Vor zehn Jahren erschütterte ein Putschversuch die Türkei. Safiye Bayat verteidigte das Regime auf der Strasse und wurde zur Ikone der Erdogan-Anhänger. Eine Begegnung in Istanbul.Die verschleierte Frau mit dem schwarzen Rucksack verschränkt die Arme und dreht dem Offizier ihren Rücken zu. Dieser geht wütend auf sie zu. Packt sie grob, schubst sie, schlägt sie. Sie wehrt sich, gestikuliert. Überwachungskameras halten die Konfrontation fest, ebenso die Panzer im Rücken des Uniformierten und seiner Truppe.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Safiye Bayat erinnert sich an jedes Detail der Putschnacht. Auf der Bosporus-Brücke (hinter ihr) wurde sie angeschossen.Die Frau im Video ist Safiye Bayat. Sie habe damals zu dem Offizier gesagt: «Wenn du mich erschiessen willst, dann erschiess mich von hinten.» So erzählt sie es heute, zehn Jahre später.Die Aufnahmen von der Bosporus-Brücke haben die heute 45-jährige Türkin über Nacht berühmt gemacht: als Ikone des Widerstands gegen die Putschisten vom 15. Juli 2016.Bayat sitzt in einem langen, traditionellen türkischen Kleid und mit weissem Kopftuch auf ihrem Sofa, zu Hause in Istanbul, auch ihr Ehemann und ihre Kinder sind zugegen. Bei selbstgemachtem Kirschsaft erzählt sie von jener Nacht, die ihr Land bis heute prägt.Die Aufnahmen, die Safiye Bayat berühmt machten, stammen von einer Überwachungskamera.ViaDHAEin StreifschussBayat ist am Abend des 15. Juli 2016 allein zu Hause in Cengelköy auf der asiatischen Seite Istanbuls. Die Kinder sind bei der Grossmutter, und ihr Mann ist unterwegs, als sie gegen 21 Uhr den Fernseher anschaltet. Sie sieht Bilder von Panzern und Soldaten, die die Bosporus-Brücke versperren. Ihr sei klar gewesen, dass etwas nicht stimme, erinnert sich Bayat. Sie packt Schmerzmittel, Verbandsmaterial und Wasser in ihren Rucksack und verlässt das Haus. Sie sei instinktiv davon ausgegangen, dass es Verletzte geben werde, erzählt sie.Auf dem Weg zur Bosporus-Brücke ruft ihr Ehemann an. Sie sagt ihm, sie spaziere im Quartier. Ihr tatsächliches Ziel verschweigt sie. Sie habe ihn nicht anlügen wollen, meint sie im Nachhinein lachend und blickt ihn an. Er sitzt am Esstisch und tippt auf seinem Handy herum. «Hätte ich es ihm gesagt, hätte er mich gebeten, nach Hause zurückzukehren – und das hätte ich befolgen müssen.» Doch Bayat will zu der Brücke. Also sagt sie nichts und klemmt das Telefongespräch rasch ab.Nach dreissig Minuten Fussmarsch erreicht sie die Brücke. Es ist kurz vor 22 Uhr. Auf den Bildern einer Überwachungskamera ist zu sehen, wie sie die Absperrungen passiert und direkt auf die uniformierten Männer zumarschiert. Sie will wissen, wer sie sind und was sie wollen. «Doch keiner antwortete mir», sagt sie.Chaotische Szenen: Viele Zivilisten folgten dem Aufruf Erdogans und gingen in der Putschnacht auf die Strasse, um ihr Land zu verteidigen.Murad Sezer / ReutersAls sie sich nicht habe abwimmeln lassen, sei ihr gedroht worden: «Geh, oder ich erschiesse dich.» Wie sie später erfährt, kamen die Worte vom Putsch-Kommandanten Ahmet Tastan. Sie erinnert sich, dass er die Drohung wiederholte und sie ihm jeweils entgegnete, keine Angst zu haben. Aber stimmte das auch? «Allah allein bestimmt den Zeitpunkt des Todes», sagt Bayat. «Wer sich seinem Willen unterordnet, hat keine Angst.»Rückblickend sagt sie, sie habe bald verstanden, dass sie es mit abtrünnigen Militärs zu tun habe, welche die Befehlskette durchbrochen hätten, um die Regierung zu stürzen. Angesichts der schweren Bewaffnung und der vielen Munition sei ihr bewusst geworden: «Sie waren darauf vorbereitet, zu töten.»Bayat wiederholt in ihren vier Wänden die Worte, mit denen sie damals versuchte, Tastan ins Gewissen zu reden: «Was du tust, ist falsch. Zieh die Soldaten nicht mit hinein. Es wird mit deiner Niederlage enden.» Ihre Bemühungen sind offenbar