Die intern heftig zerstrittene AfD in Nordrhein-Westfalen hat sich bei ihrer Landesvertreterversammlung in Marl am Wochenende offenbar erneut in die Haare gekriegt und damit ihren eigenen Zeitplan torpediert. Dabei ging es um die Aufstellung der Landesliste für die Landtagswahl 2027, und zwar insbesondere um den Listenplatz 22.Wie die „Kölnische Rundschau“ berichtet, haben für diesen Platz am Sonntagvormittag Dutzende Delegierte immer neue Kandidaten vorgeschlagen – bis deren Zahl bei mehr als 100 lag. 81 von ihnen standen nach Informationen der Zeitung danach auf dem Wahlzettel und hatten damit das Recht, sich in einer jeweils bis zu achtminütigen Rede vorzustellen. Die Abstimmung habe sich dadurch über den gesamten Tag bis in die Nacht zum Montag gezogen. Das Ergebnis soll am kommenden Wochenende vorgestellt werden.Unter den gut 100 vorgeschlagenen Kandidaten sei unter anderem ein Internetstreamer gewesen, der weder anwesend noch Parteimitglied gewesen sei. Auch weitere Vorgeschlagene seien nicht im Raum gewesen. Teils hätten sich Delegierte selbst vorgeschlagen oder – offenbar aus Scherz – auch Delegierte aus dem jeweils anderen Lager.Die Zeitung zitiert einen Delegierten mit den Worten: „Ich schlage Sie vor, Herr Versammlungsleiter.“ Dieser habe knapp erwidert: „Ich stehe nicht zur Verfügung.“ Insgesamt standen bis zum Sonntag bereits 21 Kandidaten für die Landtagswahl fest. Buh-Rufe, Pfiffe, Stinkefinger und Strafanträge Die AfD-Parteispitze in NRW ist in ein eher gemäßigt auftretendes und ein äußerst rechtes Lager gespalten. Als Spitzenkandidat und Bewerber um das Amt des Ministerpräsidenten wurde Parteichef Martin Vincentz gewählt, der dem gemäßigteren Lager angehört. Vincentz erhielt von den Delegierten 327 Ja-Stimmen. 143 Delegierte stimmten gegen ihn, zehn enthielten sich.Im Vorfeld der Versammlung war bereits über die Kandidatenliste abgestimmt worden. Die Listenplätze eins bis zehn wurden zwischen beiden Lagern aufgeteilt, sodass alle Bewerber dort ohne Gegenkandidaten antraten. Laut „Kölnischer Rundschau“ kämpften die Delegierten danach jedoch um jeden Platz, samt Buh-Rufen, Pfiffen und Standing Ovations.Als er sich umdrehte, rempelte er mich auf meinem Stuhl sitzend an und schrie ‚Halt deine Fresse, du dummes Arschloch!‘Matthias Helferich (AfD) über einen mutmaßlichen Vorfall auf der VeranstaltungZwischen dem rechtsextremen Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich und seinem Parteikollegen Knuth Meyer-Soltau ist der Lagerzwist bei der Veranstaltung am Wochenende offenbar bis zur gegenseitigen Anzeige eskaliert. Dem Medienportal „The Pioneer“ zufolge hatte Helferich über Meyer-Soltau gesagt: „Er hat mich beschimpft und vom Stuhl geschubst.“ Der „Welt“ zufolge hat Helferich am Montag einen Strafantrag gestellt.Der Zeitung beschrieb Helferich den Vorfall folgendermaßen: „Knuth Meyer-Soltau schritt durch meine Sitzreihe. Er führte ein Streitgespräch mit einem anderen Mitglied. Als er sich umdrehte, rempelte er mich auf meinem Stuhl sitzend an und schrie ‚Halt deine Fresse, du dummes Arschloch!‘“ Weiter zitiert ihn die Zeitung: „Ich weiß nicht, ob er mich vom Stuhl stoßen wollte. Da er mich aber wutschnaubend beschimpfte, schließe ich eine vorsätzliche Attacke nicht aus.“In dem Strafantrag heiße es außerdem: „Herr Meyer-Soltau stieß vorsätzlich oder fahrlässig massiv gegen meinen Stuhl und Oberkörper, sodass ich mich nur durch das Festhalten an der Tischkante vor einem Sturz bewahren konnte.