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Helmholtz-Zentrum: Politikum rekonstruiert – die Chinaaffäre am Cispa Was mit einer Handelsblatt-Recherche über China-Kontakte des Helmholtz-Zentrums Cispa begann, wurde schnell zum Politikum. Nun geht es um weit mehr als um ein Forschungszentrum.
Daniel Delhaes, Dietmar Neuerer 15.07.2026 - 18:17 Uhr Artikel anhörenKanzler Merz (Mitte) beim Helmholtz-Zentrum in Saarbrücken, mit Ministerpräsidentin Rehlinger und Gründungsdirektor Backes: Fragwürdiger Einsatz von Steuergeld? Foto: ©CISPA/WeylandInzwischen untersucht ein unabhängiger Sonderprüfer die Vorgänge. Nach Informationen des Handelsblatts wird in der kommenden Woche die Gesellschafterversammlung zusammentreten und auch einen Zwischenbericht zur Untersuchung erhalten. Gesellschafter sind der Bund zu 90 und das Saarland zu zehn Prozent.Es geht um gemeinsame Forschung in sensiblen Bereichen, um Universitäten mit Verbindungen zum chinesischen Militär und um die Frage, ob Deutschland seine Spitzenforschung ausreichend vor dem Zugriff chinesischer Nachrichtendienste schützt.Das Cispa in Saarbrücken gehört zu den führenden europäischen Zentren für Cybersicherheitsforschung. Wissenschaftler forschen dort unter anderem an Künstlicher Intelligenz, der Sicherheit von Computersystemen und dem Schutz vor Cyberangriffen. Hunderte Millionen Euro fließen in den Ausbau des Forschungsstandorts.Binnen weniger Tage wird aus einer Recherche des Handelsblatts ein Fall für die Bundesregierung und die Parlamente. Der Gründungsdirektor wird freigestellt. Deutschlands oberste Cybersicherheitsbehörde BSI und der Verfassungsschutz schalten sich ein. Die chinesische Botschaft protestiert. Schließlich beschäftigt sich der Bundestag mit dem Fall. Wie es zur China-Affäre am Cispa kam:Der Anfang einer AffäreIn den Jahren 2020 bis 2025 sollen mehr als 100 gemeinsame Publikationen zu sicherheitsrelevanten Themen entstanden sein. Darunter sind Arbeiten über Gesichtserkennung, Angriffe auf Künstliche Intelligenz, Desinformation, Schwachstellen und sogenannte Backdoors.Nationale Sicherheit Fragwürdiger Einsatz von Steuergeld: Wie Deutschland Chinas Cyber-Aufrüstung mitfinanziert Brisant sind vor allem die Herkunftsuniversitäten der Wissenschaftler. Unter den chinesischen Hochschulen befinden sich Einrichtungen mit Verbindungen in die Verteidigungsindustrie der Volksrepublik. Einige stehen auf US-Sanktionslisten.Sicherheitsexperten warnen vor möglichen Risiken für Deutschland, haben doch viele der Forschungsfelder Dual-Use-Potenzial. Erkenntnisse können zivil genutzt werden, aber auch für militärische oder nachrichtendienstliche Zwecke.Das DementiDas Cispa weist die Vorwürfe zurück. Forschungssicherheit habe „sehr hohe Priorität“, erklärt das Zentrum. Man verfüge über eine eigene Strategie zum Schutz sensibler Forschung. Zugleich betonte das Institut das Ziel, „Wissenschaft wirksam vor Wissensabfluss zu schützen und Forschungssicherheit konsequent zu gewährleisten“.Doch die Debatte ist damit nicht beendet. Im Gegenteil: Sie beginnt.Das Bundesforschungsministerium, das für den Bund die Gesellschafterrechte am Cispa wahrnimmt, verlangt Aufklärung. Politiker der Union fordern Konsequenzen.Cispa Wichtiges Cyberzentrum im Zwielicht – CDU fordert wegen brisanter China-Kooperation Konsequenzen Der CDU-Sicherheitspolitiker Roderich Kiesewetter stellt sogar die weitere staatliche Förderung infrage. Der forschungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Florian Müller, spricht von einer „sichtbaren Schieflage, die es jetzt zu korrigieren gilt“.Der Bund greift einWenige