Illustration Olivia Fischer / NZZBevor dieses Nadelöhr des Welthandels wieder vollständig offen ist, müssen iranische Seeminen geräumt werden. Europa will helfen. Doch ob die Räumungsaktion gelingt, hängt von vielen Faktoren ab.Julia Monn, Olivia Fischer (Grafik)14.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIn der Meerenge zwischen Iran und der Arabischen Halbinsel steht der Verkehr seit Monaten weitgehend still. Die USA greifen Iran an, Teheran antwortet mit Attacken auf Tanker in der Meerenge und Ziele in den Golfstaaten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zwar hat das Abkommen für Friedensverhandlungen, welches die beiden Kriegsparteien vor vier Wochen unterzeichnet haben, die Situation zunächst entschärft. Doch nach den jüngsten Angriffen steht das Abkommen erneut auf der Kippe. Nur wenige Schiffe trauen sich deshalb durch das Nadelöhr. Vor Kriegsbeginn passierten es im Schnitt täglich über 100 Schiffe, seit das Abkommen gilt, sind es im Schnitt 30.Doch erst wenn die Kampfhandlungen dauerhaft enden, kann das nächste Problem gelöst werden. Denn Iran hat laut Angaben der iranischen Revolutionswächter ein Minenfeld in der Strasse von Hormuz gelegt. Es soll sich ausserhalb des eigenen Hoheitsgebiets und genau dort befinden, wo die meisten Handelsschiffe vor dem 28. Februar durchfuhren.Das hat dazu geführt, dass die wenigen Schiffe, welche die Meerenge passieren, eine der zwei Routen nutzen. Eine führt durch iranisches Hoheitsgebiet entlang der Insel Qeshm. Dort hat das Regime ein Mautsystem etabliert, das auch künftig gelten soll. Eine zweite Route verläuft entlang der omanischen Küste in der Wirtschaftszone des Sultanats. Diese streift allerdings potenziell vermintes Gebiet.Vor die Wahl gestellt, dem iranischen Regime für freies Geleit Geld zu zahlen oder eine Explosion zu riskieren, warten die meisten Reedereien lieber auf die vollständige Minenräumung. Diese obliegt gemäss dem Abkommen für Friedensverhandlungen aber einzig den Iranern und hätte innert 30 Tagen erfolgen sollen. Die Frist ist bereits verstrichen, Iran hat bisher keine Anstalten zur Räumung gemacht und jüngst auch eine internationale Operation mit Beteiligung Grossbritanniens, Frankreichs und Deutschlands als «Provokation» bezeichnet, da eine solche nicht Teil des Abkommens sei.Diese Arten von Unterwasserminen gibt esDerweil ist unklar, wie viele Minen Iran tatsächlich in der Strasse von Hormuz gelegt hat. Das Land verfügt laut Schätzungen über ein Arsenal von 5000 bis 6000 Seeminen verschiedenster Typen.Jüngst schätzte der Branchenverband Intertanko, dass Iran rund 80 Minen erfolgreich gelegt hat. Dies, obwohl amerikanische Streitkräfte wiederholt versucht haben, iranische Schnellboote und Minenleger beim Legen weiterer Minen zu stoppen. Laut amerikanischen Angaben soll es sich bei den Minen vorwiegend um Ankertauminen des Typs Maham 3 oder Grundminen des Typs Maham 7 handeln. Diese sind mit 120 beziehungsweise 150 Kilogramm schweren Sprengkörpern ausgestattet.Seeminen zu legen, ist eine Frage von Minuten. Sie wiederzufinden und zu zerstören, kann Wochen oder Monate dauern. Experten gehen von einem Zeitraum zwischen 40 Tagen und 6 Monaten aus. Von den enormen Kosten ganz zu schweigen. In der amerikanischen Zeitschrift «Fortune» beziffert Scott Savitz, Seekriegsexperte bei der Denkfabrik Rand, die Kosten für die Beseitigung einer Seemine auf das bis zu Tausendfache der Kosten ihrer Verlegung. Während eine Seemine etwa 1500 Dollar kostet, kann ihre Räumung entsprechend bis zu 1,5 Millionen Dollar verschlingen.So werden Minen gesucht und