Prognose: 5,50 Meter. Als die Grafik der Pegelprognose für die Gemeinde Altenahr plötzlich in die Höhe schnellt, können Cornelia Weigand und ihre Kollegen ihren Augen kaum trauen. „Das hat zu nichts gepasst, was irgendeiner in den letzten drei Generationen kannte“, sagt sie. Am 14. Juli 2021 ist die heute 55-Jährige Bürgermeisterin von Altenahr. Gemeinsam mit den Experten der Feuerwehr kommt sie zu einem dramatischen Schluss. Sie ruft in der Kreisverwaltung an und sagt: „Wir brauchen den Katastrophenalarm. Wir werden Hubschrauber brauchen.“ Doch dort wird abgewiegelt. Man brauche noch mehr Informationen, heißt es.Es ist kurz nach 21 Uhr, als Weigand ihr Rathaus verlassen muss. Das Wasser steht da schon im Erdgeschoss. Auf dem großen Parkplatz unterhalb der Kirche von Altenahr ist es noch trocken. „Dann standen wir an einem einzigen Notlichtmast der Feuerwehr auf diesem Platz. Alles stockdunkel, die Kommunikation ist zusammengebrochen“, sagt Weigand. „Alle Feuerwehren haben sich gemeldet: Hier geht das Land unter, wir können nichts mehr machen. Die Leute sind auf den Dächern.“Wenn Weigand über die Nacht der Flutkatastrophe spricht, nimmt sie sich Zeit. „Wenn ich gedanklich zurückmuss, das ist immer ein bisschen schwierig“, sagt sie.180 Menschen sterbenDie Flutkatastrophe im Ahrtal war eine der größten und tödlichsten Hochwasserkatastrophen des Jahrhunderts in Europa. Allein im Kreis Ahrtal starben 135 Menschen. Eine Person wird bis heute vermisst, 700 Menschen wurden in der Nacht verletzt. Rund 17.000 Menschen verloren ihr gesamtes Hab und Gut, viele auch ihr Haus. Mehr als 9000 Gebäude wurden beschädigt oder komplett zerstört. Insgesamt kamen in der Flutkatastrophe im Juli 2021 mehr als 180 Menschen ums Leben. Es entstanden Schäden in Höhe von rund 33 Milliarden Euro.Noch fünf Jahre nach der Katastrophe bestimmt die Flut Cornelia Weigands Alltag. Als Bürgermeisterin habe sie nach einem besseren Hebel gesucht, „um mich für die Region einsetzen zu können“. Rund ein halbes Jahr nach der Flut kandidiert sie als Landrätin für den Kreis Ahrweiler und gewinnt deutlich. Als parteilose Kandidatin erhält sie mehr als 50 Prozent der Stimmen.Lokalpolitik unabhängig von einer ParteiWeigand ist eine Späteinsteigerin in die Politik. Die studierte Biologin arbeitete viele Jahre in der Wirtschaft. Zunächst bei einem Zahntechnikunternehmen in Liechtenstein. Nach sieben Jahren wechselte sie zu einem Großhändler für Medizinprodukte in der häuslichen Intensivpflege, wo sie eine Eigenproduktlinie entwickelte.Mittlerweile war Weigand zu ihrem Mann ins Ahrtal gezogen. Nach Jahren des Langstreckenpendelns wechselte sie aus der Wirtschaft in eine Behörde, zum Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn, rund 30 Kilometer entfernt von Altenahr. Jedoch kam ihr das breite Spektrum an unterschiedlichen Tätigkeiten und Möglichkeiten, das sie aus der Wirtschaft kannte, in der Behörde zu kurz.Diese Möglichkeit bot nun die Lokalpolitik. Ihr Motto dabei: „Wenn, dann richtig. Das heißt: Bürgermeisterin.“ 2019 wurde sie mit rund 60 Prozent der Stimmen gewählt, und das als parteilose Kandidatin. „Ich habe immer gesagt, ich möchte gern mit allen reden“, sagt sie. Es gehe darum, die zu finden, die Lust haben, mitzugestalten und Themen umzusetzen. Doch das Thema, das ihr weiteres Leben dominieren sollte, hatte sie dabei nicht auf dem Zettel: „Ein halbes Jahr später hat Corona losgelegt.“ Und nach dem zweiten Lockdown kam die Flut.Die größte Baustelle DeutschlandsHeute ist Weigand als Landrätin für den Wiederaufbau des Landkreises Ahrweiler verantwortlich. Sie selbst spricht häufig von der „größten Baustelle Deutschlands“. Eine der größten Herausforderungen sei es, dass es viele unterschiedliche Bauherren gebe: „ganz viele Private, viele Unternehmen, unterschiedliche Akteure in der öffentlichen Hand, die Gemeinden, wir als Kreis“.Nach fünf Jahren ist der private Aufbau ihr zufolge weitgehend abgeschlossen. Auch im wichtigsten wirtschaftlichen Feld der Region, dem Tourismus, gebe es Fortschritte. Viele Betriebe hätten nicht allzu lange eine Ausfallentschädigung erhalten und mussten deshalb auch schnell wieder Einnahmen erzielen, sagt Weigand.Und auch mit den großen Infrastrukturprojekten der Region gehe es voran. Als Positivbeispiel hebt die Landrätin die Ahrtalbahn heraus. Und tatsächlich: Die Bahnstrecke, die durch das Hochwasser komplett zerstört wurde, ist mittlerweile nicht nur komplett wieder aufgebaut, sondern sogar vollständig elektrifiziert. Darum gehe es bei vielen Projekten: „Wir wollen nach vorn schauen, und wir wollen zukunftsgerichtet aufbauen.