Tage nach den ersten Berichten ziehen der Bund und das Saarland Konsequenzen. Die Gesellschafter setzen einen unabhängigen Sonderprüfer ein. Michael Backes wird als wissenschaftlicher Geschäftsführer freigestellt. Die Kooperationen mit chinesischen Partnern werden vorläufig ausgesetzt.Nun geht es um mehr als einzelne Publikationen. Der Sonderprüfer Alexander Geschonneck und sein forensisches Team von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG sollen klären, wie das Cispa seine Forschung geschützt hat und ob die bestehenden Kontrollmechanismen ausreichen.Nationale Sicherheit Brisante China-Verbindung – Bund schickt Sonderprüfer zum Helmholtz-Zentrum, Leiter freigestellt Saarlands Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) dringt auf eine schnelle Aufklärung. Der unabhängige Prüfer sei der „zuverlässigste und schnellste Weg“, Klarheit zu schaffen.Er nennt ihn einen „weltweit renommierten Wissenschaftler“, ohne dessen Engagement das Cispa nicht entstanden wäre. Die Ansiedlung des Campus in St. Ingbert stehe nicht infrage. Backes ist Ehrenbürger des kleinen Ortes.Sicherheitsbehörden schalten sich einDie Affäre erhält eine neue Dimension. Claudia Plattner, Präsidentin des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), äußert sich zu den Vorwürfen gegen das Forschungszentrum. Das BSI sitzt mit dem Vizepräsidenten Thomas Caspers im Aufsichtsrat des Cispa.„Die Problematik, wie sie dort vorliegt, ist uns seit Langem bekannt und bewusst“, sagt Plattner. Die laufenden Untersuchungen müssten nun ihre Arbeit machen. Das BSI werde sie „bestmöglich unterstützen“.Nationale Sicherheit Oberste Cyberbehörde belastet Helmholtz-Zentrum in China-Affäre Die Aussage ist brisant. Aie zeigt: Die Risiken wissenschaftlicher Kooperationen mit China beschäftigen die deutschen Sicherheitsbehörden schon länger.Auch der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Sinan Selen, warnt vor Risiken. Hintergrund sind chinesische Gesetze, die Bürger und Organisationen zur Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen verpflichten können.Kommentar Brisante China-Kontakte werden zur Bewährungsprobe für Ministerin Bär Daniel DelhaesIn der Sicherheitsdebatte wächst deshalb der Ruf nach strengeren Kontrollen bei sensiblen Forschungsprojekten. „Forschungsinstitute müssen ihre Projekte bezüglich ihrer Relevanz für nationale Sicherheit beurteilen und dann entsprechend Risikoanalysen durchführen, wer an solchen Projekten mitarbeiten darf und was mögliche Implikationen sind“, sagte der Cyberexperte Sven Herpig von der Berliner Denkfabrik Interfacedem Handelsblatt.Bei Forschung mit Bedeutung für die nationale Sicherheit hält Herpig weitergehende Kontrollen für sinnvoll. „Idealerweise würden Forschende in Projekten mit Relevanz für die nationale Sicherheit eine Sicherheitsüberprüfung durchlaufen müssen.“ Allerdings stoße ein solches Modell auch an Grenzen. „Dafür gibt es nicht ausreichend Ressourcen aufseiten des prüfenden Bundesamts für Verfassungsschutz beziehungsweise der Landesbehörden für Verfassungsschutz.“Helmholtz gerät unter DruckDie Debatte erreicht auch die Helmholtz-Gemeinschaft. Deren Präsident Martin Keller verweist im Handelsblatt-Interview darauf, dass die Organisation bereits im Oktober 2024 ein Eckpunktepapier zum Umgang mit China beschlossen habe.Seit April 2026 gibt es zudem eine direkt beim Helmholtz-Präsidenten angesiedelte „Special Unit“ für Sicherheits- und Resilienzforschung. Sie soll die 18 Helmholtz-Zentren beim Schutz sensibler Forschung unterstützen.Interview Helmholtz-Chef: „Die Reputation des Forschungsstandortes steht