Friedrich Merz zieht eine positive Bilanz für sich. Die Koalition habe geliefert. Und vielleicht noch wichtiger: „Die Koalition hat Tritt gefasst.“ Das hat er auf der traditionellen Sommerpressekonferenz gesagt. Und ja: Die Streitigkeiten der ersten Monate sind abgeebbt. CDU, CSU und SPD haben bei Rente, Krankenkassen und Steuern einiges auf den Weg gebracht.Für die Rente sind die Vorschläge sogar durchaus ein Beleg dafür, dass ein langer, von Expertinnen und Experten begleiteter Prozess zu politischen Erfolgen führen kann. Bei Entlastungen bleibt die Regierung dagegen hinter den Erwartungen zurück, weil das, was die Bürgerinnen und Bürger an Steuern sparen, durch höhere Abgaben und steigende Lebenshaltungskosten ohnehin wieder aufgefressen wird.Den ganz großen Impuls konnte Bundeskanzler Merz mit den in der Koalition beschlossenen Maßnahmen nicht setzen. Zu groß ist die Verunsicherung in der Wirtschaft, zu tiefgreifend sind die aktuellen strukturellen und geopolitischen Probleme. Er sagt selbst, dass es „lange noch nicht genug“ sei.Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Keine große Erzählung, nur business as usual Dass es diesen großen Impuls nicht gibt, liegt nicht allein an den Maßnahmen selbst. Es liegt schon auch an der Erzählung darüber. Friedrich Merz erinnert an einigen Stellen an seinen Vorgänger Olaf Scholz. Denn auch der hat für seine Politik nicht leidenschaftlich geworben, sondern nur stets auf das konsequente Abarbeiten der politischen To-do-Liste verwiesen.So hält es jetzt auch Merz. Bei der Sommerpressekonferenz lässt er sich weder in Tonlage, noch in Mimik oder Vokabular anmerken, vor welch riesigen Aufgaben Deutschland steht. Da ist keine große Erzählung. Da ist nur business as usual.Nur ein Beispiel: Seine Reformen stünden unter der Überschrift „Wie kommen wir zur Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft zurück?“ Das ist zwar inhaltlich richtig. Emotional aber ist es nicht.Bürgerinnen und Bürger gewinnt man mit To-do-Listen allein ebenso wenig wie die Unternehmerinnen und Unternehmer. Es braucht auch eine gewisse Emotionalität, Gefühl und eine gute Story. Diese dürfen nicht leer und hohl sein, keine Frage. Aber nur mit dem Abarbeiten eines Koalitionsvertrages ist es eben auch nicht getan. Der Kanzler wird Vertrauen brauchen Seine Tonlage stets nüchtern, sachlich. Er selbst beschreibt sich als „lernfähiges System“, gerade so, als sei er eine Kanzler-KI. Das mag nicht allesentscheidend sein, spielt aber eine Rolle bei der Frage, wie man Vertrauen zurückgewinnt.Denn die Themen, um die es geht, sind hoch emotional. Was bleibt mir fürs Alter? Was passiert, wenn ich krank werde? Was ist mit den Jobs in diesem Land? Wie sicher sind wir? Alles Fragen, die die Menschen tief bewegen, die Antworten des Kanzlers sind dagegen von großer Distanz und Kühle geprägt.So gewinnt man kein Vertrauen. Vertrauen aber wird er brauchen. Nach der Sommerpause wird die Koalition auf eine harte Probe gestellt. Wichtige Wahlen im September Erstens müssen viele der Maßnahmen noch durch den parlamentarischen Gesetzgebungsprozess – da gibt es naturgemäß Konfliktpotenzial.Zweitens stehen im September drei wichtige Wahlen an. In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin hat die Union einiges zu verlieren. Die AfD ist überall entweder weit vorn in den Umfragen oder vorn dabei.Und dass die AfD so erfolgreich ist, liegt nicht nur an Protest, sondern auch daran, dass insbesondere in Ostdeutschland viele Menschen das Vertrauen auch in Merz selbst verloren haben.Deshalb hat diese Koalition eben nicht nur den Auftrag, die wirtschaftliche Entwicklung wieder anzustoßen, es geht um mehr. Es geht um die Frage des deutschen Selbstverständnisses in einer sich massiv technologisch, sicherheitspolitisch und wirtschaftlich verändernden Welt. Merz muss die Menschen überzeugen Und die gipfelt in der Frage: Wie groß ist das Vertrauen der Menschen in Parteien der politischen Mitte? Entlang dieser Frage entscheidet sich die Zukunft der Demokratie in Deutschland.Deshalb ist es so wichtig, dass Merz nicht nur Aufgabenlisten abarbeitet, sondern die Menschen überzeugt. Das ist für Merz ganz offensichtlich weiter eine große Herausforderung.Er wendet sich an die AfD-Wählerinnen und ‑Wähler, warnt vor falschen Informationen auf Social Media und verweist auf die eigenen Anstrengungen.Die große Emotionalität aber, die Nähe, die fehlt.
Wenn der Reformkanzler klingt wie Kanzler-KI: Friedrich Merz kommuniziert an den Gefühlen der Menschen vorbei
Der Bundeskanzler erzählt nüchtern von der Arbeit der Koalition. Dabei geht es bei den Reformen um hochemotionale Themen. Was bleibt mir im Alter? Was, wenn ich krank werde? Diese Distanz kann ihn noch Vertrauen kosten.















