor wenigen Wochen. Die SSE und ihr kotierter französischer Konkurrent EPC konnten sich trotz mehrmonatigen Gesprächen nicht über die Modalitäten einer Zusammenlegung ihrer Geschäfte mit zivilen Sprengstoffen einigen.Das Ziel, das sich die SSE gesetzt hat, bleibt ehrgeizig: In Brig würde man gerne vom fünftgrössten Anbieter in Europa zum Marktführer werden.Die heilige Barbara wird als Schutzpatronin der Bergleute auch von den Beschäftigten der SSE verehrt.Passend zum Artikel