Wenn Lucas Artini in seinen Mercedes-Bus von 1961 einsteigt, dann berührt er als Erstes eine kleine Figur. Sie soll Glück bringen, sagt der Familienvater, der sein Leben nun jenem Mann gewidmet hat, der vor 40 Jahren innerhalb von nicht einmal fünf Minuten zu einem Volksheiligen wurde und dessen Miniaturfigur Artini immer berührt, bevor er den Motor seines Busses startet: Diego Maradona, der Fußballspieler, der im legendären Viertelfinale der WM 1986 im Aztekenstadion gegen England die beiden ikonischsten Tore seiner Karriere erzielte. Erst mit der „Hand Gottes“, dann mit einem Jahrhundertsolo.Für viele Argentinier bedeutete der damalige 2:1-Sieg über die Briten im WM-Viertelfinale so etwas wie einen verspäteten Sieg im Falklandkrieg. Nun fährt Artini gemeinsam mit Frau Estafania und den Kindern über die Straßen Argentiniens, damit seine Landsleute Maradona nie vergessen. Auf dem zu einem Maradona-Museum umgebauten Bus mit Hunderten Details aus dessen Leben ist neben den vielen sportlichen Triumphen an besonders prominenter Stelle eine aufgemalte „Hand Gottes“ zu sehen. Und natürlich die Landkarte der Falklandinseln in argentinischen Landesfarben.„Diego hat sich immer für unser Volk eingesetzt“, sagt Artini. Der Maradona-Bus und die Familie, die in ihm lebt, sind nur eines von vielen Beispielen, die belegen, welche emotionale Bedeutung für die Argentinier in einem Spiel gegen die Engländer liegt. Die „Piraten“, wie die Briten genannt werden, gelten als Kolonialherren, die nach argentinischer Lesart seit Jahrhunderten die Inselgruppe rund 700 Kilometer vor der argentinischen Küste besetzt halten.Die „Hand Gottes“ als ein Akt der Rebellion gegen England?„Für die Jungs von den Malvinas“, heißt es in zahlreichen martialischen Instagram-Videos, die inzwischen die sozialen Netzwerke fluten. Gemeint sind die gefallenen argentinischen Soldaten. Für sie sollen Messi, Martinez und Alvarez abermals gewinnen. Zwar rief der argentinische Veteranenverband, ähnlich wie Argentiniens Trainer Lionel Scaloni, dazu auf, aus dem Spiel nicht mehr zu machen, als es ist.Doch dieses Thema ist im Land allgegenwärtig. Es gibt Stadien, Flughäfen und Veranstaltungshallen, die den Namen „Malvinas“ tragen. Sogar auf den Bussen der Hauptstadt ist die Karte der Inseln zu sehen. Kein anderes Spiel hat sich so ins Gedächtnis einer ganzen Nation hineingefräst wie das Duell von 1986 gegen die Briten. Scaloni weiß das, und er wird es intern zu nutzen wissen.Will aus dem Spiel nicht mehr machen, als es ist: Argentiniens Trainer Lionel Scaloni (rechts)AFPVier Jahre zuvor hatte die damalige argentinische Militärjunta die „Islas Malvinas“, wie sie in Argentinien heißen, besetzen lassen. Zehntausende Argentinier jubelten begeistert über die Entscheidung der Diktatoren. Die „Eiserne Lady“, Premierministerin Margaret Thatcher, schickte daraufhin mit einer unmissverständlichen Botschaft britische Kriegsschiffe auf die wochenlange Reise in den Südatlantik: „Wir müssen diese Inseln zurückgewinnen.“ Insgesamt dauerten die argentinisch-britischen Gefechte 70 Tage, 900 Menschen verloren ihr Leben. Die zuvor so begeistert gefeierte Besetzung der Inseln endete in einem militärischen Debakel für Argentinien und läutete das Ende der gewalttätigen Militärdiktatur ein.Dann aber kam Maradona. Erst bugsierte er mit der Hand den Ball ins britische Tor, dann legte er ein Jahrhundertsolo auf dem Rasen des Aztekenstadions hin. Der britische Stürmer Gary Lineker verwies später nicht nur auf das Handspiel, sondern auch darauf, dass dem Solo von Maradona ein klares Foulspiel bei der Balleroberung