Erst Entlastung, dann ein schlechtes Gewissen; erst Verbundenheit, dann Einsamkeit: Wenn sie durch Social-Media-Feeds scrollen, entstehen bei Jugendlichen ambivalente Gefühle. So lautet ein Ergebnis der JIMplus-Studie, die der Medienpädagogische Forschungsverband Südwest (mpfs) am Mittwoch in Mainz vorgestellt hat.Die Studie hat das digitale Wohlbefinden Vierzehn- bis Siebzehnjähriger in Deutschland untersucht und bezeichnet ihren Umgang mit Social Media als einen „Drahtseilakt zwischen Inspiration und Belastung“. Das Auf und Ab von positiven und belastenden Erfahrungen gleiche für viele einer Achterbahnfahrt. Befragt wurden 800 Jugendliche mithilfe eines Onlinefragebogens. Die Studie ist repräsentativ für die Altersgruppe.Die gegensätzlichen Gefühle, die bei der Nutzung von Social Media entstehen, stützen die Forscherinnen und Forscher auf verschiedene Aussagen. So geben mehr als zwei Drittel der Befragten (68 Prozent) an, dass Social Media sie von Problemen oder Stress ablenkten. 72 Prozent sagen gleichzeitig, Social Media lenkten sie von Dingen ab, die sie eigentlich tun sollten. Und mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Befragten empfindet die Social-Media-Nutzung sogar als Zeitverschwendung.„Ich merk’s selber, dass es mir nicht gut tut“Ein 17 Jahre alter Jugendlicher, den die Forscherinnen und Forscher in ihrem Bericht zitieren, beschreibt seinen Social-Media-Konsum etwa als „ewigen Kreislauf“. „Ich merk’s selber, dass es mir nicht gut tut. Aber ich kann mich nicht überwinden, jetzt doch hochzugehen und zum Beispiel zu lernen.“82 Prozent der Befragten berichten, über Social Media einen Zugang zu Themen und Wissen zu bekommen, den sie sonst nicht hätten. Andererseits empfinden 80 Prozent der Befragten viele der Inhalte als unecht oder gestellt. Und viele spüren Vergleichsdruck: 70 Prozent stimmen der Aussage zu, sich durch die Nutzung automatisch mit anderen zu vergleichen. 51 Prozent sagen, sie hätten durch Social Media den Eindruck, „dass andere ein besseres Leben führen als ich“. Bei beiden Aussagen fallen die Zustimmungswerte bei Mädchen höher aus als bei Jungen.Als häufigste Nebenwirkung identifiziert die Studie eine mangelnde Konzentrationsfähigkeit. Davon berichten 40 Prozent der Befragten. Etwa ein Drittel der Befragten gibt an, nach längerer Nutzung ein schlechtes Gewissen (37 Prozent) oder müde beziehungsweise gereizte Augen zu haben (32 Prozent). Fast genauso viele Befragten haben ihren Social-Media-Konsum nach eigenen Angaben reduziert, „weil er mir nicht gut tut“.Die wichtigsten, regelmäßig genutzten Social-Media-Plattformen sind Youtube, Instagram, Tiktok, Snapchat und Pinterest. Bei Tiktok fällt der vergleichsweise hohe Anteil an Jugendlichen auf, die den Dienst täglich über drei Stunden nutzen (13 Prozent).Aus Sicht der Forscherinnen und Forscher nutzen Jugendliche digitale Medien „nicht ohne Kenntnis über deren Schattenseiten, sondern trotz der bewussten Wahrnehmung dieser Probleme“. 47 Prozent der befragten Jugendlichen beneiden die Generationen, die ohne Social Media aufgewachsen sind – eine Aussage, der Mädchen (52 Prozent) erkennbar häufiger zustimmen als Jungen (42 Prozent).Die JIMplus-Studie ist eine Ergänzung der seit 1998 jährlich veröffentlichten JIM-Studien zum Medienverhalten Jugendlicher in Deutschland. JIM steht für Jugend, Information und Medien. Zum Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest gehören die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) und die Medienanstalt Rheinland-Pfalz, in Zusammenarbeit mit dem SWR.