Nach Venezuela und Iran nun Kuba? «Die Chancen stehen 50 zu 50», sagt ein Lateinamerika-ExperteEine Auslieferung Raúl Castros an die USA gilt als unwahrscheinlich. Sollte der 95-jährige Ex-Präsident jedoch sterben, könnten Progressive innerhalb des Regimes den Dialog mit Washington suchen.27.05.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenVersorgungskrise in Havanna: Den Kubanern fehlen Lebensmittel und Medikamente.Jorge Luis Banos / APDer amerikanische Aussenminister Marco Rubio schlug vergangene Woche in einer spanischsprachigen Rede zum kubanischen Unabhängigkeitstag vor, die Beziehungen zwischen Washington und Havanna neu aufzurollen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Das war eine direkte Botschaft an das kubanische Volk: Veränderung kommt», meint Andy S. Gomez, emeritierter Professor an der University of Miami und ein führender Kuba-Kenner.Der 71-Jährige wurde auf der Insel geboren. Gemeinsam mit seinen Eltern wanderte er wenige Tage vor der gescheiterten, von den USA unterstützten Invasion in der Schweinebucht im Jahr 1961 nach Venezuela aus. Später zog er in die USA.Welche Optionen er für die Trump-Regierung im Umgang mit dem kubanischen Regime sieht, erläutert der Professor im Gespräch mit der NZZ.Herr Gomez, wie geht es derzeit den Menschen auf Kuba? Trotz jahrzehntelangen Sanktionen der USA ist es bisher nicht gelungen, einen Regimewechsel in Havanna einzuleiten.Der zusätzliche Druck auf das Regime führt leider dazu, dass das kubanische Volk leidet, nicht die Führungsriege.Ist ein Aufstand denkbar?Eine Massnahme von Fidel Castro war aus seiner Sicht sehr klug: Er stellte sicher, dass die Bevölkerung nicht bewaffnet ist. Es ist sehr schwierig, mit Steinen und Stöcken gegen die Regierung zu kämpfen.Dr. Andy S. Gomez, vormals Professor an der University of Miami.PDWie unterscheidet sich Raúl Castro, der ehemalige Präsident Kubas und die heutige graue Eminenz des Regimes, von seinem Bruder? Fidel Castro war Anführer der Revolution, ist aber 2016 verstorben.Raúl Castro wollte diesen Job eigentlich nie wirklich. Er ist völlig anders als Fidel. Fidel liebte das Rampenlicht, liebte lange Reden. Raúl Castro ist sehr zurückgezogen, arbeitet eher hinter den Kulissen. Raúl Castro versuchte gewissermassen, die kubanische Regierung neu zu organisieren, denn solange Fidel lebte, lief in Kuba alles so, wie Fidel es wollte. Als Raúl Castro an die Macht kam, gewann die Kommunistische Partei wieder an Einfluss. Die Nationalversammlung hat nun – statt nur Beschlüsse durchzuwinken – Ausschüsse, die über Themen tatsächlich diskutieren.Derzeit wird die Wirtschaft der Insel vom Militär über das Gaesa-Imperium gesteuert. Laut Aussenminister Rubio kontrolliert es etwa 70 Prozent der kubanischen Wirtschaft.Gaesa wurde mit dem Ziel gegründet, Geld und Investitionen nach Kuba zu bringen und nicht nur der Regierung, sondern auch dem kubanischen Volk zugutekommen zu lassen. Doch im Laufe der Jahre ist genau das nicht passiert. Es profitiert nur die Führungselite.Wie veränderte sich der Machtapparat nach dem Ableben von Fidel Castro?Nach Fidels Tod stellte Raúl sicher, dass alle Fidelistas aus Machtpositionen entfernt wurden. Die Generäle der alten Garde starben nicht nur altersbedingt weg. Heute besteht der innere Kreis ausschliesslich aus Raulistas. Deshalb ist Kuba sehr anders als Venezuela.Und wirtschaftlich?Die sozioökonomischen Bedingungen in Kuba sind schlimmer als je zuvor. Und ich spreche regelmässig mit Menschen auf Kuba.Die USA haben die Erdöllieferungen gestoppt. Wie wirkt sich das auf die Menschen aus?Nun, es geht nicht nur um Öl. Die Kraftwerke sind so veraltet, dass eines bereits explodiert ist, als man Öl hineingepumpt hat. Die Elektrizitätswerke werden sehr bald ihren Betrieb einstellen. Es gibt einen enormen Mangel an Lebensmitteln, Wohnraum und Medikamenten. Die Bedingungen könnten kaum schlimmer sein.Wie beurteilen Sie das amerikanische Vorgehen gegen Raúl Castro? Gemäss Anklage soll er hinter dem Abschuss von zwei Flugzeugen im Jahr 1996 stehen.Man will zusätzlichen Druck auf die kubanische Regierung ausüben, damit sie in irgendeiner Form