auf dem Spiel“ Doch Keller macht auch deutlich: Die Zentren handeln weitgehend eigenständig. Seit Januar stehe die Helmholtz-Gemeinschaft mit dem Cispa im Austausch über Fragen der Forschungssicherheit.Damit rückt eine weitere Frage in den Mittelpunkt. Wer trägt eigentlich Verantwortung, wenn ein Forschungszentrum in sicherheitsrelevanten Bereichen eng mit Partnern aus autoritären Staaten kooperiert?Peking schaltet sich einAm 26. Juni reagiert die chinesische Botschaft in Berlin. Die Cispa-Affäre wird zu einem internationalen Vorgang.Die Botschaft weist die Vorwürfe zurück. China werde „ohne belastbare Tatsachen und stichhaltige Beweise“ mit den Vorgängen am Cispa in Verbindung gebracht.Cispa China reagiert auf Debatte um Helmholtz-Zentrum Peking kritisiert „Vorverurteilungen“ und „politische Manipulation“. Fragen der nationalen Sicherheit dürften nicht dazu genutzt werden, internationale Forschungskooperationen zu politisieren.Der Fall landet im BundestagDie Abgeordneten wollen wissen, wann das Ministerium von den Risiken erfahren hat, wie die Aufsicht über das Cispa funktioniert und welche Konsequenzen aus dem Fall gezogen werden sollen. Konkrete Ergebnisse konnte das Ministerium nach Angaben von Teilnehmern nicht vorlegen. Vielmehr sei darauf verwiesen worden, dass die KPMG-Prüfer ein Hinweisgeberportal aufgebaut hätten, an das sich Informanten anonym wenden können.Cispa „Sicherheitspolitische Frage ersten Ranges“: China-Affäre um Helmholtz-Zentrum erreicht den Bundestag Die Kritik kommt inzwischen auch aus der Regierungskoalition. Der SPD-Digitalpolitiker Johannes Schätzl fordert weitere Aufklärung.Die Forschungspolitikerin Carolin Wagner (SPD) erklärt gar: „Es kann aber nicht sein, dass unter dem Deckmantel der Wissenschaftsfreiheit die freiheitlich-demokratisch verfasste Grundordnung unseres Landes unterwandert wird und sicherheitsrelevante Forschungsergebnisse völlig unkontrolliert an Staaten übermittelt werden, die ein anderes Verständnis von einem demokratischen Miteinander haben, als wir.“Der CDU-Sicherheitspolitiker Marc Henrichmann spricht von einer „sicherheitspolitischen Frage ersten Ranges“. Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz verlangt, die Vorgänge vollständig aufzuarbeiten.Forschungsministerin Bär äußert sich erstmals öffentlichSchließlich äußert sich auch Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) auf einer Konferenz in Potsdam, auf der es eigentlich darum geht, das Wissenschaftssystem gegen Angriffe der Extremisten von rechts zu schützen. „Wir haben Partner. Wir haben Wettbewerber. Wir haben Systemrivalen“, sagt Bär. Inzwischen könne ein Land alles zugleich sein. Verwandte Themen ChinaDorothee BärCDUSPDDeutschlandChina-Verbindung Forschungsministerin Bär äußert sich erstmals zur China-Affäre „China ist das eklatanteste Beispiel“, fügte Bär hinzu und sie ging auf die gefährliche Nähe des Cispa ein. „Wenn sensible Erkenntnisse aus Forschungsinstitutionen ins Ausland abgeflossen sein könnten, dann muss die Haltung ganz klar sein: Wissenschaftsfreiheit bedeutet nicht Spionagefreiheit.“ Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts. Mehr Informationen finden Sie in unseren Richtlinien. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige remind.me Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige FREITAG® Immobilien FREITAG® Immobilien – Ihr Makler und Gutachter für München & Starnberg Anzeige Presseportal Direkt hier lesen! Anzeige STELLENMARKT Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden Anzeige Expertentesten.de Produktvergleich - schnell zum besten Produkt









