Der neue Vorsitzende der US-Notenbank konnte einige Kritiker beruhigen, die in ihm nur einen Handlanger des Präsidenten gesehen hatten. Warshs Austausch mit Senatoren macht aber deutlich, dass der Ausbau der KI-Infrastruktur seine Geldpolitik prägen wird.16.07.2026, 05.31 Uhr5 LeseminutenDer Fed-Vorsitzende Kevin Warsh konnte bei seinem zweiten Auftritt im Kapitol auf etwas mehr Sympathien von Demokraten zählen als noch im April.Nathan Howard / ReutersDer neue Fed-Chef Kevin Warsh hat am Dienstag und Mittwoch erstmals seinem Auftraggeber Red und Antwort gestanden. Dabei handelte es sich nicht um den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der gern mehr Einfluss auf die Geldpolitik der Zentralbank nähme. Warsh trat im Kapitol vor je einem Ausschuss der beiden Parlamentskammern auf – jenen Instanzen also, die das Notenbankgesetz verfasst und das Fed in seiner jetzigen Form geschaffen haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese halbjährlichen Besuche waren früher oft eine Routineangelegenheit. Weil Warsh aber grosse Reformen im Fed vorbereitet und die Grundfrage um die Unabhängigkeit der Notenbank noch nicht zur Zufriedenheit aller beantwortet ist, verfolgten die Märkte seinen Auftritt mit Argusaugen.Eine gewisse EntspannungAm Mittwoch erhielt Warsh im Senatsausschuss einen freundlicheren Empfang als noch im April. Damals hatten die demokratischen Senatoren seine Kandidatur für den Posten des Fed-Chefs unisono abgelehnt, um gegen Trumps Einmischung in die Geldpolitik zu protestieren. Elizabeth Warren, die höchstrangige Demokratin in der Kommission, warf Warsh damals gar vor, eine «Handpuppe» Trumps zu sein – ein williger Helfer in dessen Plan, die Kontrolle über das Fed zu übernehmen.In seinen öffentlichen Auftritten hat Warsh in den ersten sieben Wochen seit seinem Amtsantritt aber mehrfach sowohl die Bedeutung der Unabhängigkeit des Fed als auch jene des Inflationsziels betont. Die Märkte schlossen daraus, dass Warsh auch einer Zinserhöhung zustimmen würde, falls die wirtschaftlichen Bedingungen danach verlangen, selbst wenn er damit Trump erzürnen würde.Sehr kritisch bleibt jedoch Elizabeth Warren. Sie warf ihm am Mittwoch vor, eine Kultur der Korruption im Fed zu befördern. Etwa indem er verschweige, wem er rund 100 Millionen Dollar an Wertschriften verkauft habe, kurz bevor er sein Amt als Fed-Chef angetreten habe. Warsh erwiderte, dass er dazu alles offenlegen werde, was die Ethik-Richtlinien einfordern würden.Die demokratische Senatorin Elizabeth Warren hatte sich im April sehr skeptisch zur Nomination von Kevin Warsh für das Amt des Fed-Chefs geäussert; und sie bleibt ihm gegenüber sehr kritisch.Elizabeth Frantz / ReutersWarren kritisierte auch einen Auftritt der Fed-Vizechefin Michelle Bowman. Diese trat unmittelbar nach dem Zinsentscheid im Juni an einem privaten Dinner auf, das von der Bank of America in New York organisiert worden war. Zu diesem Zeitpunkt galt indes noch eine sogenannte «blackout period». Mitglieder des Fed sind in dieser Zeit angewiesen, sich nicht öffentlich oder privat zu Zinsentscheiden zu äussern.Warren verknüpfte diesen Auftritt nun mit einer Reihe von Ethik-Skandalen, welche die Fed-Spitze in den vergangenen Jahren bewegt hatten, und fragte Warsh wiederholt, ob er Bowman auf ihren Auftritt angesprochen habe. Der Fed-Chef ging der Frage indes recht geschickt aus dem Weg und hielt fest, dass er einer unabhängigen Untersuchung des Generalinspekteurs des Fed nicht vorgreifen wolle.Das grosse KI-RätselWarsh möchte bekanntlich ein Fed, das keine Prognosen und Versprechen zu seiner zukünftigen Geldpolitik abgibt. Die Finanzmärkte haben aber nicht aufgehört, zu werweissen, wie geopolitische und wirtschaftliche Ereignisse das Fed in seinem Zinsentscheid beeinflussen werden.Besondere Aufmerksamkeit erregen sämtliche Aussagen Warshs zum Ausbau der KI-Infrastruktur, der in Amerika rasch voranschreitet. Der Fed-Vorsitzende hat sich in der Vergangenheit oft und optimistisch zu diesem Thema geäussert und hat inzwischen eine Fachgruppe aus externen Experten beauftragt, die Folgen dieser Entwicklung auf die Geldpolitik des Fed zu untersuchen.Bereits