«Trump will sicher nicht mit 20 000 Mann in Kuba einmarschieren»Der Lateinamerika-Experte Bert Hoffmann erklärt, was die Machthaber in Havanna mit ihren Reformplänen erreichen wollen – und warum eine Entführung von Raúl Castro den USA nichts brächte.10.07.2026, 05.30 Uhr7 Leseminuten«Zu Veränderungen gezwungen»: Die kubanische Führungscrew will die Wirtschaft öffnen.Angelo Mastrascusa / Anadolu / GettyHerr Hoffmann, das kubanische Regime hat das grösste Reformprojekt seit dem Triumph der Revolution 1959 angekündigt. Ist es den Machthabern ernst?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ja. Die Situation ist so gravierend, dass sie einen Ausweg finden müssen. Sie sind zu Veränderungen gezwungen. Das heisst jedoch nicht, dass jede der 176 angekündigten Massnahmen innert Kürze umgesetzt sein wird.Der Lateinamerika-Experte Bert Hoffmann arbeitet am German Institute of Global and Area Studies in Hamburg. Er hat zahlreiche Bücher und Studien über Kuba publiziert.PDMit den Reformen soll unternehmerische Eigeninitiative einfacher werden, ausländische Investoren können sich an kubanischen Firmen beteiligen, wichtige Sektoren wie der Tourismus oder der Wohnungsmarkt werden geöffnet. Kann dies ein Weg sein, die marode Wirtschaft zu retten?Im Prinzip schon. Nur gibt es ein grosses Aber: Die USA blockieren die Öllieferungen und haben in den letzten fünfeinhalb Monaten einen einzigen Tanker auf die Insel gelassen. Ohne Treibstoff und Strom nützen die schönsten Anreize zur Mehrproduktion nichts. Was soll der Bauer machen, der seine Produkte nicht in die Stadt fahren kann?Das ist aber auch eine Folge der jahrzehntelangen Misswirtschaft auf Kuba.Bei allen Fehlern der kubanischen Regierung, bei allen Ineffizienzen eines sozialistischen Systems: Fast ein halbes Jahr ohne Öllieferungen, das brächte auch die Schweiz in einen Notstand. Die von der amerikanischen Regierung gezielt herbeigeführte Verschärfung der Situation lässt Reformen, die in der Theorie sinnvoll sind, in der Praxis ins Leere laufen.Für linke Kuba-Apologeten hat das US-Embargo «genozidale» Züge. Ist da etwas dran?Tatsache ist: Durch die Verschärfung des Embargos sterben Menschen auf Kuba, die nicht sterben müssten. Es gibt Patienten, die nicht mehr rechtzeitig ins Spital kommen. Es fehlt auch an Medikamenten oder Sauerstoff. Es ist eine Politik des maximalen Drucks, unter der vor allem die Armen leiden. Das geht weit darüber hinaus, was man noch als human bezeichnen könnte. Diesen Wirtschaftskrieg gegen die Zivilbevölkerung verurteile ich. Das Reizwort «Genozid» braucht es dafür nicht.Das amerikanische Aussenministerium von Marco Rubio nannte die Reformen «bescheiden und oberflächlich». Reicht die Verzweiflungstat der Kubaner also nicht, um die USA zu einer Lockerung der Sanktionen zu bewegen?Es kommt darauf an, welche Fraktion sich in der amerikanischen Regierung durchsetzt. Wenn Rubio sagt, die Reformen seien «oberflächlich», dann redet er den Hardlinern des kubanischen Exils nach dem Mund. Eine seriöse Einschätzung ist das nicht. Natürlich ist Skepsis angebracht, wie weit und wie schnell die Umsetzung geht. Aber es ist zur Kenntnis zu nehmen, dass dies die am weitesten reichende Reformagenda seit dem Beginn der Revolution ist. Nur reicht Rubio eine Wirtschaftsreform nicht, egal wie weit sie geht. Er und die exilkubanischen Kräfte hinter ihm wollen den Sturz des Regimes, sie wollen Raúl Castro vor einem amerikanischen Gericht sehen. Und sie pochen auf die alten Eigentumsrechte aus der Zeit vor der Revolution 1959.Für die andere Fraktion steht Vizepräsident J. D. Vance.Von ihm kam eine ganz andere Reaktion auf die Ankündigung der Reformen. Vance sagte, die USA sprächen mit Kuba, und betonte die Möglichkeit einer «viel besseren Beziehung», falls die kubanische Regierung kluge Entscheidungen fälle. Da könnte eine Annäherungsdynamik entstehen.Wer hat ein Interesse an einer solchen Annäherung?Es gibt einflussreiche Kreise in den USA, die endlich wieder «Business» machen wollen auf Kuba, egal, wer dort an der Macht ist. Sie sagen: Die Exilkubaner mögen ja gelitten haben – aber wieso dürfen sie unsere Aussenpolitik diktieren? Ein Beispiel sind die amerikanischen Reisfarmer. Sie würden den Kubanern gerne Reis verkaufen und verstehen nicht, warum diese vietnamesischen Reis essen müssen. Genau solche Interessengruppen spricht die kubanische Regierung mit