“ Vor allem kommunale Bauten, Rathäuser, Feuerwehrhäuser, Schulen und Brücken sind noch längst nicht alle fertig.In fünf Jahren soll „das Allermeiste abgeschlossen sein“Aber wie lange bleibt das Ahrtal noch Deutschlands größte Baustelle? „Realistisch ist, dass in noch mal fünf Jahren das Allermeiste abgeschlossen sein wird“, prognostiziert Weigand. Völlig abgeschlossen werde der Wiederaufbau aber nie sein. Es gebe private Häuser, Bauruinen, die Menschen gehören, die teilweise nicht mehr in Deutschland leben. „Ob wir da jemals drankommen, weiß ich nicht“, sagt sie.„Es hat einige Fortschritte gegeben, und auch Verbesserungen“, bestätigt Jörn Birkmann, Leiter des Instituts für Raumordnung und Entwicklungsplanung an der Universität Stuttgart und Sprecher des Forschungsprojekts „Klima-Anpassung, Hochwasser, Resilienz“ (KAHR), das nach der Flut im Ahrtal ins Leben gerufen wurde. „Aber faktisch war es auch so, dass viele der Wiederaufbaugelder erst mal für den Wiederaufbau primär an gleicher Stelle genutzt wurden“, sagt Birkmann. Meist zahlten Versicherungen und der Aufbauhilfefonds des Bundes nur den Aufbau zerstörter Häuser und keine Neubauten an anderer Stelle. Ähnliches galt für kritische Infrastrukturen wie Feuerwehren und Schulen, von denen viele an derselben Stelle wieder aufgebaut wurden. „Das macht nicht allzu viel Sinn“, kritisiert Birkmann.„Eigentlich müsste es schneller gehen“Abgesehen von den Standorten sieht Birkmann große Unterschiede zwischen einzelnen Gemeinden und Städten, was das Tempo des Wiederaufbaus und die Professionalität anbelangt. In größeren Städten wie Bad Neuenahr-Ahrweiler sei der Aufbau deutlich weiter als in kleineren Gemeinden.„Eigentlich müsste es schneller gehen“, sagt auch Andrea Stenz, IHK-Regionalgeschäftsführerin in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Gerade die wichtige Tourismusbranche sei noch nicht wieder auf dem Niveau von vor Corona und der Flut.Das größte Thema sei dabei die Infrastruktur. Hier gebe es noch viel zu tun. Aber sie verweist zugleich auf positive Entwicklungen: „Dass die Ahrtalbahn zurückgekommen ist und mit einer beispiellosen Geschwindigkeit die Schienen verlegt hat, ist ein ganz wichtiges Zeichen gewesen.“ Jetzt könnten Touristen wieder einfacher ins Ahrtal fahren. Stenz’ Bilanz: „Es ist sicherlich schon viel erreicht, und es gibt wirklich Unternehmer, die hier mit einem beispiellosen Mut und einer Vision vorangegangen sind, weil sie an das Tal glauben. Nichtsdestotrotz gibt es noch vieles, was getan werden muss.“Hieran mangelt esEin wichtiger Aspekt kommt den Verantwortlichen zu kurz – die Hochwasservorsorge. Es ist schlicht zu wenig Geld verfügbar. Vor knapp drei Wochen hat Weigand zusammen mit den Landräten der Vulkaneifel und Euskirchens einen offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz geschrieben. Darin fordern sie die Öffnung des Aufbauhilfefonds für die Finanzierung von Hochwasserrückhaltebecken. Auf eine Antwort des Kanzlers warten sie bis heute vergeblich.Gerade an der Mittelahr, in Gemeinden wie Altenahr, sei gar nicht genug Platz, um sich ausreichend auf ein Hochwasser wie das von 2021 vorzubereiten. „Da brauchen wir mehr Schutz“, sagt sie. Um 17 Hochwasserrückhaltebecken zu errichten, fielen Kosten von circa 1,5 bis 2 Milliarden Euro an. Theoretisch sei dafür noch genug Geld im Fonds vorhanden, der ursprünglich 30 Milliarden Euro schwer war. Doch aktuell darf das Geld nur dort eingesetzt werden, wo etwas zerstört wurde.Das kritisiert auch Entwicklungsplaner Birkmann. Er stimmt Weigands Plan von Hochwasserrückhaltebecken zu, „wenn die Dimensionierung stimmt“. Manche der Becken seien sehr groß geplant. Das Öffnen des Aufbaufonds befürwortet der Fachmann dennoch. Aktuell habe sich eine Tendenz eingeschlichen, vor allem Objektschutz an Gebäuden zu stärken. „Aber wir brauchen eben ein bisschen mehr“, sagt er. „Es wäre schade, wenn wir jetzt fast 30 Milliarden ausgegeben haben, und wir haben keinen harten, höheren Schutzstandard.“Ein Fazit, das auch Cornelia Weigand sicherlich unterschreiben würde. Ihr oberstes Ziel: „Mir ist wichtig, dass die Menschen und die Region hier eine Chance auf eine gute Zukunft haben.“