am Dienstag, als Warsh vor dem Ausschuss für Finanzdienstleistungen des Repräsentantenhauses aufgetreten war, hatte er betont, dass KI langfristig eine disinflationäre Wirkung erzielen werde: Sie soll Arbeitskräfte produktiver machen, was tendenziell zu fallenden Preisen für Güter und Dienstleistungen führt.Deutlich zeigt sich aber auch, dass es eine Weile dauern wird, bis sich diese Wirkung einstellt. Vorerst treibt der Bau der Rechenzentren, in denen KI-Modelle trainiert und betrieben werden, die Teuerung in den USA sogar an, weil er einen Grossteil des knappen Angebots an Strom, Grafikkarten, Speicherchips oder auch an ausgebildeten Elektrikern und Installateuren von Klimaanlagen für sich beansprucht. Der KI-Boom verteuert so indirekt auch Smartphones, Spielkonsolen oder den Bau von Einfamilienhäusern.Der Bau von KI-Rechenzentren, wie hier in Abilene in Texas, treibt in den USA das Wirtschaftswachstum an.Shelby Tauber / ReutersEin Klumpenrisiko – und eine grosse ChanceWarsh bestätigte, dass es diesen Effekt gibt, wollte ihn aber nicht mit Inflation gleichsetzen. Es könne sich auch um eine «einmalige Preisveränderung» handeln. In diesem Fall könnte es sich das Fed leisten, auf das Phänomen nicht oder weniger aggressiv mit Zinserhöhungen zu reagieren. Diese Sichtweise wird aber nicht von allen Experten geteilt.Manche Beobachter sorgen sich darüber hinaus schon seit über einem Jahr, dass die amerikanische Wirtschaft zu stark vom Wachstum der KI-Branche lebt. Es gibt (wenig präzise) Schätzungen, wonach in jüngster Zeit die Hälfte bis fast das komplette Wirtschaftswachstum der USA auf diesen Ausbau zurückzuführen ist. Wenn Unternehmen wie Amazon, Oracle oder Microsoft aufhören würden, wie wild Rechenzentren in der amerikanischen Landschaft zu verteilen, trüge die Wirtschaft spürbaren Schaden davon.Georgias Senator Raphael Warnock fragte bei Warsh nun nach, was ein solcher Einbruch für die Altersvorsorge der Amerikaner bedeuten würde – sie investieren einen bedeutenden Teil ihrer Pensionsguthaben am Aktienmarkt, den die Tech-Unternehmen wiederum stark prägen.Warsh blieb in seinen Antworten aber eher optimistisch. Der KI-Ausbau sei kurzfristig «ziemlich gut für Jobs». Langfristig werde er die Produktivität erhöhen und dabei wohl ebenfalls neue Arbeitsplätze schaffen. Dazwischen könne es aber zu einem schwierigen Übergang kommen.Ein schmales FundamentDer Fed-Vorsitzende betonte mehrfach sein Vertrauen in die amerikanische Wirtschaft. Diese befinde sich ganz vorn an der technologischen Front. Und ganz offenbar sähen zahlreiche Unternehmen «etwas Glänzendes am anderen Ende des Regenbogens», sonst würden sie nicht derart viel investieren in ihre KI-Kapazitäten. Warsh wollte dieser Schwarmintelligenz nicht widersprechen.Diese für einen Fed-Chef sehr konkrete Position wird von einem Grossteil der Investoren im amerikanischen Markt geteilt. Gleichwohl bestehen Zweifel, ob die beiden führenden KI-Unternehmen Open AI und Anthropic jemals genug einnehmen werden, um die immensen Investitionen in Rechenleistung zu bezahlen, die sie derzeit tätigen. Falls dem nicht so wäre, würden auch Lieferanten wie Oracle in substanzielle Probleme geraten, weil sie stark abhängig sind von diesen Aufträgen und sie sich stark verschuldet haben, um die neuen Serverfarmen für Open AI und Anthropic zu bauen.In diesem Szenario könnte das Fed in ein Dilemma geraten: Erhöht es zur Bekämpfung der Inflation die Zinsen, wird das die Kapitalkosten für den Ausbau der KI-Infrastruktur erhöhen – und könnte ihn schlimmstenfalls abwürgen und die amerikanische Wirtschaft ins Jammertal schicken. Das Dilemma wäre eine Neuauflage der bei Ökonomen altbekannten Phillips-Kurve: Die Notenbank muss sich stets entscheiden, ob sie eine tiefe Inflation oder eine tiefe Arbeitslosigkeit will. Beides gleichzeitig erhält sie nicht.Kevin Warsh hat schon immer scharf bestritten, dass das Fed eine solche quasimechanische Abwägung treffen muss. Klar ist: Gibt es eine KI-Blase, und platzt sie in nächster Zeit, wird sein Job noch einmal viel schwieriger, als er jetzt schon ist.Passend zum Artikel
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