vergeblich. Laut Bayat greift er darauf nach dem Gewehr des Soldaten neben ihm und schiesst zur Einschüchterung dicht an ihrer Wange vorbei in die Luft.Es folgt der Moment, in dem sich Bayat wegdreht, ihn auffordert, sie von hinten zu erschiessen, und er handgreiflich wird. Da sei ihr klar geworden, dass alles Reden mit ihm nichts bringe, sagt Bayat.Also habe sie sich an die Soldaten gewendet und gefragt: «Habt ihr gesehen, wie er mich behandelt?» So verhalte sich kein türkischer Kommandant. «Stellt euch nicht hinter ihn. Kommt mit mir.» Das Ganze werde nicht gut für sie enden, sie würden ihr Leben in Haft verbringen. Als keiner reagiert, geht sie davon.Am Bein getroffenUm 00 Uhr 24 wendet sich Präsident Recep Tayyip Erdogan über CNN Türk an das Volk: Er ruft die Menschen dazu auf, Strassen und Plätze zu besetzen, um den Putschversuch zu stoppen und das Land zu verteidigen. Bayat sieht die Nachricht auf ihrem Handy. Sie hat keine Zweifel, dass die Darstellung ihres Präsidenten stimmt. Was sich auf der Brücke abspielt, muss Teil eines landesweiten, koordinierten Umsturzversuchs sein. Tausende von Zivilisten aller Altersgruppen folgen Erdogans Aufruf und strömen zu der Brücke. Für Bayat steht fest, dass sie sich bis zum Ende wehren will – obwohl ihr Mann und ihre Kinder zu Hause warten.Der Sieg über die Putschisten wird in den frühen Morgenstunden des 16. Juli 2016 von Zivilisten in Istanbul gefeiert.Ismail Coskun / IHA via APDie Menschen auf der Bosporus-Brücke suchen Schutz, wo sie können.Yagiz Karahan / ReutersAuf die Frage, wie oft ihr Ehemann sie in den Stunden angerufen habe, macht er eine kreisende Handbewegung, die seine damalige Verzweiflung ausdrückt. «Er versuchte es etliche Male», sagt sie. Sie beantwortete keinen seiner Anrufe. Er wusste nicht, wo sie war.Nach ihrer eigenen Erfahrung mit den Putschisten warnt Bayat die Menschenschar: «Sie werden uns töten.» Als die Menge nicht zurückweicht, eröffnen die Uniformierten das Feuer. Eine Frontlinie zieht sich quer über die Fahrbahnen der Hängebrücke. Bayat schildert, wie viele Zivilisten angeschossen werden, wie einige tot umfallen und wie Verletzte geborgen werden, während die Putschisten wahllos auf alle schiessen.Wegen der Strassensperren gibt es keine Polizei, keine Ambulanz, keine Ärzte und Krankenpfleger. «Wir mussten uns selbst helfen», sagt Bayat. Kleidungsstücke werden zu Druckverbänden, Plakate zu Tragen, Linienbusse zu Schutzschilden, Privatautos zu Ambulanzen. Auch Bayat verarztet Verwundete – bis es sie selbst trifft. Ein Geschoss einer G3 durchbohrt ihr rechtes Schienbein. «Es zertrümmerte meine Knochen und zerriss meine Bänder in kleine Stücke», sagt sie mit wässrigen Augen und zeigt, wo die Kugel ihr Bein traf.Sie wird verarztet, so gut es geht, und liegt rund zwanzig Minuten blutüberströmt am Boden. Dann gelingt es Kindern, ein Privatfahrzeug anzuhalten, das Bayat in ein Spital bringt. Dort wird sie operiert.35 Mal «lebenslang» plus 3343 Jahre HaftAngesichts des starken zivilen Widerstands und der Einkesselung von regierungstreuen Sicherheitskräften legen die Putschisten um 6 Uhr 40 auf der Brücke ihre Waffen nieder und kapitulieren. Am späten Vormittag erklärt der damalige türkische Ministerpräsident die Lage für vollständig unter Kontrolle. In der Nacht wurden 250 Menschen getötet und 2700 verletzt.Safiye Bayat betet am Denkmal der Märtyrer für jene Landsleute, die beim Putschversuch vor zehn Jahren ums Leben gekommen sind.Bayat ist wegen ihres Beins noch immer in physiotherapeutischer Behandlung. Laufe sie zu viel, müsse sie drei Tage im Bett liegen. Sie beschwert sich nicht, das scheint nicht ihre Art zu sein. Wie sie mit dem Trauma umgegangen sei? «Frauen müssen stark sein. Wir kümmern uns um alles», sagt sie und scherzt: «Nur wenn wir existieren, existieren sie.» Damit meint sie die Männer.Ahmet Tastan, den