Wenn man die Geschichte des Fußball-Weltmeisters von 2022 erzählen will, dann kann man sie, natürlich, mit Lionel Messi beginnen. Man kann sie von hinten erzählen, vom grandiosen Finale, in dem Argentinien am Ende ein bisschen besser als Frankreich war, weil Messi ein bisschen grandioser war als Mbappé. Man kann sie auch von vorn erzählen, weil es Messi war, der sein Team im ersten Spiel mit dem ersten Tor in Führung gebracht hatte.Aber vielleicht sollte man besser auf jene 59. Minute im Spiel gegen Saudi-Arabien schauen, weil dort etwas begann, das am Ende mindestens so entscheidend war wie Messi selbst. Es war jener Moment, als Lionel Scaloni beim Stand von 1:2 Julián Álvarez, 22, und Enzo Fernández, 21, einwechselte. Und auch wenn das in diesem Spiel noch nichts half und Scaloni noch ein weiteres Spiel brauchte, bevor er diesen Wechsel dauerhaft vollzog, war das am Ende die Struktur, die Argentinien brauchte, um Weltmeister zu werden. Die auch Messi brauchte, um Argentinien zum Weltmeister zu machen.Und wenn man sich das vor dem Hintergrund des Samstagabends in Kansas City noch einmal anschaut, versteht man, warum sie in Argentinien hoffen, dass bei dieser Weltmeisterschaft gerade noch einmal etwas angefangen hat. Anstatt, wie der Rest der Fußball-Welt, darauf zu warten, dass etwas zu Ende geht.Das Tor von Álvarez zum 2:1 gegen die Schweiz, jener zauberhaft-wuchtige Schlenzer, der sich in der 112. Minute in den rechten oberen Torwinkel grub, brachte Scalonis Team nicht nur ins Halbfinale gegen England an diesem Mittwoch in Atlanta. Es brachte auch die Erinnerung zurück, dass Argentinien nicht nur Messi ist, der zudem bei dieser WM zuletzt immer weniger zu werden schien – und mit ihm Argentinien insgesamt. Und es kann deshalb sogar sein, dass der Spieler, der von vielen für den zweitwichtigsten im argentinischen Team gehalten wird, gegen England der wichtigste wird.Messi gratuliert: Álvarez schoss Argentinien gegen die Schweiz ins WM-Halbfinale.AFPRückblick, Qatar 2022: Am Ende sind es vier Tore, die Álvarez zum Titel beigetragen hat, davon zwei im Halbfinale gegen Kroatien, nach vorher drei in dreizehn Länderspielen, sodass Manchester City gleich nach der WM 20 Millionen Euro für ihn an River Plate bezahlen wird. Aber es ist noch etwas anderes.Dass sich damals spätestens nach seiner Einwechslung im zweiten Gruppenspiel gegen Mexiko gezeigt hat, dass Álvarez, der als „Neuner“ vor Messi spielt, der perfekte Sidekick für ihn ist – mit der Betonung auf Kick. In einer argentinischen Mannschaft, die insgesamt von ihrer Emotionalität und Intensität lebt, ist er einer derjenigen, die gerade Letzteres am meisten verkörpern: immer unterwegs, immer am Anschlag.Laut DFB-Analyse das Best-Practice-ModellIn der WM-Analyse, die der Deutsche Fußball-Bund nach dem Turnier in seiner Akademie angefertigt hat, ist Messi/Álvarez als Best-Practice-Modell angeführt und mit Fallbeispielen illustriert. Dort heißt es, nüchtern formuliert, dass Álvarez „mit seiner Spielweise und seinen intensiven Laufwegen nach vorne und nach hinten ein ideales Pendant zu Messi“ gewesen sei. Er hat demnach unter allen WM-Stürmern 2022 die fünftmeisten intensiven Läufe bei eigenem Ballbesitz gemacht, aber auch die fünftmeisten bei gegnerischem.Genau diese Doppelrolle ist es, von der Argentinien und auch Messi so sehr profitiert haben. Zum einen ist Alvarez ein entscheidender Faktor dabei, Messis – vom DFB ebenso nüchtern formuliert – „defensive Nicht-Rolle“ zu kompensieren. Er ist nicht der Einzige, auch Fernández und Rodrigo de Paul im Mittelfeld spielten und spielen dabei wichtige Rollen. Aber das Besondere ist, dass Álvarez das aus einer ganz anderen Position heraus tut: der Stürmer als erster Verteidiger.Arbeit, die gemacht werden muss„Als Stürmer willst du deiner Mannschaft helfen, indem du Tore schießt“, sagte er dieser Tage, „aber manchmal musst du auch die harten Meter machen und eine defensive Schicht einlegen.