«Hydration break» bei der Fussball-WM: Zwei Ärzte erklären, ob die Unterbrechung medizinisch nötig istKönnen Fussballer wirklich nicht 45 Minuten durchspielen, ohne zu trinken?14.07.2026, 12.00 Uhr4 Leseminuten«Hydration break» im Spiel Argentinien gegen die Schweiz.Agustin Marcarian / ReutersOb erste oder zweite Halbzeit: Nach rund 22 Minuten bläst der Schiedsrichter in seine Pfeife, die Spieler trotten an den Spielfeldrand und nehmen sich Getränke aus Kühlboxen. Die neu eingeführte «hydration break» bei der Fussball-WM ist ein Aufregerthema. Die Fifa hatte schon vor einem Jahr erklärt, dass die Profis bei der WM 2026 feste Gelegenheiten bekommen sollen, sich zu rehydrieren, also Flüssigkeit zu tanken.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Manche Menschen sprechen bei diesen Unterbrechungen auch von Abkühlpause («cooling break») oder Trinkpause («drinks break»). Aber genaugenommen ist das falsch. Denn laut den Fifa-Regularien darf eine Abkühlpause nur bei extremen Wetterbedingungen stattfinden. Und eine kurze Trinkpause ist für die Verlängerung vorgesehen.Der neue Name musste her, weil die «hydration break» inmitten einer jeden Halbzeit genommen wird – und zwar ganz egal, wie warm oder kühl es ist. Man wolle mit der «hydration break» bestmögliche Bedingungen für die Spieler schaffen, schrieb die Fifa. Und da fragt man sich: Können Fussballer nicht einfach 45 Minuten am Stück durchspielen? Brauchen sie nach 22 Minuten unbedingt eine Flüssigkeitszufuhr?Wann eine Spielpause medizinisch nötig istDer Wissenschafter Harry Brown stellt das nun in einem Meinungsbeitrag im Fachjournal «Nature» infrage. Brown ist Forscher am Heat and Health Research Center in Sydney, Australien. Er untersucht Sportwettkämpfe: Wie kann man sie so gestalten, dass die Teilnehmer keine hitzebedingten Gesundheitsprobleme bekommen, etwa einen Hitzschlag? In seinem Artikel betont er: Das Spiel sollte nur unterbrochen werden, wenn es nötig ist.Das ist bei einem ungünstigen Mix aus Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und Sonneneinstrahlung der Fall. Dann benötigen die Spieler zwischendurch eine Abkühlung, um ihre Gesundheit nicht zu gefährden. Während solch einer Unterbrechung sollten die Spieler kalte Getränke, Ruhe und eiskalte Handtücher bekommen und im Schatten stehen. Eine Abkühlpause nach diesem Muster sei sinnvoll und wissenschaftlich erprobt. Eine «hydration break» hält er hingegen für sinnlos, mehr noch: Sie sei nicht wissenschaftsbasiert und schmälere deshalb das Vertrauen in Massnahmen, die tatsächlich wirkten.«Harry Brown hat grundsätzlich recht», sagt Tim Meyer, Leiter des Instituts für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlands und ehemaliger Mannschaftsarzt der deutschen Fussball-Nationalmannschaft. Eine Spielunterbrechung sei nur medizinisch nötig, wenn das Wetter extrem sei. Der Flüssigkeitsverlust der Fussballer während einer Halbzeit kann dann enorm sein. Rund eineinhalb Liter schwitze ein Fussballer in 45 Minuten aus, wenn es heiss sei. In sehr seltenen Fällen und bei extremen Bedingungen können es über zwei Liter sein.Erfahrungen aus der WeltmeisterschaftPhilippe Tscholl, Arzt der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft, hat während der noch laufenden Weltmeisterschaft Erfahrungen mit der neu eingeführten «hydration break» gesammelt. Auf Anfrage schrieb er kurz vor dem letzten WM-Spiel der Schweizer, diese Unterbrechungen kämen gewissen Spielern zugute. «Sie ermöglichen einerseits eine kurzfristige körperliche Erholung, andererseits profitieren insbesondere Spieler, die grössere Flüssigkeitsmengen während der Halbzeitpause weniger gut vertragen.»Auch Meyer betont, dass es in der Halbzeitpause schwierig sein könne, genügend Flüssigkeit aufzunehmen. Mehr als ein halber oder Dreiviertelliter liege nicht drin: «Ist der Magen voll und blubbert, haben die Fussballer ein Problem beim Weiterspielen.» Und er ergänzt: «Ganz ausgleichen können die Spieler das Flüssigkeitsdefizit nicht, vor allem nicht bei heissem Wetter.» Deshalb seien wetterabhängige «cooling breaks» sinnvoll – im Gegensatz zur gegenwärtigen Form der Durchführung.Für den Schweizer Nati-Arzt Philippe Tscholl ist die neu geschaffene Pause kein rein klassisches medizinisches Thema, «sondern es geht hierbei auch um die Leistung». In Klammern schiebt er hinterher: «Ein Kernthema der Sportmedizin.»Tscholl schreibt: «Wir nutzen die Trinkpausen, um den Spielern die bestmöglichen Voraussetzungen zu bieten und die sich daraus ergebenden Vorteile auszuschöpfen.» Sein Vorgehen während dieser Unterbrechungen: «Einerseits müssen die kühlenden Massnahmen – kalte Getränke, Kühlwesten und Kühltücher – möglichst rasch bereitgestellt werden. Andererseits nutzen wir diese Zeit, um die Spieler gezielt auf mögliche Beschwerden wie Muskelkrämpfe, ausgeprägte Ermüdung oder Folgen von während des Spiels erlittenen Schlägen oder Zusammenstössen zu untersuchen.»Er sieht Vorteile in diesen Unterbrechungen, für absolut notwendig hält er diese wetterunabhängigen «hydration breaks» aber nicht: «Wir würden uns selbstverständlich auch anpassen, wenn es diese Pausen künftig nicht mehr gäbe.»Ob es diese generellen Unterbrechungen, die nichts mit dem Wetter zu tun haben, in Zukunft noch geben wird? Das ist ungewiss. Tim Meyer vermutet, dass man sich langfristig über etwas anderes Gedanken machen muss: «Wir werden eine Diskussion darüber führen müssen, wann Spiele abgesagt werden sollten.» Er denkt dabei ganz besonders an die Zuschauer im Stadion: «Ältere, kranke Zuschauer können sich nicht einfach aus der Hitze herausbewegen.» Um sie macht er sich mehr Sorgen als um die Profisportler.Passend zum Artikel