Die Luft in Saal 1.107 im neuen Strafjustizzentrum ist dampfig und explosiv. Was aber nicht nur an der Klimatisierung liegen mag: Der Zuschauerraum ist überfüllt, eine Protokollführerin läuft weinend hinaus, weil nichts funktioniert, eine Anwältin brüllt, der Richter schreit zurück und dann bricht das Chaos aus, weil Zuschauer in der Sitzungspause von ihren beengten Plätzen aus in den Gerichtsraum strömen, wo die inhaftierten Angeklagten sitzen. Erst nach eineinhalb Stunden wird die Anklage am Landgericht München I verlesen. Um was es eigentlich geht? Ach ja: unter anderem um bandenmäßigen Betrug mit Solaranlagen.Es ist Woche zwei im neuen Strafjustizzentrum an der Dachauer Straße und alle sind genervt: Die über ein Dutzend Anwälte, weil sie mit den sechs Angeklagten in drei Bänken „eingeengt wie in einer Dose“ sitzen, wie einer der Anwälte sagt. Das sei „unzumutbar“. Die anwaltliche Schweigepflicht sei nicht gewahrt, „weil hier jeder meine Mitschrift lesen kann“. Er rüge die Wahl des Sitzungssaals und fordere einen größeren. „Den werden Sie hier nicht finden“, antwortet der Vorsitzende Richter trocken.Während man draußen, auf den lichtdurchfluteten Gängen, einen Tennisplatz nach dem anderen der Länge nach aufreihen könnte, sind die eher dunklen Mini-Sitzungssäle für Verhandlungen am Landgericht wenig geeignet. 20 Männer und Frauen sitzen eingezwängt im viel zu kleinen Zuschauerraum, Arm an Arm, Schweißgeruch an Schweißgeruch. Zehn Zuschauer stehen, sie schickt der Richter hinaus, „wer keinen Stuhl hat, muss gehen“. „Hier ist keine Öffentlichkeit gewahrt“, moniert ein Anwalt.Verteidigerinnen und Verteidiger wollen die Verlesung der Anklageschrift verhindern, diese sei rechtswidrig, aber das Gericht lehnt den Antrag ab. Und während eine Rechtsanwältin weiter schreit, beginnt die Staatsanwältin mit der Verlesung der 96 Seiten. Eine Frau und fünf Männer im Alter von 30 bis 43 Jahren sind angeklagt unter anderem wegen vorsätzlicher Insolvenzverschleppung, banden- und gewerbsmäßigem Betrug in 275 Fällen, vorsätzlichem Bankrott und Untreue.Folgt man der Anklage, so beruhte das Geschäftsmodell der Angeklagten auf einem Schneeballsystem: Verkaufsvertreter der Firma sollen den Kunden Verträge vorgelegt haben, in denen der Kauf einer Photovoltaik-Anlage inklusive Komplett-Service mit Beratung, Planung, Montage und Inbetriebnahme zugesichert worden sein soll. Die Anlage werde „zeitnah montiert“, sollen die Vertreter versprochen haben.Neues Strafjustizzentrum:Münchens gläserner Justizkoloss nimmt den Betrieb auf40 000 Quadratmeter Nutzfläche für 434 Millionen Euro: Nach zehn Jahren Bauzeit finden nun die ersten Verhandlungen im neuen Strafjustizzentrum statt – doch nicht alles läuft zum Start glatt.„Gemeint war damit jedoch lediglich die Montage der Solarmodule“, so steht es in der Anklage. Die Module wurden aufs Dach montiert und dann sollten die Kunden Teil- oder Komplettsummen begleichen, was einige auch getan haben sollen. Die restlichen Anlagen-Bestandteile wie Batterien oder Wechselrichter allerdings sollen nicht geliefert worden sein. Sprich: Die Kunden saßen auf Solarmodulen, die nie in Betrieb genommen werden konnten. Und mit dem gezahlten Geld sollen die Angeklagten unter anderem weitere Solarmodule bestellt und ausgeliefert haben.Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet, dass die sechs Angeklagten mehr als sechs Millionen Euro erst aus der einen, dann aus einer weiteren Firma gezogen hätten, um sich ein Luxusleben zu finanzieren. Eine 32-Jährige etwa kaufte sich ein Pferd, gab Unmengen an Geld für Tiktok-Livestreams aus, sie sowie auch die Männer brachten Geld in tschechischen Spielcasinos durch, einer kaufte nur Gucci-Kleidung, ein anderer hatte Ausgaben auf Gran Canaria. Selbst als die Firma bereits insolvent war, sollen die sechs weitergemacht haben. Zwei der Angeklagten sind einschlägig vorbestraft. Noch während ihr Strafverfahren lief, sollen sie laut Anklage eine neue Firma unter dem Namen einer Ehefrau gegründet haben.28 Verhandlungstage bis in den Dezember hinein hat die 5. Strafkammer für den Prozess eingeplant, in einem der „Dosen-Säle“.
München: Zustände im neuen Strafjustizzentrum - Schon in Woche zwei sind alle genervt
Eine Anwältin schreit, der Richter brüllt zurück, die Protokollführerin läuft weinend hinaus – und dann bricht vollends das Chaos im Sitzungssaal aus. Über die unzumutbaren Zustände im neuen Strafjustizzentrum.













