Es läuft die 70. Spielminute im Stadion von Atlanta, als die Stimmung bei den englischen Fans noch einmal einen Höhepunkt erreicht. Gerade hat Jordan Pickford einen Kopfball von Nico González pariert, auf diese leicht exaltierte Pickford-Art, mit der er bei diesem Turnier schon manche Bälle gehalten hat, von denen man dachte, dass sie ins Tor gehen müssten. Aus den Lautsprechern dröhnen die „Killers“, „Mr. Brightside“, und darin diese Textzeile: „Destiny is Calling Me“.Es ist Trinkpause, und wenn man in die Gesichter auf den Tribünen schaut, meint man, dass die Engländer nun wirklich glauben, dass das Schicksal sie ruft, es gut mit ihnen meint diesmal: das erste WM-Finale seit 1966. Wenn schon dieser Ball nicht ins Tor geht, was soll noch passieren?Englands Ballbesitz zwischen 1:0 und 1:1: 12 ProzentWas die englischen Spieler zu diesem Zeitpunkt denken, ist schwer zu sagen, allerdings ist es mit dem Spiel genauso wie mit der wahren Bedeutung des Songs: Die Stimmung ist besser als die Lage, in Wahrheit ist diese nämlich: desolat. Später wird die Statistikabteilung registrieren, dass zwischen dem 1:0 der Engländer durch Anthony Gordon in der 55. Minute und dem 1:1 durch Enzo Fernández in der 85. Minute der Ballbesitz von Thomas Tuchels Mannschaft bei zwölf Prozent liegt.Zwölf Prozent, die alles darüber sagen, was in dieser Phase über England hereinbricht. Eine fußballerische Urgewalt. Und, zuerst fast beiläufig, dann immer imposanter, der größte Fußballspieler mindestens der jüngeren Geschichte.Gegen beides zusammen ist England an diesem Mittwochnachmittag in Atlanta so hilflos, dass man keine magischen Kräfte braucht, um zu ahnen, was passieren wird. Das 2:1 in der zweiten Minute der Nachspielzeit, dieser Kopfball von Lautaro Martínez nach Flanke Messis ist kein Fußballwunder, es ist nicht einmal mehr eine Überraschung, es ist eine logische Konsequenz dessen, wie sich die Geschichte auf dem Feld entwickelt hat.Etwas Metaphysisches aber liegt dennoch über diesem Nachmittag in Atlanta. Lionel Scaloni, der Trainer der Argentinier, der wie der andere Lionel nicht viel davon hält, das Spiel politisch und historisch aufzuladen, soll später über das sprechen, was das Besondere seiner Mannschaft ausmacht. Worin diese Fähigkeit begründet ist, dass sie sich zum wiederholten Mal bei dieser Weltmeisterschaft das Spiel spät noch unterworfen hat: gegen Kap Verde, gegen Ägypten, gegen die Schweiz.Leg‘ dich nicht mit diesen Argentiniern an!Scaloni bekommt die Frage mehr als einmal gestellt, er hat auch mehr als eine Erklärung. Die erste lautet: Die Gruppe. Scaloni wird, wie schon öfter, zuerst von den Emotionen übermannt, als er darüber spricht, und weil er schon so viele Worte dafür hat finden müssen, wird es dann zu einem kleinen linguistischen Spiel mit den Reportern. Wenn es schon gegen Ägypten „episch“ war – nun denn, eben „episch im Quadrat“.Tatsächlich wird man in der WM-Historie lange nach Mannschaften suchen müssen, die eine solche Verbindung untereinander ausstrahlen, und wenn, dann ist die Chance nicht gering, dass man bei anderen argentinischen landet. Über die Art und Weise, wie sich dieser Korpsgeist manchmal nach außen zeigt, gibt es unterschiedliche Meinungen, aber spätestens nach diesem Halbfinale muss auch dem Letzten klar sein: Leg‘ dich nicht mit diesen Argentiniern an!Wobei die besondere Spannung des Finales am Sonntagabend im Stadion von New York/New Jersey (21 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV) genau darin bestehen könnte: Dass es bei dieser WM ziemlich genau eine Mannschaft gibt, für die diese Warnung nur bedingt gilt. Weil die Spanier über Mittel verfügen, sich die Argentinier vom Hals zu halten, ohne sich mit ihnen anzulegen.„Sie denken dann nur daran, Fußball zu spielen“Dazu aber später, zuerst zu Erklärung zwei. „Diese Mannschaft“, sagt Scaloni, „spielt am besten, wenn sie in Schwierigkeiten ist.“ Es ist das eine, sich emotional in eine Partie zu stürzen, sie mit aller Macht noch in die eigene Richtung biegen zu wollen. Aber, und das ist das der entscheidende Unterschied: Bei den Argentiniern sieht es so aus, als würden sie dabei auch fußballerisch immer besser, nicht verkrampft, sondern frei.Als Scaloni das zu erklären versucht, spricht er zuerst über Messi, der in der zweiten Halbzeit jeden Ball gewollt habe, aber er erweitert das dann auch auf andere Namen. „Sie spüren nicht das Gewicht auf den Schultern“, sagt Scaloni, „sie sind wie Sieben- oder Achtjährige, sie denken dann nur daran, Fußball zu spielen, nicht daran, ob der nächste Ball reingeht, und auch nicht ans Finale.