Steht Kuba vor einem Regimewechsel? Was uns die Geschichte lehrtDie Vergangenheit Kubas zeigt wichtige Unterschiede zu den meisten anderen lateinamerikanischen Staaten. Sie sind bei einer Beurteilung der Zukunftsperspektiven des Landes zu berücksichtigen.Werner J. Marti14.07.2026, 05.27 Uhr7 LeseminutenFidel Castro (rechts) und sein Bruder Raúl im Mai 1978. Bis zu seinem Tod im Jahr 2016 sollte Fidel Castro 49 Jahre lang die Entwicklung Kubas prägen.François Lochon / Gamma-Rapho / GettyMit seiner Blockade der Erdöl- und Erdgaslieferungen an Kuba strebt Donald Trump einen Regimewechsel auf der Insel vor Florida an. Seit Januar hat er den Druck auf das Regime in Havanna laufend erhöht. Am 23. April wurde Raúl Castro, der 95-jährige Bruder von Fidel Castro und heute die graue Eminenz in Havanna, von den amerikanischen Justizbehörden angeklagt. Er wird für den Abschuss von zwei Flugzeugen einer Organisation von Exilkubanern im Februar 1996 verantwortlich gemacht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Anklage eröffnet die Möglichkeit, dass die Amerikaner – ähnlich wie bei ihrer Militäraktion gegen den venezolanischen Diktator Nicolás Maduro – versuchen könnten, Castro festzunehmen und in die USA zu bringen. Der amerikanische Aussenminister und Berater für nationale Sicherheit Marco Rubio hat Kuba zu einer Bedrohung für die nationale Sicherheit der USA erklärt und eine militärische Intervention zum Sturz des Regimes nicht ausgeschlossen, falls die gegenwärtig laufenden Verhandlungen mit Havanna nicht zum Ziel führen sollten.Zur Beurteilung der Möglichkeiten für die weitere Entwicklung des Landes nach einem von den Amerikanern herbeigeführten Regimewechsel lohnt sich ein Blick auf seine Geschichte vor Fidel Castros Revolution von 1959.Besonders zwei Punkte sind dabei augenfällig und heben Kuba von den meisten übrigen Ländern des spanischsprachigen Lateinamerika ab. Erstens: Kuba stand immer in starker Abhängigkeit von einer grösseren Macht, zuerst von Spanien, dann von den USA und nach 1959 von der Sowjetunion. Zweitens: Das Land hat bis heute kaum demokratische Erfahrung. Die kurze republikanische Periode in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war chaotisch. Politische Gewalt war weit verbreitet, und ein stabiles Parteiensystem existierte nicht.Sklavenwirtschaft unter dem Schutz der SpanierDas freiheitliche Gedankengut der Aufklärung und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung breitete sich Ende des 18. Jahrhunderts auch im spanischen Kolonialreich in Lateinamerika aus. Mit der Invasion Napoleons in Spanien 1808 war die Kolonialmacht so stark geschwächt, dass die Zeit gekommen war für die lateinamerikanischen Unabhängigkeitskämpfer. Nach über zehn Jahre dauernden Kriegen errangen die neu entstandenen Länder auf dem lateinamerikanischen Festland zu Beginn der 1820er Jahre ihre Unabhängigkeit.Im ebenfalls zum spanischen Kolonialreich gehörenden Kuba jedoch nahm die Unabhängigkeitsbewegung zu dieser Zeit nie wirklich Fahrt auf. Der Inselcharakter erleichterte den Spaniern die Abschottung gegen revolutionäre Einflüsse von aussen. Vor allem aber dominierte ein anderes Ereignis als die amerikanische Unabhängigkeit die politischen Vorstellungen der weissen Kubaner: die Sklavenrevolution in Haiti. 