nachgibt. Aber wir müssen abwarten. Ich glaube nicht, dass irgendjemand Raúl Castro an die Vereinigten Staaten ausliefern wird.Welche wirtschaftlichen Massnahmen könnten den Kubanern jetzt helfen?Die Unternehmensgruppe Gaesa zu zerschlagen und ihre Güter und Vermögenswerte zum Nutzen des kubanischen Volkes einzusetzen, wäre eine Lösung. Aber ich erachte das als unwahrscheinlich. Die Kubaner haben 2019 ihre Verfassung geändert, um ausländische Investitionen zuzulassen, aber ihre Gesetze nicht geändert, um diese Investitionen zu schützen. Wenn ich mit Anwälten spreche, die nach Kuba gereist sind, um mit der Regierung über Investitionen zu verhandeln, sagen sie, dass die Risiken weiterhin grösser seien als die Chancen. Und ich kann Ihnen sagen: Es gibt viele grosse kubanisch-amerikanische Unternehmen, die eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau Kubas spielen könnten. Aber sie sind immer noch wegen mangelnder Rechtssicherheit bei Investitionen sehr zurückhaltend.Wie gehen Politiker in Washington mit der Kuba-Frage um?Derjenige, der die Sache sehr gut versteht, ist Aussenminister Rubio. Er ist selbst Kubano-Amerikaner, hat sein ganzes Leben in Miami gelebt. Ich kenne ihn, und er hat ein sehr gutes Team.Wer hat derzeit in Havanna tatsächlich das Sagen? Raúl Castro wird bald 95 Jahre alt. Fehlt dem Regime sowohl politischer Nachwuchs als auch ein offensichtlicher Nachfolger Castros?Ich kann Ihnen nicht sagen, wer Raúl Castro ersetzen wird. Wenn er morgen stirbt, wird es wahrscheinlich jemand aus dem Militär sein, aber ich könnte Ihnen nicht sagen, wer genau.Die Elite bleibt an der Macht, die Bevölkerung leidet: Fotos des kubanischen Präsidenten Miguel Díaz-Canel sowie von Raúl und Fidel Castro, in Havanna im Mai 2026.Ramon Espinosa / APWelche Optionen hat die US-Regierung im Umgang mit der Machtelite in Havanna?Werden wir Kuba bombardieren wie Iran? Das wäre viel einfacher. Sie haben nur 50 000 Soldaten. Die Militäreinrichtungen und das Innenministerium wären die ersten Ziele. Wie mir einige desertierte Militärs hier in Miami gesagt haben, würden viele Soldaten wahrscheinlich ihre Uniformen ausziehen und nach Hause laufen. Aber was passiert dann? Kontrollieren wir dann Kuba? Es ist kompliziert. Wir befinden uns nicht mehr im «Nation building»-Modus. Und ich denke, sowohl Demokraten als auch Republikaner erkennen inzwischen, dass man amerikanische Demokratie nicht einfach in die Welt exportieren und erwarten kann, dass sie funktioniert.Wie schätzen Sie die Chance eines friedlichen Übergangs zu einer demokratischen Regierung auf Kuba ein?Die einzige Phase, in der Kuba eine Demokratie war – wenn auch eine sehr fragile –, war zwischen 1940 und 1952. Kuba hat also keine lange demokratische Tradition.Befindet sich die kubanische Opposition ausschliesslich im Exil?Wenn wir Venezuela als Beispiel nehmen: In Kuba gibt es keine Oppositionsführerin wie María Corina Machado. Die meisten Oppositionellen Kubas leben hier in den Vereinigten Staaten oder verstreut über die Welt.Ein Grossteil der kubanischen Diaspora lebt im amerikanischen Gliedstaat Florida. Wie setzt sich diese zusammen?Die historische Exilgemeinschaft – die Generation meiner Eltern – ist inzwischen verstorben. Meine Generation, die grösstenteils in Kuba geboren wurde und jung hierherkam, leidet unter dem, was ich «Kuba-Müdigkeit» nenne. Wir haben das Thema satt. Viele meiner Freunde wollen gar nicht mehr darüber sprechen. Ich würde eines Tages gerne an der Universität von Havanna lehren, aber in unserem Alter werden die meisten meiner Freunde nicht nach Kuba zurückkehren – vielleicht zu Besuch, aber nicht, um dort zu leben. Die Annehmlichkeiten, welche die Vereinigten Staaten bieten, angefangen beim Gesundheitssystem, sind einfach zu gross. Es wird lange dauern, solches in Kuba aufzubauen.Und die Jüngeren?Wenn man mit der Generation meiner Töchter und ihrer Ehemänner spricht, dann haben sie keine Ahnung. Absolut keine Ahnung. Und dann gibt es noch 30 Prozent der kubanisch-amerikanischen Gemeinschaft hier in Miami, die erst vor kurzem angekommen sind. Sie haben noch Familien und Freunde in Kuba. Das sind