entschärftZuerst muss jedoch klar sein, wo die Seeminen überhaupt liegen. Dass Iran ihre Positionen genau kartografiert hat – und diese Daten mit den USA oder europäischen Helfern teilt –, ist keineswegs sicher. Deshalb braucht es allein für das Finden der Seeminen mehrere Schiffe, Unterwasserdrohnen und Spezialgerät. Ob Iran dazu beitragen will, ist offen.Die USA, aber auch Deutschland, Frankreich und Grossbritannien sind für diverse Räumungsoperationen ausgestattet. Technisch unterscheiden Fachleute dabei zwischen Minenräumung, Minenjagd und Minentauchen.Bei der Minenräumung werden kleinere Boote eingesetzt. Mit Magnetspulen und Lautsprechern simulieren sie die Schall- und Magnetsignatur grösserer Schiffe und lösen Seeminen gezielt aus. Doch restlos zuverlässig ist diese Methode nicht. Weil einzelne Minen unentdeckt bleiben können, besteht ein Restrisiko, das Reedereien in der Strasse von Hormuz – und vor allem ihre Versicherer – kaum tragen dürften. Deshalb gilt ein solcher Einsatz als eher unwahrscheinlich.Effektiver ist die Minenjagd. Sie findet aus der Luft oder von Schiffen aus statt. Ankertauminen lassen sich oft aus der Luft aufspüren. Minenjagdhelikopter mit einem speziellen Sonarsystem orten verdächtige Objekte unter der Wasseroberfläche und setzen anschliessend eine Unterwasserdrohne mit hochauflösender Kamera aus. Bestätigt sie den Verdacht, wird die Seemine mit einer Sprengladung unschädlich gemacht.Für Minen am Meeresgrund reicht das jedoch nicht. Dann kommen Minenjagdboote zum Einsatz.Minenjagdboote bestehen aus möglichst nichtmagnetischen Materialien wie glasfaserverstärktem Kunststoff oder nichtmagnetisierbarem Stahl. So verringern sie ihre magnetische Signatur und senken das Risiko, Minen auszulösen. Sie fahren langsam, folgen gleichmässigen Mustern und scannen den Meeresgrund mit Sonar im Rumpf. Schlägt es bei einem verdächtigen Objekt an, prüfen autonome Unterwasserfahrzeuge den Fund. Ist es eine Seemine, schicken die Einsatzkräfte eine ferngelenkte Unterwasserdrohne los, die sie per Sprengladung zerstört. Damit alle Minen zuverlässig erkannt werden, erfolgt dieser Vorgang mehrfach.Wo technische Mittel an ihre Grenzen stossen, übernehmen Minentaucher. Das ist etwa der Fall, wenn eine Mine beispielsweise zu nah an einem Hafen, Pipelines oder Unterwasserkabeln liegt oder nicht eindeutig identifizierbar ist. Mit Handsonar orten und überprüfen die Taucher dann die Seemine und sprengen sie.Warten auf das «Go»Deutschland, Frankreich und Grossbritannien stehen bereit, mit ihren Minenräumern in die Strasse von Hormuz einzufahren. Das haben die Länder in dieser Woche noch einmal bekräftigt.Deutschland hat das Minenjagdboot «Fulda» bereits in die Region entsandt. Frankreich hat drei Minenjagdboote durch den Suezkanal ins Rote Meer verlegt, Grossbritannien ein weiteres. Unklar ist, welche Mittel die USA bereitstellen würden. Schon im März haben die Amerikaner sogenannte «littoral combat ships» (Schiffe für küstennahe Gefechtsführung), die über eine spezielle Anti-Minen-Ausrüstung verfügen, aus dem Nahen Osten in den Pazifik abgezogen, wo sie sich noch immer befinden.Und selbst dann braucht es die Kooperation Irans. Damit Minenjäger überhaupt operieren können, muss der Beschuss eingestellt werden. Denn Minenjagdboote und -helikopter haben nur begrenzte Selbstverteidigungsfähigkeiten und sind auf militärischen Schutz angewiesen. Die Kriegsparteien müssten sich deshalb auf ein sicheres Zeitfenster einigen, damit der Welthandel langsam wieder in Fahrt kommen kann.Passend zum Artikel
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