1791 brach in der reichen französischen Kolonie ein Sklavenaufstand aus, der nach jahrelangen Kämpfen 1804 zu einer unabhängigen Republik der Schwarzen führte. Die Plantagen wurden unter den Schwarzen aufgeteilt, die Weissen wurden ermordet, soweit sie nicht rechtzeitig geflohen waren.In Haiti brach 1791 ein Sklavenaufstand aus, der 1804 zu einer unabhängigen Republik führte.Aaron Martinet / Alphonse-Charles Masson; PDViele Weisse aus Haiti bauten in Kuba eine neue Plantagenwirtschaft auf. An der Stelle von Haiti wurde nun Kuba zum grössten Zuckerproduzenten der Welt. Die Insel genoss ein starkes Wirtschaftswachstum, was die Unzufriedenheit mit der spanischen Herrschaft dämpfte. In einer Zeit, als im britischen Weltreich der Sklavenhandel verboten wurde, ermöglichte Spanien eine kontinuierliche Zufuhr von Sklaven für das Plantagensystem. Rund eine halbe Million Sklaven wurden nach Kuba gebracht, fast die Hälfte der damaligen Bevölkerung.Die Erinnerung an die Sklavenrevolution in Haiti verhinderte lange einen Unabhängigkeitskampf der kubanischen Eliten gegen die Spanier. Die Angst vor einem ähnlichen Aufstand der Schwarzen prägte lange die Politik auf der Insel. Bei einer Rebellion gegen die spanischen Kolonialherren bestand die Gefahr, dass ein Zusammenbruch der Ordnung in eine Revolte der Schwarzen münden könnte. Ein spanischer Minister sagte deshalb einmal, die Furcht der Kubaner vor den Schwarzen sei so viel wert wie eine Armee von 100 000 Mann, um die Kolonialherrschaft auf Kuba zu sichern.US-Protektorat statt Unabhängigkeit1868 sprang der Funke des Unabhängigkeitskampfes trotzdem auf Kuba über. Das sklavenbasierte Plantagensystem war immer anachronistischer geworden. Reformwillige Plantagenbesitzer erhoben sich gegen die Spanier. Nach einem zehnjährigen zerstörerischen Krieg legten sie die Waffen nieder, nachdem ihnen die Spanier Reformen zugesichert hatten. 1886 wurde die Sklaverei in Kuba abgeschafft.Zwanzig Jahre nach dem ersten Unabhängigkeitskrieg war ein zweiter Versuch zur Loslösung von Spanien schliesslich erfolgreich. Diesmal ging die Initiative von der kubanischen Exilgemeinde in den USA aus, angeführt vom Schriftsteller, Journalisten und politischen Theoretiker José Martí. Martí, der heute von den Kubanern über alle ideologischen Gräben hinweg als Vater der Unabhängigkeit verehrt wird, schwebte eine unabhängige demokratische Republik mit Rassengleichheit vor. Er war ein glühender Gegner einer Vereinigung mit den USA, die von einem Teil der kubanischen Elite angestrebt wurde. Früh warnte Martí vor imperialen Plänen der USA mit Bezug auf Kuba.Die Kubaner erhoben sich Ende des 19. Jahrhunderts gegen die spanischen Kolonialherren, unter ihnen der Schriftsteller José Martí mit seinen Anhängern.Photo12/ImagoMartí und mit ihm verbündete Unabhängigkeitskämpfer landeten im Frühjahr 1895 auf Kuba und begannen einen Guerillakampf gegen die Spanier. Zwar fiel Martí bereits wenige Monate später in einem spanischen Hinterhalt, doch die Spanier konnten die Rebellion nicht niederschlagen. Die Früchte des Aufstands sollten allerdings vorerst nicht die Kubaner, sondern die Amerikaner ernten. Als ein Sieg der Aufständischen absehbar war, erklärten die USA im Februar 1898 den Spaniern den Krieg und landeten selber mit Truppen auf Kuba. Sie wollten verhindern, dass weniger als hundert Kilometer südlich von Florida ein gefährliches Chaos ausbrach, und hofften, ihren Einflussbereich so ausweiten zu können. Im Dezember 1898 trat Spanien Kuba an die USA ab.Diktatur von Machado und BatistaDie Amerikaner errichteten eine Militärregierung mit Vertretern der kubanischen Exilgemeinde in den USA. Als sie im Dezember 1900 Wahlen für eine verfassunggebende Versammlung organisierten, siegten die Vertreter einer sofortigen Unabhängigkeit. 