“Mag sein, dass das ein bisschen arg romantisch klingt. Aber um zu sehen, wie groß der Unterschied zu einer Mannschaft ist, die daran denkt, noch irgendwie ins Finale zu kommen, braucht man nur die immer blasseren Männer in den weißen Hemden anzuschauen.Nach Englands Führung schlägt Messis StundeUnd damit noch zum dritten Grund. Vielleicht muss man einmal auch vorwegschicken, dass in den Aussagen der Beteiligten gar nicht so viel über Messi gesprochen wird, wie später über ihn geschrieben und gesendet werden wird. Aber vielleicht liegt auch das daran, dass schon alles gesagt ist – eigentlich. Dieses Spiel jedoch hat einer Karriere, in der alles auch schon einmal gespielt schien, schon noch einmal etwas hinzuzufügen, etwas, das diejenigen, die es gesehen haben, nicht vergessen werden.Weil es eben doch an ein biologisches Wunder grenzt, wie der 39 Jahre alt gewordene Messi auch dieses WM-Halbfinale zu seinem gemacht hat. Nicht allein, natürlich. Es braucht dazu schon den Bund, den er und seine Mannschaft geschlossen haben, dass sie alles für ihn tun, und er alles für sie. So, wie es schon 2022 funktioniert hat. Aber an eine Wiederholung haben damals die Allerwenigsten geglaubt.Nicht zu halten für Englands Defensive: Lionel MessiAP Photo/Rebecca BlackwellIn Atlanta ist es so, als hätte er sich noch einmal etwas vom Besten für den Schluss aufgehoben. In der ersten Hälfte ist es noch ein Spiel mit Licht und Schatten. Aber, als es um alles geht, nach der englischen Führung, schlägt Messis Stunde. Kein Raum ist ihm zu eng, um sich nicht doch mit einem Dribbling hineinzustürzen, und in dem Maße, wie er die Frequenz seiner Halbfeldflanken erhöht, muss bei den Engländern der Puls nach oben schießen.Messis TriumphTuchel reagiert noch, er schickt seinen Zwei-Meter-Mann Dan Burn aufs Feld; man kann darüber streiten, wie das in England schon begonnen hat, ob dieser und andere Wechsel inhaltlich begründete Anpassungen waren oder eine Kapitulation.Messi jedenfalls ist das egal. Er macht einfach weiter. Auf der rechten Seite schlägt er diesmal nicht den Haken nach innen, um mit dem linken Fuß, seinem starken, zu flanken, er geht rechts am englischen Verteidiger vorbei, und mit dem rechten Fuß schlägt er eine Flanke, die Martínez punktgenau zwischen John Stones und Ezri Konsa erreicht.Bei dieser WM steht Messi nun bei acht Toren und vier Vorlagen, auch den – eigentlich nicht erwähnenswerten – Pass vor Fernández' Schuss zum 1:1 hatte Messi gespielt. Man sieht ihn nach diesem Spiel so gelöst und glücklich, wie man ihn nicht oft sieht. Er weiß, dass dies sein Triumph ist, und dass das Finale am Sonntag gegen Spanien, egal, wie es ausgeht, daran nichts mehr ändern wird.Lionel Scaloni gegen seinen „Mentor“ Luis de la FuenteDer andere Lionel, Scaloni, spricht am Ende der Pressekonferenz auch über spanische Verbindungen. Er selbst ist als Spieler mit Deportivo La Coruña spanischer Meister und Pokalsieger geworden, Luis de la Fuente, der spanische Nationaltrainer, war sein erster Lehrer an der Trainerschule, sein „Mentor“, wie er sagt.Scaloni spricht auch über Messis Verbindung nach Spanien, die vielen Jahre in Barcelona, die doch dazu führen müssten, dass die spanischen Fans sich dieses Finale gegen Argentinien gewünscht hätten, um ihn spielen zu sehen. „Er ist der beste Spieler der Geschichte“, sagt Scaloni, „ich wüsste nicht, was er sonst noch tun sollte, um es zu beweisen.“Aber ob er es noch einmal spielen kann? Ob Argentinien es mit ihm noch einmal spielen kann? Am Mittwoch feiert die Mannschaft ihren Sieg schon wie einen im Finale. Vielleicht ist es das für Scalonis Team tatsächlich auch gewesen: das größtmögliche Spiel.Wenn man nicht nur auf das Besondere dieser argentinischen Mannschaft schaut, sondern auch auf das Besondere dieses Spiels, dann scheint schon das eine das andere auch begünstigt zu haben: diese Engländer, ein Gegner wie gemacht für die Argentinier, um das Beste aus sich herauszuholen.Egal, ob man dafür auch tiefenpsychologische Gründe heranziehen möchte oder nicht: Zwölf Prozent Ballbesitz? Das soll einer den Spaniern mal erklären.