KommentarKevin Warsh im KI-Dilemma: Die grosse Hoffnung auf niedrigere Inflation muss wartenDer neue Fed-Chef propagierte einst, künstliche Intelligenz senke die Inflation und erlaube niedrigere Leitzinsen. Im Amt ist er deutlich zurückhaltender. Recht könnte er trotzdem behalten.09.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenSeit der Wahl zum Notenbankchef sieht Kevin Warsh den Zusammenhang von künstlicher Intelligenz und Inflation deutlich nuancierter.Alex Brandon / APLange bevor Kevin Warsh im Mai zum Chef der US-Notenbank Fed gekürt wurde, fiel er mit seiner positiven Haltung gegenüber künstlicher Intelligenz (KI) auf. Warsh zeigte sich davon überzeugt, dass die neue Technologie die Produktivität anheben und die Inflation dank geringerer Arbeitskosten senken würde. Verbunden damit war die Überzeugung, in einer KI-Welt die Zinsen senken zu können, ohne gleich einen Teuerungsschub auszulösen. Aus der Sicht von US-Präsident Donald Trump, einem Befürworter niedriger Zinsen, sprach dies für Warsh als Fed-Chef.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Starke Verteuerung von SpeicherchipsDoch seit Kevin Warsh das von ihm seit Jahrzehnten angestrebte Amt erobert hat, sieht er die Dinge nuancierter. Ob KI eine preissenkende Wirkung hat, lässt er offen – eine Arbeitsgruppe soll die Frage klären. Sehr zum Ärger von Trump, der sich bereits am vorherigen Fed-Chef Jerome Powell abgearbeitet hatte, fällt Warsh nun mit restriktiver Haltung auf. Sein Fokus gilt dem Kampf gegen die Inflation, die mit 4,2 Prozent mehr als doppelt so hoch ist wie angestrebt. Mit Zinssenkungen vor den Zwischenwahlen im November kann Donald Trump deshalb nicht rechnen.Der Verzicht auf Zinssenkungen hat nicht nur mit dem Nahostkonflikt zu tun, der die Inflation durch höhere Energiepreise noch verstärkt hat. Eine Rolle spielt auch der KI-Boom. Denn dieser zeigt bis anhin nicht die deflationäre Wirkung, die Warsh einst in Aussicht gestellt hatte. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Die gigantischen Investitionen in Datenzentren haben den Bedarf an Strom, Batterien und vielem mehr erhöht. Grosse Engpässe hat der schuldenfinanzierte Boom auch bei Speicherchips ausgelöst, mit entsprechend preistreibender Wirkung.In den USA sind die Preise für elektronische Komponenten und Zubehör, wozu auch Halbleiterprodukte gehören, im Mai um 27 Prozent gestiegen. Noch im Januar hatte das Plus erst bei 6 Prozent gelegen. Weil Speicherchips in zahllosen Produkten wie Autos, Spielsachen oder Haushaltsgeräten verbaut sind, steigen nun auch deren Preise. Für weltweite Schlagzeilen sorgte jüngst der Apple-Konzern, der die Preise für MacBook-Computer und iPads um rund einen Fünftel erhöhen will.Kurze contra lange FristDie Konsumenten spüren somit noch wenig von einer preissenkenden Wirkung von KI. Liegt Kevin Warsh somit falsch? Ist KI gar eine inflationäre Kraft, welche die Zentralbanken zu strukturell höheren Zinsen zwingt? Niemand weiss es. Doch jeder, der sich schon einmal mit KI auseinandergesetzt hat, erkennt intuitiv das Potenzial, bestimmte Dinge schneller, genauer und kostengünstiger zu erledigen. Und wenn mehr Leistung mit weniger Aufwand verbunden ist, erhöht dies die Produktivität und senkt in aller Regel auch die Preise.Das Problem: Es braucht Zeit, bis sich dieses Potenzial entfaltet und in den Statistiken sichtbar wird. Die Automatisierung oder die Digitalisierung komplexer Aufgaben geschieht nicht von heute auf morgen. Und bei verschiedenen Anwendungen weist die Technologie noch grosse Mängel und Sicherheitsrisiken auf, deren Behebung ebenfalls Zeit benötigt. Doch auch wenn der Aufbau der KI-Infrastruktur nun zu höheren Preisen führt, spricht vieles dafür, dass in langer Frist dank niedrigerer Herstellkosten die deflationären Folgen überwiegen werden.Die derzeitige KI-Inflation widerlegt Warshs These noch nicht. Offen ist jedoch, wann sich die erwarteten Produktivitätsgewinne tatsächlich in tieferen Preisen niederschlagen werden. Solange diese Unsicherheit anhält, wird sich Warsh in seiner Geldpolitik kaum von KI-Versprechen leiten lassen. Wer – wie Präsident Trump – darauf hofft, der neue Fed-Chef werde im Vertrauen auf künftige Preissenkungen schon heute die geldpolitischen Zügel lockern, dürfte enttäuscht werden. Dafür gibt es keinen Anlass – und Warsh macht dies seit seinem Amtsantritt auch klar.Passend zum Artikel
Kevin Warsh im KI-Dilemma: Die grosse Hoffnung auf tiefere Inflation muss warten
Der neue Fed-Chef propagierte einst, künstliche Intelligenz senke die Inflation und erlaube niedrigere Leitzinsen. Im Amt ist er deutlich zurückhaltender. Recht könnte er trotzdem behalten.






