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Carsten Schneider: Im Umweltressort regiert die Hoffnung Umweltminister Schneider wollte vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause noch einen Erfolg verbuchen. Doch das hat ihm die Union vermasselt. Unterwegs mit einem Einzelkämpfer.
Silke Kersting 15.07.2026 - 18:03 Uhr Artikel anhörenBundesminister Schneider im Zwischenlager Nord in Lubmin: Schnellere Suche nach einem Atommüllendlager. Foto: Stefan Sauer/dpaBerlin, Sassnitz, Rostock. Bundesumweltminister Carsten Schneider trägt einen weißen Schutzanzug, ein „XL“ prangt auf seiner Brust. Am Morgen tagte noch das Kabinett in Berlin, jetzt steht der SPD-Politiker im Atommüll-Zwischenlager in Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern.Es ist die erste Station seiner Sommerreise Anfang Juli. Schneider, der Minister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit, hat eine Botschaft: Die Suche nach einem Endlager für den deutschen Atommüll soll vorangetrieben werden.Bis spätestens 2050 solle der Standort festgelegt werden, sagte Schneider. „Das heißt, 25 Jahre früher als derzeit.“ Ein Gesetzentwurf wurde an die Kabinettskollegen übergeben, sagte der Minister. Er hoffe auf Zustimmung und eine Verabschiedung noch in diesem Jahr.Schneiders Wortwahl offenbart die komplizierte Lage, in der er sich befindet: Umwelt, Klima, Natur und Atommüll fristen in der schwarz-roten Regierung ein Randdasein. In Schneiders Ministerium regiert allzu oft die Hoffnung. Eine davon wurde am Mittwoch begraben.Schneider wollte sein Naturinfrastrukturgesetz durchs Kabinett bringen, gewissermaßen als letzte Amtshandlung vor der parlamentarischen Sommerpause. Und als Beweis dafür, dass es gelingen kann, Klima- und Umweltpolitik auch in dieser Regierung stärker zu verankern.Im Interview mit dem Handelsblatt Ende Juni sagte er: „Besprochen ist, dass der Gesetzentwurf Anfang Juli im Kabinett beschlossen wird.“ Und er warb noch einmal für das Gesetz, das auch all denen zugutekommen werde, „die noch gar nicht wissen, wie wichtig die Natur und natürliche Ressourcen für den Wirtschaftsstandort Deutschland sind“.Widerstände gegen Schneiders VorhabenDas Gesetz soll den Infrastrukturausbau und den Naturschutz miteinander versöhnen: Angesichts des großen Bedarfs beim Ausbau von Verkehrs- und Energieinfrastruktur soll die Umsetzung von Kompensationsmaßnahmen beschleunigt und vereinfacht werden, ohne den Naturschutz zu opfern.Letztlich hat sich das Kabinett allerdings erneut nicht mit dem Thema befasst – ein weiterer Rückschlag für Schneider.Monatelang verhandelten SPD und Union um zwei Gesetzesvorhaben, das Naturinfrastrukturgesetz von Schneider und das Infrastrukturzukunftsgesetz seines Kabinettskollegen, Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU). Inzwischen ist Schnieders Gesetz beschlossen. Schneiders Umweltgesetz hängt fest.„Es gibt noch Widerstände“, sagte Schneider am Mittwoch im Ministerium, als er ein neues Informationssystem zu Niedrigwasser vorstellte. Er sei aber „guter Dinge“, dass es in Kürze gelinge, in der Regierung einen Konsens herzustellen.Carsten Schneider im Interview „Die Hitze schadet unserer Volkswirtschaft enorm“ Sein Rückhalt in der Regierung mag bisher klein sein, doch Schneider sieht die Argumente auf seiner Seite. Der Klimawandel setze die Wasserressourcen immer stärker unter Druck, und die Hitze, gerade etwa in Südfrankreich, zeige ihm immer mehr, wie wichtig Natur- und Umweltschutz seien. „Eine intakte Natur ist die Grundvoraussetzung für eine dynamische Wirtschaft“, sagte Schneider vergangene Woche im Bundestag.Schon das erste Regierungsjahr war für ihn anstrengend. In Berlin stritten sich Politiker um das europäische Klimaziel 2045, das Verbrenner-Aus, das Heizungsgesetz. Klima- und Naturschutzbelange hatten von Beginn an keinen großen Stellenwert in der Koalition, gelten gar als Wirtschaftsverhinderungsthemen.Jetzt, wo die Wirtschaft lahmt, scheinen Schneiders Botschaften besonders schlecht anzukommen. Dabei sieht er nicht über die Belange der Wirtschaft hinweg. Mit Blick auf Verschärfungen beim Emissionshandel riet der SPD-Politiker beispielsweise stets zu „Augenmaß“. Die Industrie stehe ohnehin unter großem geopolitischen Druck.Der gebürtige Erfurter ist einer der wenigen bundesweit bekannten Sozialdemokraten aus dem Osten. Und schon lange im Geschäft. 1998, da war Schneider 22 Jahre jung, wurde er erstmals in den Bundestag gewählt. Der gelernte Bankkaufmann war haushaltspolitischer Sprecher seiner Fraktion, Fraktionsvize, Parlamentarischer Geschäftsführer und während der Ampelregierung Staatsminister und Beauftragter der Bundesregierung für Ostdeutschland. Vita Carsten Schneider Schneider ist gebürtiger Erfurter und einer der wenigen bundesweit bekannten Sozialdemokraten aus dem Osten. 