vorausgegangen sei. Die Briten fühlten sich betrogen, die Argentinier aber fühlten sich im Recht. Maradonas Aktion sei in Wahrheit ein Akt des Ungehorsams, der Rebellion gegen die Kolonialherren gewesen.England wartet auf die RevancheAls Maradona später einmal von britischen Journalisten nach seinem Betrug mit der Hand gefragt wurde, konterte er: Die ganze Welt habe gesehen, dass das Tor im WM-Finale von Wembley 1966 kein Tor gewesen sei. Die Briten hätten also kein moralisches Recht darauf, sich zu beklagen. Diese beiden Tore schmücken bis heute als riesige Graffiti ganze Häuserwände in Buenos Aires. Eines zeigt den Laufweg Maradonas zum 2:0 samt aller überlaufenen britischen Gegenspieler.Der Lieblingssong der argentinischen Fans im Stadion ist ebenfalls den Briten gewidmet: „Wer nicht springt, der ist ein Engländer.“ Es ist die Hymne der argentinischen Fans schlechthin: „¡El que no salta, es un inglés!“Die ganze Wucht des Duells am eigenen Leib gespürt: Englands David Beckham (rechts) sah bei der WM 1998 gegen Argentinien die Rote Karte.dpaGanz Fußball-England wartet wiederum auf die Gelegenheit zu einer Revanche auf ähnlichem Level. Bei der WM 1998 in Frankreich spürte Englands Superstar David Beckham die ganze geschichtliche Wucht dieses Duells am eigenen Leib. Er sah im Duell mit Argentinien in der 47. Minute die Rote Karte und wurde von den erbarmungslosen britischen Medien anschließend für die Achtelfinal-Niederlage im Elfmeterschießen (5:6) gegen die Argentinier verantwortlich gemacht.„Die Zeit danach war ein Spießrutenlauf für mich“, sagte Beckham später einmal in einer Dokumentation. Er habe sich gefühlt, als wäre er plötzlich der Staatsfeind Nummer eins gewesen. Vier Jahre später gelang Beckham bei der WM 2002 in Japan und Südkorea zumindest eine kleine Wiedergutmachung, als er im Vorrundenspiel gegen Argentinien per Elfmeter den 1:0-Siegtreffer erzielte. Die Argentinier schieden damals als Gruppendritter aus.„Es war nicht nur ein Spiel. Es war das Spiel schlechthin“Doch auf einen ganz großen Sieg über die „Albiceleste“, die „Himmelblauen“, warten die Briten seit nun über 40 Jahren. Das soll sich am Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei MagentaTV) im WM-Halbfinale ändern. Ein in diesen Wochen veröffentlichter Dokumentarfilm beleuchtet die Dramatik des Jahrhundertspiels und seine ungeheure politische Brisanz. Der argentinische Weltmeister Oscar Ruggeri sagt: „Es war nicht nur ein Spiel. Es war das Spiel schlechthin.“Die Erinnerung an diese WM und die innenpolitische Lage in Argentinien sorgen für eine Mischung aus einem emotionalen, aber auch rationalen Ambiente, um das Thema Falkland wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Die argentinische Vizepräsidentin Victoria Villarruel gab den Bewohnern der Falklandinseln jüngst einen Rat: „Wenn sie sich als Engländer fühlen, können sie ja in die Tausende von Kilometern entfernte Heimat zurückkehren.“Wie alle seine Vorgängerinnen und Vorgänger weiß auch der amtierende argentinische Präsident Javier Milei: Die Regierung, die es schafft, die Falklandinseln zurückzuholen oder sich zumindest dafür erkennbar einsetzt, sammelt Sympathiepunkte. Und der Spieler, der es schafft, die Engländer auf dem grünen Rasen zu besiegen, geht als Volksheiliger in die argentinische Geschichte ein.
Halbfinale der Fußball-WM 2026: Argentinien, England und die Falklandinseln
Kein Fußballspiel ist in Argentinien politisch so beladen wie das Duell mit England. Dort gelten die Briten noch immer als Besatzer. Wer sie auf dem Rasen besiegt, wird zum Volkshelden – wie einst Maradona.











