Die Leute vom Fach mögen die sportlichen Stärken und Schwächen der Mannschaften von England und Argentinien noch gegeneinander abwägen und an ihren klugen Prognosen feilen. Wer einen Schritt zurücktritt und das Blickfeld über das Spielfeld hinaus weitet, der muss zu dem Ergebnis kommen: England wird spätestens im Finale gegen Spanien oder Frankreich verlieren. So oder so.Es wird entweder wie immer in den vergangenen 60 Jahren ausgehen. Die Mannschaft mit den drei Löwen an der Brust wird mit hängendem Köpfen vom Platz ziehen und Männertränen vergießen. Oder nichts ist wie seit 56 Jahren immer, und England zieht nicht nur gegen Argentinien ins WM-Finale ein, sondern gewinnt es dann sogar noch.Auch und gerade dann, im Moment ihres größten internationalen Triumphs seit 1966, wird ein großer Verlust zu beklagen sein. In diesem Fall wird die Nationalmannschaft nicht mehr jene Rolle spielen können, in der sie bislang brilliert hat. Das Team wird den Engländern nicht mehr als Projektionsfläche für ihren Nationalsport dienen, der wichtiger ist als Fußball und in dem sie konkurrenzlos Weltmeister sind: Galgenhumor.Wenn die Ironie des Schicksals droht: Sollte dieses Mal etwa die Torlinien-Technologie einem WM-Triumph der Engländer im Wege stehen? Wer, wenn nicht sie, würde damit würdevoll umzugehen wissen.dpaEr ist sozusagen die Königsdisziplin im Land. Verlieren gilt als ehrenwert, solange man Haltung bewahrt, weshalb Niederlagen nicht verflucht oder verdrängt, sondern im Gegenteil gefeiert werden. Niemand kann glorreicher scheitern als englische Helden.Das gilt sogar für Soldaten. Die großen militärischen Niederlagen – die Schlacht von Hastings im Jahr 1066, der erfolglose Krimkrieg oder der Rückzug aus Dünkirchen im Zweiten Weltkrieg – sind fester Bestandteil des eigenen Mythos. In Würde zu scheitern macht unsterblich, wie das Beispiel des Skispringers Michael „Eddie the Eagle“ Edwards zeigt, der als Teilnehmer an den Olympischen Spielen 1988 nicht den Hauch einer Medaillenchance besaß, sondern Letzter wurde – und von den Fans gefeiert.Im Fußball ist die Lust am Untergang besonders ausgeprägt. „Three Lions“ ist die unwiderstehliche Hymne, in der seit 30 Jahren 30 Jahre voller Schmerz besungen werden. Eine dramatische Niederlage nach der anderen hat die englische Nationalmannschaft zum Lieblingswitz der Nation gemacht – und mit einem Sieg stiege die Wahrscheinlichkeit enorm, dass er bald auserzählt ist.Fünf Gründe, warum England Weltmeister wirdLangsam ist selbst beim besten Willen nicht zu übersehen, wie gut sich die Mannschaft schlägt. Wie anders als sonst. Wie un-englisch. Erstens ist die alte Regel von Gary Lineker dahin, nach der Fußball ein Spiel ist, in dem 22 Männer 90 Minuten lang dem Ball hinterherlaufen und die Deutschen am Ende gewinnen.Zweitens ist Superstar Jude Bellingham nicht nur umwerfend gutaussehend, sondern auch furchtlos. Er hat nie in der Premier League gespielt und lässt sich wohl auch deshalb von der aggressiven heimischen Presse nicht einschüchtern, die es bisher noch jedes Mal geschafft hat, der eigenen Mannschaft den Mut zu nehmen.Drittens sind höhere Mächte offenbar endlich auf Englands Seite. 1986 hat die „Hand Gottes“ Maradona zum Tor verholfen. Im Viertelfinale gegen Norwegen hat das Seil der Stadionkamera zum Vorteil von England eingegriffen, und der Chip im Ball, der sonst jede kleinste Berührung meldet, blieb stumm.Viertens ist das Team sogar immun gegen den Fluch von Donald Trump. Bislang hat der amerikanische Präsident allen geschadet, denen er näher kam. Obwohl Harry Kane vor dem Viertelfinale zugeben musste, mit Trump Golf gespielt zu haben, hat England gewonnen.Und fünftens tobt ein „wütender Deutscher“ an der englischen Seitenlinie. So wird Nationaltrainer Thomas Tuchel von der Fachpresse genannt, die immer zuversichtlicher wird, je mehr Tuchel nörgelt und der Mannschaft alle Flausen austreibt, sie hätte schon etwas erreicht.Doch ein Final-Triumph wird die Nation in Verlegenheit bringen. So ehrenwert und so selbstironisch zu gewinnen, wie sie bislang immer verloren hat, ist unmöglich.