1902 zogen sich die amerikanischen Truppen zurück. Doch sie hatten sich zuvor weitgehende Rechte zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten Kubas gesichert. In dem den Kubanern aufgezwungenen Platt Amendment zur kubanischen Verfassung legten sie unter anderem fest, dass Kuba für Abkommen mit Drittstaaten die Einwilligung der USA einholen musste. Ausserdem mussten die Kubaner ihre öffentlichen Finanzen von den USA überwachen lassen, und die Amerikaner bedingten sich das Recht aus, jederzeit militärisch in Kuba zu intervenieren, wenn sie dies für notwendig hielten.Die Haltung der USA gegenüber den Kubanern brachte der amerikanische Senator Henry Cabot Lodge gut zum Ausdruck: «Niemand will sie annektieren, aber die allgemeine Auffassung ist, dass man sie am Kragen packen und schütteln sollte, bis sie sich benehmen», schrieb er 1906. Die Amerikaner hatten klare eigene Interessen, weshalb sie in der kubanischen Politik mitbestimmen wollten. Grosse finanzielle Mittel flossen aus den USA nach Kuba zum Wiederaufbau des vom Unabhängigkeitskrieg zerstörten Landes. Bis 1905 hatten bereits mehr als 13 000 US-Bürger Land auf Kuba erworben, und bald waren 60 Prozent der Farmen in der Hand von Amerikanern.Die kubanische Innenpolitik wurde nun durch interne Machtkämpfe geprägt sowie durch die Amerikaner, die von den konkurrierenden politischen Kräften als Schiedsrichter angerufen wurden. Dreimal kehrten die Amerikaner mit Truppen auf Kuba zurück: von 1906 bis 1909, 1912 und von 1917 bis 1921. Ab 1925 etablierte sich darauf in Kuba definitiv eine autoritäre Regierungsform unter zwei aufeinanderfolgenden Machthabern. Gerardo Machado und Fulgencio Batista dominierten die Politik des Landes im Stile lateinamerikanischer Caudillos.Das Kapitol in Havanna. Trotz den architektonischen Anlehnungen an die Demokratie setzte sich in Kuba nach der Revolution eine autoritäre Regierung durch.Richard und Gloria Maschmeyer / ImagoDas Platt Amendment wurde 1934 im Zeichen der Good Neighbor Policy des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt aufgehoben. Das Land wurde damit in eine echte politische Unabhängigkeit entlassen. Wirtschaftlich dominierten aber die amerikanischen Interessen die Insel weiter, bis Castros Revolution Kuba in die Arme der Sowjetunion trieb.Vor einer neuen amerikanischen DominanzSelbstverständlich können die historischen Erfahrungen Kubas aus der Zeit vor 1959 nicht einfach auf die heutige Situation übertragen werden. Trotzdem lassen sich daraus Schlüsse ziehen, die auch für ein postkommunistisches Kuba relevant sein werden.Fast siebzig Jahre kommunistischer Herrschaft haben verhindert, dass sich auf Kuba eine lebensfähige politische Opposition entwickeln konnte. Ebenso wenig kann das Land heute auf eine demokratische Tradition aus der Zeit davor zurückgreifen. In den gut fünfzig Jahren zwischen der formalen Unabhängigkeit von 1902 und der Revolution von 1959 hat sich nie eine funktionsfähige Demokratie entwickelt.Der Aufbau echter demokratischer Strukturen wird deshalb in Kuba einige Zeit in Anspruch nehmen. Das Land ist nicht vergleichbar mit Venezuela, das auf rund fünfzig Jahre regelmässiger demokratischer Machtwechsel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückblicken kann. Venezuela besass damals ein stabiles Zweiparteiensystem. Auch unter der Diktatur von Nicolás Maduro haben sich im Gegensatz zu Kuba starke Oppositionsparteien erhalten.Nach einem Sturz des kommunistischen Regimes dürfte Kuba zudem in eine ähnliche Abhängigkeit von den USA geraten wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wie nach dem Unabhängigkeitskrieg liegt das Land darnieder. Grosse finanzielle Mittel werden notwendig sein, um die Infrastruktur aufzubauen und eine kompetitive Wirtschaft zu schaffen. Finanzkräftige Exilkubaner und andere Geldgeber aus den USA warten darauf, in Kuba investieren zu können. Das wird bedeuten, dass die USA auch politisch Einfluss nehmen wollen auf der Insel. Denn nur so können sie garantieren, dass die amerikanischen Investitionen sicher sind.In gewisser Hinsicht dürfte sich damit die Situation aus der Zeit nach der kubanischen Unabhängigkeit wiederholen. Wie auch immer das kommunistische Regime zu seinem Ende kommt, die Amerikaner dürften sich auf längere Zeit – gewollt oder ungewollt – intensiv in Kuba engagieren müssen.Passend zum Artikel