Die Kabinenparty der englischen Nationalmannschaft hatte nach dem furiosen Achtelfinalsieg gegen Mexiko bei dieser Weltmeisterschaft gerade Fahrt aufgenommen. Die Musik dröhnte, die Fußballer klatschten, tanzten, jubelten. Auch Trainer Thomas Tuchel feierte ausgelassen mit – bis sich sein Gesichtsausdruck schlagartig verfinsterte, als wäre seinen Engländern der Einzug in die nächste Runde aberkannt worden.Der Deutsche sah, wie Innenverteidiger John Stones, 32, sich schmerzverzerrt an die rechte Schulter fasste und dessen Sitznachbar Declan Rice sich um ihn kümmerte. „Shoulder!“, rief Rice mit besorgter Stimme. Geschockt presste Tuchel die Hände aneinander und schlug sie anschließend über dem Kopf zusammen. Kurz zuvor hatte ihn die bittere Nachricht erreicht, dass Ersatzmann Jordan Henderson sich nach Abpfiff beim Sprung über die Werbebande den Unterarm gebrochen hatte.InstagramDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Instagram angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Instagram angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Ähnliches befürchtete Tuchel nun bei seinem Leistungsträger Stones. Doch der Schreck währte für Tuchel nur kurz. Als der Beat wieder einsetzte, spannte Stones – Prank! – grinsend den Bizeps an und pumpte zur Begeisterung seiner Mitspieler die Faust in die Luft. Im Gegensatz zu seinen Teamkollegen, die den Move bereits kannten, wurde Tuchel auf dem falschen Fuß erwischt. Die Scherzeinlage nahm er jedoch mit Humor und klatschte sichtlich erleichtert mit Stones ab. „Ich habe versucht, ernste Miene zu bewahren, weil ich sah, dass Tuchel besorgt war und er überlegte: ‚Hat er sich wirklich verletzt?‘“, erklärte Stones später. Diese Szene, die der englische Verband veröffentlicht hat, gehört mit mehr als 40 Millionen Aufrufen zu den meistgesehenen Videoclips dieser WM.Der Gedanke an einen Ausfall von Stones war keineswegs abwegig. In den vergangenen beiden Saisons fiel der Verteidiger immer wieder wegen unterschiedlicher Verletzungen aus. Der Champions-League-Sieger kam in diesem Zeitraum für Manchester City lediglich auf elf Startelfeinsätze in der Premier League – nur einer davon in der jüngsten Rückrunde, im bedeutungslosen letzten Saisonspiel. Wegen seiner geringen Verfügbarkeit verlängerte Manchester City den Vertrag mit Stones nicht. Zur WM fuhr er vereinslos mit, doch es soll mehrere Angebote für ihn geben.Auch für die Nationalmannschaft bestritt Stones vor der WM-Nominierung im Mai nur vier Partien unter Tuchel, darunter immerhin drei Quali-Spiele vor einem Jahr. Durch seine damaligen Leistungen konnte er sich „enormen Kredit“ erarbeiten, wie Tuchel wiederholt betonte. Der Trainer zählt zu Stones’ großen Befürwortern, weil er dessen Fußballverstand und Persönlichkeit schätzt. Er sei „großer Stones-Fan“, bekannte Tuchel, denn dieser verfüge über „Weltklassefähigkeiten“.Englands Mittelfeldspieler Anderson:Tuchels großer GlücksfallElliot Anderson hat in kürzester Zeit einen enormen Aufstieg hingelegt: Er ist der teuerste englische Fußballer und füllt im Nationalteam eine jahrzehntealte Lücke. Sein Trainer findet große Worte.In seinem Turnieraufgebot ging Tuchel für ihn einen bemerkenswerten Kompromiss ein. Obwohl er als Nominierungskriterium regelmäßige Spielpraxis in den Vereinen de facto als Voraussetzung formuliert hatte, galt dies für Stones nur bedingt. Er musste lediglich „fit“ für die WM sein. Tuchels Kalkül: Durch seine Erfahrung könnte für Stones die unmittelbare Turniervorbereitung ausreichen, um wieder in Form zu kommen. Der Plan ging auf, Stones steigerte sich tatsächlich im Verlauf der WM. Dabei achtete Tuchel darauf, ihn nicht zu überlasten. Nachdem er ihn zum Turnierstart gegen Kroatien fast über die gesamte Spielzeit eingesetzt hatte, stand Stones erst im Viertelfinale gegen Norwegen wieder in der Startelf. In dieser Partie schien es besonders auf ihn anzukommen: Aus der gemeinsamen Zeit bei Manchester City kannte er Erling Haalands Bewegungsabläufe besser als jeder andere.Gemeinsam mit Marc Guéhi, der zu Jahresbeginn ebenfalls zu City gewechselt war, gelang es Stones, den zuvor kraftstrotzenden norwegischen Torjäger bis auf zwei Kopfballchancen zu neutralisieren. Die Medien in der Heimat diskutierten danach überschwänglich, ob Stones nicht gar der beste englische Verteidiger seit Bobby Moore sei. Der hatte England immerhin als Kapitän zum bisher einzigen WM-Titel 1966 geführt. Um dessen Vermächtnis näherzukommen, muss Stones – sofern er körperlich erneut fit genug ist – im Halbfinale von Dallas (Mittwoch, 21 Uhr) allerdings die nächste Überfigur aus dem Spiel nehmen: Lionel Messi.Der Spielstil des Argentiniers, sich Gegenspielern durch geschicktes Zurückfallenlassen ins Mittelfeld zu entziehen, kommt Stones in der Theorie entgegen: Er war es in Manchester unter Trainer Pep Guardiola gewohnt, immer wieder selbst situativ ins Mittelfeld vorzustoßen. So könnte er einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, dass England den Weltmeister Argentinien bezwingt. Sollte dies gelingen, dürfte John Stones abermals vor den eigenen Fans seine Pose aufführen – die mit dem Bizeps, die nun auch Thomas Tuchel kennt.