1998, mit 22 Jahren, wurde er erstmals in den Bundestag gewählt. Der gelernte Bankkaufmann war haushaltspolitischer Sprecher seiner Fraktion, Fraktionsvize und Parlamentarischer Geschäftsführer. Während der Ampelregierung diente er als Staatsminister und Beauftragter der Bundesregierung für Ostdeutschland.Seit Mai 2025 ist Schneider Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit im Kabinett von Kanzler Friedrich Merz (CDU). Expertise im Umweltbereich hatte Schneider zu seinem Amtsantritt nicht wirklich vorzuweisen. Um das wettzumachen, berief er Jochen Flasbarth zum Staatssekretär, einen erfahrenen Beamten, der das Amt schon zwischen 2013 und 2021 innehatte.Spezielle Expertise bei Klimathemen wies er nicht vor, doch inzwischen bescheinigt ihm selbst die Umweltszene, dass er sich gut eingearbeitet habe. Kenner sehen ein wirkliches Interesse an den Themen.Schneider selbst erzählt, dass er diesen Job unbedingt haben wollte und „sehr gern Umweltminister dieser Regierung“ sei. Da war er gerade von seiner Sommerreise zurückgekommen, hatte in der Ostsee nach Geisternetzen getaucht, Netzen, die weggeworfen wurden oder verloren gegangen sind und für viele Meerestiere zur Todesfalle werden.Er machte auf Munitionslasten in Nord- und Ostsee aufmerksam, auf zu hohe Nährstoffeinträge durch die Landwirtschaft und legte einen Aktionsplan Meer vor. Wasser, das ist eines seiner zentralen Themen.Minister mit Tauchschein: Daumen hoch vor einem Sprung in die Ostsee. Foto: Stefan Sauer/dpaDoch Schneider bleibt ein Einzelkämpfer, der seinen Kampfgeist dosiert einsetzt – manchmal zu dosiert, heißt es bei Umweltexperten. Schneider könne ruhig häufiger mal resoluter auftreten, heißt es.Allerdings hat der Minister nicht vor, sich in aussichtslosen Kämpfen zu verzetteln. Dass Klimaschutz für viele Menschen ein Reizthema geworden ist, weiß Schneider. Er wolle den Umwelt-, Klima- und Naturschutz wieder ins Zentrum des gesellschaftlichen Interesses rücken, sagte er bei seiner Antrittsrede im Mai 2025 im Bundestag. Ein Jahr später ist er stolz darauf, die Differenzen um die Themen nicht weiter angeheizt zu haben.Und so kämpft der, der sich selbst eine „gewisse Widerborstigkeit“ bescheinigt, nur da, wo er sich etwas davon verspricht. Kritik äußert er eher leise und sachlich. Auftritte wie jüngst im Bundestag, in dem er Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vorwarf, sich beim umstrittenen Thema Methan nicht an die Geschäftsordnung der Bundesregierung gehalten zu haben, sind eher selten. Das zeigt, wie sehr ihn Reiches Verhalten geärgert haben muss.Energie Reiche bricht Absprache mit dem Umweltminister zu Methan Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist bislang keine große Unterstützung. Bei der Sommerpressekonferenz am Mittwoch auf die in seiner Partei umstrittenen Klimaziele angesprochen, sagte Merz, es gebe „nicht nur in meiner Partei, sondern in ganz Deutschland, in ganz Europa“ eine Diskussion über die Frage, wie Klimapolitik mit Wirtschaftspolitik gut verbunden werden könne.Seine persönliche Auffassung sei aber, „dass wir niemals leugnen dürfen, dass es auch von Menschen gemachten Klimawandel gibt und dass wir alles tun müssen, um das Problem in den Griff zu bekommen“, sagte er weiter. Der beste Beitrag Deutschlands sei, wenn „wir mit den Fähigkeiten, die wir haben, Technologien entwickeln, die so gut sind, dass andere sie auch nutzen wollen“.Auf die Frage, ob der Regierung das Thema nicht wichtig sei, sagte der Kanzler, er lasse „kaum eine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, dass wir hier wirklich ein fundamentales Problem haben“. Aber: „Wir können den Klimawandel allein aus Deutschland heraus oder als Europa heraus nicht aufhalten.“Im Ministerium kann man es hingegen kaum glauben, dass sich Merz nicht direkt am ersten Hitzewochenende Ende Juni mit Rekordtemperaturen von mehr als 40 Grad an die Bevölkerung gewandt hat. Die Grünen sprachen von „kaltem Schweigen“. Während einer Bundestagsrede von Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge über Hitzetote in Deutschland vertiefte sich der Kanzler demonstrativ in Akten.Finanzminister Klingbeil (links), Kanzler Merz: Aktenlesen im Bundestag. Foto: Elisa Schu/dpa Verwandte Themen DeutschlandFriedrich MerzBerlinCDUSPDEuropaSchneider versucht eine Rechtfertigung: Die Koalition habe ein Klimaanpassungsprogramm auf Bundesebene, doch „nach unserer Verfassung sind wir als Bund nicht zuständig“.Er dürfte selbst wissen, wie erbärmlich das für viele Menschen klingen mag, und kündigte an, die im Koalitionsvertrag vorgesehene Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung auf den Weg zu bringen. Dann dürfe der Bund handeln.Er bereite das gerade vor, sagte er vergangene Woche. „Wir brauchen dafür Zweidrittelmehrheiten im Bundestag und im Bundesrat.“ Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts. Mehr Informationen finden Sie in unseren Richtlinien. 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