Messi und Argentinien – das war lange ein grosses Missverständnis. Nun thront er neben Maradona im argentinischen Helden-OlympIm Viertelfinal gegen die Schweiz wird bei Argentinien der bisher grösste Härtetest für die in die Jahre gekommenen Champions um den 39-jährigen Lionel Messi an dieser WM erwartet.11.07.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten2016 schon zurückgetreten, nun der Superstar und Erfolgsgarant: Lionel Messi.ImagoDie Sporthalle des Klubs Sportivo Pereyra in Buenos Aires ziert ein Deckengemälde, das die Rangfolge im argentinischen Fussball-Olymp klarstellt. Angelehnt an Michelangelos Deckenfresko aus der Sixtinischen Kapelle in Rom, verkörpert die Fussball-Legende Diego Maradona Gott, der seinen Finger ausstreckt und Lionel Messi, der den Platz Adams eingenommen hat, zum Leben erweckt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Deckengemälde war vor der WM 2018 gemalt worden, als Messi bereits als Maradonas Nachfolger, aber auch als ein verlorener Sohn galt. Denn Messi, der schon mit dreizehn Jahren aus seiner Heimatstadt Rosario nach Barcelona ging, um in Katalonien zum Weltstar zu werden, fremdelte stets mit seiner Heimat. Und diese mit ihm. Er sei eigentlich gar kein Argentinier, spottete die argentinische Presse und verwies auf Messis spanischen Akzent.Maradona hatte Argentinien 1986 den zweiten WM-Titel nach dem Gewinn der Heim-WM 1978 beschert. Nach dem Ende der Karriere blieb er mit Skandalen und bizarren Auftritten omnipräsent. Argentinier lieben Bad Boys und Aussenseiter wie ihn, der an der WM 1986 ein Tor gegen England mit der «Hand Gottes» erzielte. Und stolz darauf war. Mit dem blass wirkenden Messi, dem es an Charisma mangelte, konnten die Argentinier lange nichts anfangen.Ein nach Fussball verrücktes LandBis heute hat Fussball in Argentinien das Image des Arbeitersports. Englische Eisenbahnarbeiter hatten Fussball in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Argentinien gebracht – und dort ein regelrechtes Fieber ausgelöst. Argentinien gehörte weltweit zu den ersten Ländern, die einen regulären Ligabetrieb aufnahmen, und in Südamerika war man das erste Land, das einen Verband gründete und sich der Fifa anschloss.Messi überall: Eine Strassenszene in Buenos Aires.Rodrigo Abd / APSprichwörtlich sein Leben auf dem Platz zu geben, ist im argentinischen Fussball das Höchste. Dazu gehört auch Härte am Rande des Erlaubten – oder darüber hinaus. So soll Carlos Bilardo, Mittelfeldspieler von Estudiantes de La Plata und Weltmeistertrainer von 1986, seine Gegner mit Nadeln gestochen haben, um sie zu einer roten Karte zu provozieren. Zeitspiel und Tricksereien, wie sie Paraguay an der WM 2026 gezeigt hat, waren stets auch eine argentinische Spezialität.Dagegen spazierte Messi meist über den Platz, wirkte oft lethargisch, vor allem, wenn er das Nationaltrikot trug. Zwar wurde er 2005 mit Argentinien U-20-Weltmeister und holte 2008 mit dem Olympiateam Gold. Doch an Weltmeisterschaften tauchte er in den wichtigen Spielen ab, wie im Final 2014 gegen Deutschland. Argentiniens Presse war erbarmungslos mit dem verlorenen Sohn, der die Nation stets enttäuschte.Nach der Niederlage im Final der Copa América 2016, in dem er einen Penalty verschoss, kündigte Messi seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft an. Es war nach 2007 und 2015 bereits seine dritte Finalniederlage an der Copa. «Für mich ist die Nationalmannschaft Geschichte», sagte er, «zum Wohle aller Beteiligten».Doch im Vorfeld der WM 2018 liess er sich zur Rückkehr überreden. Doch unter dem Trainer Jorge Sampaoli versank die Nationalmannschaft an diesem Turnier im Chaos. Es folgte 2019 ein weiteres Debakel an der Copa América.Die Jugendfreunde Scaloni und Di MaríaDie Wende kam erst mit der Copa América 2021, die wegen der Corona-Pandemie ohne Zuschauer in Brasilien gespielt wurde. Lionel Scaloni, ein Jugendfreund von Messi, trainierte die Nationalmannschaft. Im Final besiegte Argentinien Brasilien 1:0, nach einem Tor von Ángel Di María, einem weiteren Jugendfreund.Scaloni, Di María und Messi – das Trio sollte auch zum Erfolgsgaranten an der WM 2022 werden. Das Turnier galt als Messis letzte Chance, um endlich Weltmeister zu werden und damit auf eine Stufe mit Maradona und Brasiliens Fussball-König Pelé zu gelangen. Umso grösser war der Schock nach der Auftaktniederlage gegen Saudiarabien.Die Antwort, die das Team gab, war eindeutig: Wir werden Messi noch einen guten Abschied schenken. Von nun an war jedes Spiel ein Final für das vom Aus bedrohte Team. Messi glänzte mit sieben Treffern, getragen von einem genialen Mittelfeldtrio – Rodrigo de Paul, Enzo Fernández und Alexis Mac Allister – sowie seinem Jugendfreund Di María als linkem Aussenstürmer.Lionel Messi (rechts) galt lange als Nachfolger von Diego Maradona – bis er diese Rolle ausfüllte, dauerte es aber.Erik S. Lesser / APDer Triumph von Katar versöhnte Messi mit seiner Heimat. Die ekstatische Ankunft der Weltmeister in Buenos Aires war das emotionale Gegenstück zu der Trauerfeier für den zwei Jahre zuvor verstorbenen Maradona an gleicher Stelle. Und sie war Messis wahre Heimkehr. Argentinien versöhnte sich mit dem verlorenen Sohn und schloss die Wunde, die der Verlust des Fussballgottes Maradona gerissen hatte.Bisher nur leichte GegnerSeitdem ist Messi auf einer verlängerten Farewell-Tour. Bei Inter Miami lässt er seine Vereinskarriere auslaufen, und die Copa América 2024 in den USA, die Argentinien ungefährdet gewann, galt als sein letztes grosses Turnier. Denn aufgrund von Verletzungen schien es lange zweifelhaft, ob Messi 2026 die WM spielen würde.Umso grösser ist die Überraschung darüber, welche Galaauftritte Messi bis jetzt an diesem Turnier hinlegt. Acht Tore erzielte er bereits, allerdings gegen schwächere Teams. Klar ist: Messis kongenialer Partner Di María, der auf die WM verzichtete, wird in dem in die Jahre gekommenen Team schmerzlich vermisst.Umso grösser wäre der Triumph, sollten Messi und Co. tatsächlich den Titel verteidigen. Auf dem Weg dahin treffen sie nun auf die Schweiz. Nach bisher leichten Gegnern wird das Spiel der schwerste Test für Argentinien an dieser WM.Passend zum Artikel