Spiel mit höchster Sicherheitsstufe: Wenn Argentinien auf England trifft, prallen Fussball und Politik aufeinanderDer Falklandkrieg, Maradonas «Hand Gottes» und eine jahrzehntelange Rivalität prägen die Duelle zwischen England und Argentinien. Zum ersten Mal seit 2002 treffen sie nun an einer WM aufeinander – und spielen um den Einzug in den Final.15.07.2026, 14.01 Uhr4 Leseminuten«Quiero vale cuatro»: Die Argentinier wollen in Nordamerika ihre vierte Weltmeisterschaft gewinnen.Nathan Ray Seebeck / Imagn ImagesDie Behörden der Stadt Atlanta blicken mit Sorge auf den Halbfinal zwischen England und Argentinien. Die Polizei hat die Partie als Spiel der höchsten Risikostufe eingestuft. Sie bewacht die Hotels beider Mannschaften mit einem grossen Aufgebot und verstärkt ihre Präsenz rund um die Veranstaltungsorte. So sollen Einwohner und Besucher «dieses historische Ereignis sicher geniessen können». Kaum ein WM-Duell trägt so viel Geschichte und politische Brisanz mit sich wie England gegen Argentinien.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wie präsent die Geschichte bis heute ist, zeigte sich nach dem Viertelfinalsieg der Argentinier gegen die Schweiz. In der Kabine sangen die Spieler das Lied «Cuarta Estrella», das sie bei der WM schon mehrfach angestimmt haben. Darin heisst es: «Argentinien, ich will dich wieder als Weltmeister sehen. Für Malvinas, für Diego, für Leo’s letzten Tanz.»Argentinien will den vierten Stern gewinnen: Für Diego Maradona, dem nach Ansicht vieler Argentinier der WM-Titel 1994 nach seinem positiven Dopingtest «gestohlen» wurde. Für den Superstar Lionel Messi, der wohl seine letzte WM spielt. Und für die Malvinas, die Falklandinseln. Dieses britische Überseegebiet, das Argentinien für sich beansprucht und dessen Konflikt 1982 in einen zehnwöchigen Krieg mündete, der rund 900 Personen das Leben kostete. Das Verhältnis der beiden Länder ist bis heute belastet.Doch die Rivalität lebt längst nicht allein von der Politik. Auch auf dem Rasen schrieb dieses Duell einige der prägendsten Kapitel der WM-Geschichte.Der Mythos um die «Hand Gottes»Besonders der Viertelfinal bei der WM 1986 in Mexiko ist die wohl denkwürdigste Begegnung der beiden Nationen. Vier Jahre nach dem Falklandkrieg gewann Argentinien das emotionale Duell 2:1. Diego Maradona entschied das Spiel mit zwei Toren beinahe im Alleingang. Einmal nach einem Sololauf über mehr als 50 Meter, den er in der eigenen Hälfte begann. Das Tor wurde später von der Fifa zum Jahrhundert-Tor gekürt.Noch grösser wurde jedoch der Mythos um sein erstes Tor. Maradona lenkte den Ball mit der Hand über Englands Torhüter Peter Shilton. Der Schiedsrichter übersah das Handspiel und gab den Treffer. Sein Linienrichter hatte die Szene zwar gut im Blick, zeigte ihm jedoch nichts an. Die Engländer fühlten sich betrogen und protestierten.Eine Szene für die Ewigkeit: Diego Maradona lenkt den Ball mit der Hand über Peter Shilton. Später spricht er von der «Hand Gottes».STR / EPANach dem Spiel fragte ein italienischer Reporter Maradona, ob er den Ball «ein bisschen mit dem Kopf oder ein bisschen mit der Hand Gottes» erzielt habe. Maradona antwortete: «Von beidem etwas.»Jahre später erklärte er, das Tor sei eine Rache für die Falklandinseln gewesen. «Dass mein Tor streng genommen ein Betrug war, machte es nur umso schöner. Wir hatten die Engländer wie Taschendiebe ausgeraubt.» Damit gab er dem Treffer eine politische Note.Das blaue Trikot ist die Hoffnung der ArgentinierNach dem Viertelfinal 1986 in Mexiko-Stadt trafen die Nationen zwei weitere Male an Weltmeisterschaften aufeinander. 1998 gewann Argentinien den Achtelfinal im Elfmeterschiessen. David Beckham verlor kurz nach der Pause die Nerven, trat Diego Simeone und sah Rot. Nach dem Ausscheiden wurde er zum Sündenbock in England.Vier Jahre später rehabilitierte sich Beckham und schoss die Engländer im Direktduell in der Gruppenphase per Penalty zu einem 1:0-Sieg. Zuletzt trafen die beiden Nationen 2005 in einem Freundschaftsspiel aufeinander. Für Lionel Messi ist es damit das erste Duell mit England.Schiedsrichter Kim Milton Nielsen zeigt im WM-Viertelfinal 1998 David Beckham die Rote Karte.Mark Leech / ImagoWie vor vierzig Jahren wird die Albiceleste am Mittwoch gegen England wieder in Blau auflaufen. Viele Fans sehen darin ein gutes Omen. Bei den WM-Niederlagen gegen England 1966 und 2002 trugen die Argentinier dagegen ihre klassischen Farben Himmelblau und Weiss.Die Engländer hingegen wähnen vor allem den WM-Viertelfinal 1966 im eigenen Land als gutes Vorzeichen. Die Three Lions zogen nach einem 1:0 in den Halbfinal ein und wurden am Ende zum ersten und bis heute auch letzten Mal Weltmeister.Kriegsveteranen mahnen zur BesonnenheitNun schreiben beide Nationen das nächste Kapitel ihrer Rivalität. Argentinien will in Nordamerika seinen WM-Titel verteidigen. England strebt den ersten WM-Final seit 60 Jahren an. Beide Trainer sind sich der besonderen Bedeutung dieses Duells bewusst.Der englische Nationaltrainer Thomas Tuchel sprach von einer «grossen Rivalität zweier grosser Fussballnationen». Er sagte: «Ich könnte behaupten, die Geschichte spiele keine Rolle. Aber wenn ein Spiel so viele legendäre Momente hervorbringt, kann man nicht sagen, es sei nur ein weiteres Fussballspiel.» Der argentinische Trainer Lionel Scaloni nannte das Spiel «sehr emotional». Die Spieler beider Teams haben in den vergangenen Tagen hingegen mehrfach den sportlichen Charakter der Partie betont. «Der Fussball wird für sich selbst sprechen», sagte etwa der englische Torhüter Jordan Pickford.Der argentinische Verband der Kriegsveteranen rief zur Besonnenheit auf. Das Spiel stehe weder für eine bewaffnete Revanche noch für eine historische Wiedergutmachung, teilte er mit. Trotzdem treffen in Atlanta Sport und Politik unweigerlich aufeinander. England gegen Argentinien bleibt auch 44 Jahre nach dem Falklandkrieg weit mehr als ein gewöhnliches Fussballspiel. Der Sieger dieser brisanten Partie spielt am Sonntag gegen Spanien um den WM-Titel.Passend zum Artikel