abtrünnigen Major, der sie auf der Bosporus-Brücke angriff, hat Bayat vor Gericht wiedergesehen. Trotz erdrückender Beweislage streitet er alles ab. Er will sich auch nicht erinnern, dass eine Frau an jenem Abend auf der Brücke gewesen sei. Das Gericht entscheidet im Juli 2018, dass Tastan die Hauptverantwortung für die 34 Getöteten und über 300 teilweise schwer Verletzten auf der Bosporus-Brücke trägt. Es verurteilt ihn zu 35 Mal «lebenslang» unter verschärften Bedingungen und weiteren 3343 Jahren Haft.Tastan wiederzusehen, rief bei Bayat angeblich keine Gefühlsregungen hervor. Als Muslimin kenne sie keinen Hass, sagt sie. Für ihren aussergewöhnlichen Mut wurde Bayat vom Staat geehrt. Wie andere Überlebende und Familien der Todesopfer jener Nacht hat sie eine Ehrenmedaille erhalten, die sie in einer weissen Vitrine im Wohnzimmer ausgestellt hat. Dazu eine Urkunde, von Erdogan unterzeichnet.Die Ehrenmedaille und die Urkunde stehen in einer weissen Vitrine im Wohnzimmer von Bayat.Im Nachgang zum Putschversuch kam es zu Massenentlassungen und -verhaftungen. Bayat hält nichts von der Theorie, dass Erdogan selbst in den Putschversuch involviert war. Nur Leute, die jene Nacht nicht miterlebt hätten, kämen auf eine solche Idee. Sie glaubt auch nicht, dass er den Putschversuch instrumentalisiert habe, um mit seinen Kritikern abzurechnen. Ihrer Meinung nach zielten die Reaktion des Staates und die umfassenden Gerichtsverfahren darauf ab, eine solche Tragödie künftig zu verhindern. «Wir vertrauen dem Anführer unseres Staates», sagt sie. Sie halte ihn für eine aussergewöhnliche Persönlichkeit mit viel Mitgefühl und Barmherzigkeit.Ein Herz für ErdoganBayat sagt, sie sei konservativ. Ihre Gedanken und Vorstellungen seien geprägt von ihrer Familie. Ihr wurde beigebracht: Glaube an Allah, glaube an den Propheten und verurteile niemals einen Menschen aufgrund seiner politischen Identität. Ihre Eltern waren Anhänger von Erdogans politischem Lehrmeister Necmettin Erbakan. Als es zum Bruch zwischen den beiden Männern kam und Erdogan die AKP gründete, stellte sich die Familie auf Erdogans Seite. Besonders hebt Bayat Erdogans Jahre als Oberbürgermeister von Istanbul hervor.Safiye Bayat auf ihrem Sofa bei sich zu Hause: Sie sagt, dass sie wieder so handeln würde wie vor zehn Jahren.Damals, in den neunziger Jahren, habe er das Leben der Menschen verbessert: Grünflächen geschaffen, die Gesundheitsversorgung reformiert und das Strassennetz ausgebaut. Ihr ist wichtig, zu sagen, dass sie die politische Einstellung ihrer Eltern nicht einfach übernommen habe. Was Erdogan tat, überzeugte sie. Sie ist ihm auch dankbar dafür, dass er den Spielraum für gläubige Menschen wie sie erweitert hat. «Wir können wieder unseren Glauben frei ausüben – ganz gleich, ob sich jemand für oder gegen ein Kopftuch entscheidet.» Ausserdem habe er die Hagia Sofia wieder in eine Moschee umgewandelt. Dorthin geht sie zum Beten besonders gern.Angesprochen auf den Vorwurf der Opposition, wonach Erdogan autoritär regiert, betont Bayat die Notwendigkeit einer «starken Führung» in einer derart komplexen und instabilen Region. Auch den Vorwurf, dass er die Justiz lenke, will sie nicht gelten lassen: So habe die Oppositionspartei CHP den Prozess gegen ihren Vorsitzenden selbst angestossen. Ausserdem stehe es jedem Türken frei, seine Rechte vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einzufordern.Erdogan hat seit dem Putschversuch einen noch grösseren Platz in Bayats Herzen. Hätte er die Menschen in jener Nacht nicht auf die Strasse gerufen, wäre niemandem das Ausmass der Bösartigkeit der Putschisten klar geworden, davon ist sie überzeugt. Sie selbst würde wieder so handeln wie damals vor zehn Jahren.Der Putsch ist gescheitert. Am Morgen des 16. Juli 2016 haben die Soldaten die Lage wieder unter Kontrolle.Emrah Gurel / APPassend zum Artikel