“Wie die „Welt“ berichtet, hat auch Meyer-Soltau inzwischen einen Strafantrag wegen des Vorwurfs der Verleumdung gegen seinen Parteikollegen Helferich gestellt. Die Zeitung zitiert aus einem Schreiben seines Anwalts an die Staatsanwaltschaft Dortmund: „Der Vorwurf eines tätlichen Angriffs ist in höchstem Maße ehrenrührig und geeignet, den Ruf meines Mandanten in der Öffentlichkeit nachhaltig zu schädigen sowie ihn gesellschaftlich zu diskreditieren.“Auch aus einem Schreiben von Meyer-Soltaus Anwalt an Helferich zitiert die „Welt“: „Mein Mandant hat Sie zu keinem Zeitpunkt beschimpft oder körperlich angegriffen.“Dem „Pioneer“ gegenüber wies Knuth Meyer-Soltau den Vorfall ebenfalls zurück: „Den erhobenen Vorwurf bestreite ich.“ Helferich habe bei der Aufstellungsversammlung eine „krachende Niederlage erlitten“, zitiert ihn das Portal weiter. Offenbar suche er nun „anderweitig Genugtuung“.Auf eine Anfrage des Tagesspiegels meldeten sich am Montag weder Helferich noch Meyer-Soltau zurück. Christian Loose, Mitglied der AfD-Fraktion im Landtag Nordrhein-Westfalen, am Freitag in Marl. © dpa/Thomas Banneyer Eine weitere Kuriosität des Wochenendes zeigt ein Bild von der Versammlung, auf dem ein Abgeordneter zu sehen ist, der bei seiner Bewerbungsrede eine Spielzeug-Kettensäge in die Luft hält. Die Kettensäge als politisches Symbol ist unter anderem von Tech-Milliardär Elon Musk und Argentiniens Präsident Milei bekannt.Der Bundestagsabgeordnete Fabian Jacobi aus dem Rechtsaußen-Lager und Herausforderer von Parteichef Vincentz soll außerdem bei einer Rede des umstrittenen Landtagsabgeordneten Klaus Esser beide Mittelfinger gehoben haben. Esser wird unter anderem ein mutmaßlich gefälschter Hochschulabschluss vorgeworfen. Dem „Pioneer“ zufolge reagierte Esser mit den Worten: „Wenn du mir hier zwei Stinkefinger zeigst, das kannst du dir sparen als MdB, das ist ungebührliches Verhalten.“ Wahlleiter sollte nach Abstimmungen würfeln Bereits bei der Wahl zur Parteispitze, die Vincentz vor Jacobi vergangene Woche knapp für sich entschieden hatte, hatten sich beide AfD-Lager eine lautstarke Auseinandersetzung geliefert. Trotz der Geschlossenheitsappelle mit Rufen wie „Einheit nach innen, Kampf nach außen“ bezichtigten sich führende AfD-Landespolitiker auf offener Bühne gegenseitig der Lüge und Intrige.Wie die dpa berichtet, hatte die Partei vor der Landesvertreterversammlung zudem erbittert darüber gestritten, ob bei den zahlreichen Wahlgängen eine elektronische Zählhilfe eingesetzt werden darf. Während der Landesvorstand damit das Verfahren beschleunigen wollte, gab es vor allem aus dem rechten Lager der Partei massive Vorbehalte gegen die Zuverlässigkeit und die Datensicherheit des Systems.Am Ende einigten sich die beiden Lager darauf, das elektronische System zu nutzen. Allerdings sollte der Wahlleiter nach jeder Abstimmung würfeln – und bei einer 6 sollte das Ergebnis von Hand nachgezählt werden. (mit dpa)
„Den erhobenen Vorwurf bestreite ich“: NRW-AfD hält chaotische Versammlung ab – mit Stinkefinger, Strafanträgen und zig Kandidaten
Bei der Landesvertreterversammlung der zerstrittenen AfD in NRW herrschte offenbar Chaos. Unter anderem wurden wohl Anwälte eingeschaltet und über 100 Kandidaten für einen Listenplatz vorgeschlagen.