“ Das klingt erst einmal nicht außergewöhnlich, so würden die meisten sprechen, die im modernen Medienfußball sozialisiert sind. Außergewöhnlich ist aber, wie Álvarez das auf dem Platz mit Leben füllt. Nämlich so, dass man das Gefühl hat, dass er wirklich nicht zuerst an die eigenen Tore denkt, sondern an die Arbeit, die gemacht werden muss.Es ist kein Wunder, dass er damit wie gemacht für den Fußball wirkt, den sein argentinischer Landsmann Diego Simeone bei Atlético Madrid spielen lässt. Álvarez, im Sommer 2024 für bis zu 95 Millionen Euro von Pep Guardiolas City geholt, hatte großen Anteil, dass Atlético in der abgelaufenen Saison ins Halbfinale der Champions League vorgedrungen ist, wo das Team am FC Arsenal scheiterte.Bei der WM hat Álvarez bislang eher unter dem Radar gespielt, auch, weil er eine Knöchelverletzung aus der Saison mit Atlético mitgebracht hatte. In der Vorrunde wurde er zweimal eingewechselt, auch im ersten K.-o.-Spiel kam er nur von der Bank. Er ist auch kritisiert worden, Stürmer, gerade wenn sie viel Geld kosten, werden am Ende eben auch an Toren gemessen.Zieht es ihn zum FC Barcelona?In den beiden jüngsten Spielen aber konnte man ihn wieder in seiner Doppelrolle sehen. Nicht nur wegen des spektakulären Tores gegen die Schweiz, sondern auch wegen jener Balleroberung, die im Viertelfinale gegen Ägypten letztlich zum Siegtor durch Fernández führte. „Ich habe das Gefühl, dass ich immer besser in Schwung komme“, sagte er nach dem Sieg gegen die Schweiz.Während in den USA um den Titel gespielt wird, ist ein Transferstreit um ihn entbrannt. Álvarez selbst möchte offenkundig nach Barcelona wechseln, nach dem Sieg gegen Österreich sagte er, dass es das Beste für alle wäre, wenn er den Klub verließe. Sein Trainer Simeone sagte, dass Álvarez, der im Übrigen auch exzellente Freistöße schießt, der Beste für Atlético sei und er die Mannschaft um ihn herum bauen möchte. Schwer zu sagen, wo das hinführt.Und Argentinien? Ist bei dieser WM die radikalste Ausprägung des Star-Prinzips: alle für einen. Es geht darum, den größtmöglichen Freiraum für Messi zu organisieren, der das mit seinen Momenten zurückgeben soll: einer für alle. Das ist zunächst nicht viel anders als 2022, womöglich aber hat sich mehr verändert, als man auf den ersten Blick meinen mag.Auch wenn das paradox klingt: Einerseits wirkt es so, als sei das argentinische Spiel in diesem Sommer auf weniger Messi eingestellt. Weil ja allen klar sein muss, dass es, nüchtern betrachtet, eine Gleichung ist, die kaum aufgehen kann: Messis biologisches Alter, die Strapazen dieses Turniers, die besser werdenden Gegner. Andererseits aber wirkte es bislang auch so, als sei Argentinien am Ende sogar auf noch mehr Messi angewiesen: Weil niemand sonst nur annähernd so gefährlich wurde.Es ist gut möglich, dass das alles gegen England schon nicht mehr aufgeht. Wenn aber doch, dann ist es sehr gut möglich, dass es mit dem Kick des Julián Álvarez zu tun hat.
Fußball-WM 2026: Was Álvarez so wichtig für Argentiniens macht
Immer am Anschlag: Der Stürmer Julián Álvarez sprintet, damit Messi es nicht muss. Im WM-Halbfinale gegen England könnte der zweitwichtigste argentinische Spieler sogar zum wichtigsten werden.