diejenigen, die nach einem Regimewechsel möglicherweise irgendwann zurückgehen würden. Sie reisen hin und her, wenn auch heute weniger. Sie gehören aber eher zum unteren sozioökonomischen Spektrum der kubanisch-amerikanischen Gemeinschaft in Südflorida.Glauben Sie, dass es innerhalb der kubanischen Regierung pragmatische Politiker gibt, die auf eine Entspannung drängen?Solange Raúl Castro an der Macht ist, wird das nicht passieren. Und ich glaube nicht, dass er freiwillig gehen wird. Das Gewicht Fidel Castros lastet zu schwer auf seinen Schultern. Er wird die Insel nicht verlassen. Sobald er stirbt, könnten die progressiveren Kräfte innerhalb der Regierung aber wohl dazu bereit sein, mit den Vereinigten Staaten zu verhandeln und diesen Prozess zu beginnen.Müsste ein möglicher Nachfolger aus dem Militär stammen – oder könnte auch ein Zivilist die Führung übernehmen?Es gibt heute Generäle, die nicht an der kubanischen Revolution teilgenommen haben. Deshalb hoffe ich, dass das Militär nach Raúl Castro noch eine gewisse Zeit die Kontrolle behält, weil das ein gewisses Mass an Sicherheit bietet – besonders für die Vereinigten Staaten. Wenn jemand ausserhalb des Militärs die Macht übernähme, könnte dies Chaos auslösen. Wenn sich die Situation allerdings so entwickelt, dass Raúl Castro stirbt und ein Hardliner aus dem Militär seine Nachfolge antritt, dann sehe ich die Möglichkeit eines Bruchs innerhalb des Militärs.Welche Rolle spielen Russland und China, die durch ihre kommunistische Vergangenheit mit Kuba verbunden sind? Könnten sie ihre Präsenz und ihren Einfluss auf der Insel ausbauen?Wegen dieser Gefahr geben die USA ihren alten, heruntergekommenen Stützpunkt in Guantánamo nicht auf. Denn ich nehme an, dass wir innerhalb von dreissig Tagen russische Schiffe sehen werden – und dann wird das Problem noch grösser.Wie hängt das Kuba-Problem mit anderen geopolitischen Fragen zusammen?Wie wollen wir den Chinesen sagen, dass sie Taiwan nicht angreifen dürfen? Oder Putin daran hindern, weitere Staaten zurückzuerobern, die einst zur Sowjetunion gehörten?Glauben Sie, dass China und Russland viel zu verlieren hätten, wenn die Regierung in Havanna zusammenbräche?Ich habe Russland immer eher als politisch motiviert betrachtet, während China mehr an wirtschaftlicher Macht interessiert ist. Aber was mich beunruhigt, ist die Möglichkeit, dass China die Entsendung amerikanischer Truppen nach Kuba als Gelegenheit nutzen könnte, Taiwan zu übernehmen. Für Russland hat sich die Ukraine als deutlich zäherer Gegner erwiesen als ursprünglich erwartet. Die Russen haben viel militärisches Gerät und Soldaten verloren. Deshalb sehe ich nicht, dass China oder Russland sich direkt in Kuba engagieren würden.Wird Washington gegen Kuba vorgehen, während die USA noch in den Krieg mit Iran verwickelt sind?Gute Frage. Wir haben die militärischen Fähigkeiten. Ausserdem verfügen wir über grosse Militärstützpunkte in Florida. Man muss nicht viel Ausrüstung verlegen. Diese steht schon direkt vor der Haustür.Oder wird Washington zuerst versuchen, den Konflikt im Nahen Osten zu lösen, und sich erst danach Kuba zuwenden?Angesichts der niedrigen Zustimmungswerte von Präsident Trump – nicht nur wegen Iran – würde ich sagen: Die Chancen stehen 50 zu 50. Eine weitere Front zu eröffnen, ohne den Konflikt mit Iran zu beenden oder zumindest eine Einigung zu erzielen, wäre riskant. Persönlich glaube ich nicht, dass er in Kuba aktiv wird, bevor die Iran-Frage geklärt ist. Warum? Wegen der Umfragewerte. Sie sind katastrophal.Hätte Trump sich nach dem Sturz von Maduro in Venezuela Anfang Jahr nicht besser auf Kuba konzentrieren sollen, als zusammen mit Israel Iran anzugreifen?Es wäre ein doppelter Triumph gewesen, wenn er im Anschluss an Venezuela gleich Kuba ins Visier genommen hätte. Wobei ich Venezuela nicht wirklich für einen vollen Erfolg halte. Es gab keinen Regimewechsel. Aber zumindest gibt es etwas Stabilität. Wir werden sehen, wohin das führt. In Kuba hätte Trump viel leichter handeln können. Doch er hat Kuba übersprungen und ist nach Iran gegangen. Das ist sehr kompliziert. Sehr, sehr kompliziert.Passend zum Artikel