ihren Öffnungsschritten an.Donald Trump hat klargemacht, dass die USA in Kuba das Sagen haben wollen. Wie könnte das konkret aussehen?Das ist zugespitzt gesagt das, was in Zeiten des Kolonialismus «Protektorat» hiess.Droht also ein Rückfall in die Zeit vor 1959, als Kuba als Anhängsel der USA galt und als «Bordell der Karibik» verrufen war?Es wird nie eine genaue Kopie der damaligen Epoche sein, wir leben in einer ganz anderen Zeit. Vielleicht wird es wie damals wieder Kasinos geben, der Tourismus dürfte ein noch wichtigerer Wirtschaftszweig werden als heute. Wer den Jachthafen an der Nordküste Kubas gegenüber von Florida ausbauen darf, wird reich werden. Es wird eine Situation grosser Abhängigkeit sein. Statt einer transparenten Marktwirtschaft erwarte ich allerdings eher eine Art Günstlingskapitalismus.Wie kommen Sie darauf?Es gibt derzeit ein konkretes Beispiel dafür: den kanadischen Bergbaukonzern Sherritt. Er betreibt seit über dreissig Jahren in einem Joint Venture Nickelminen auf Kuba und ist der grösste ausländische Einzelinvestor im Land. Wegen dieser Geschäfte verhängte die Regierung Trump Sanktionen gegen Sherritt. Die Firma gab darauf bekannt, dass sie sich aus Kuba zurückziehen müsse. Dann aber machte sie eine überraschende Kehrtwende. Denn mittlerweile hatte sich das amerikanische Unternehmen Gillon Capital eine Option für den Kauf einer Mehrheit an Sherritts Kuba-Geschäft gesichert, mit dem Segen der amerikanischen Regierung. Gillon Capital gehört Ray Washburne, einem engen Vertrauten von Donald Trump. Der Verdacht liegt also nahe, dass da ein Kumpel des Präsidenten dank dessen Embargopolitik ein Schnäppchen gemacht hat.Raúl Castro im Gespräch mit Sherritt-Chef Ian Delaney (rechts). Die kanadische Firma ist der grösste ausländische Einzelinvestor auf der Insel, nun hat sich ein Trump-Freund ihr Geschäft unter den Nagel gerissen.Adalberto Roque / ReutersIst damit zu rechnen, dass durch die Privatisierungen auch auf Kuba eine Kaste von schwerreichen Oligarchen entsteht, so wie einst in Russland?Der Vergleich zu Russland hinkt, weil man im Fall von Kuba eben auch die Exilkubaner in Miami und die amerikanischen Investoren im Blick haben muss. Aber klar, es wird auch auf der Insel selbst Leute geben, die von den Öffnungen profitieren. Auf dem Immobilienmarkt in der Hauptstadt ist viel Geld zu verdienen, davon werden jene profitieren, die gute Drähte zur Macht haben – sowohl in Havanna wie auch in Washington.Wären ein Staatskapitalismus à la China und eine Annäherung an die USA auch eine Chance für die breite Masse in Kuba?Im Prinzip schon. Aber dafür müssten die USA Kuba zuerst aus dem Würgegriff entlassen. Washington hat mit den Sanktionen gerade erst die internationalen Hotelketten gezwungen, das Geschäft mit Kuba aufzugeben. Internationale Kreditkarten funktionieren nicht mehr, es gibt kaum mehr Flüge aus Europa. In einer solchen Situation der gezielten Feindseligkeit kann man kein florierendes Tourismusgeschäft aufbauen. Potenzial gäbe es auch anderswo, beispielsweise in der Wissenschaft: Kuba hat es immerhin während der Covid-Pandemie geschafft, mehrere funktionierende Impfstoffe zu entwickeln.Wagen Sie eine Vorhersage, ob sich in den USA die Rubio-Fraktion oder doch das pragmatischere Vance-Lager durchsetzen wird?Eine Prognose ist kaum möglich – erst recht, weil wir einen US-Präsidenten haben, für den es ein Machtinstrument ist, maximal unberechenbar zu sein. So schnell dürfte keine Entscheidung fallen. In Washington können sie ja zuwarten. Es geht nur den Leuten auf Kuba dreckig. Die USA können aber letztlich auch kein Interesse daran haben, eine humanitäre Katastrophe 90 Meilen vor der Küste von Florida zu provozieren – und damit eine Massenflucht. Deshalb müsste Washington eigentlich darauf setzen, dass es in Kuba zu einer weichen Landung kommt, nicht zu einem Crash.Ist die Option einer militärischen Intervention also vorerst vom Tisch?Die USA werden wohl die Drohkulisse aufrechterhalten. Vorstellbar sind Provokationen, ähnlich wie früher die Schläge gegen Drogenboote vor Venezuela. Für eine militärische Intervention fehlt jedoch nach wie vor ein klares politisches Ziel. Trump will sicher nicht mit 20 000 Mann in Kuba einmarschieren, die im ganzen Land stationiert wären und auch noch den Verkehr in jeder Provinzstadt regeln müssten. Die USA wollen vielmehr einen gewendeten Apparat, so dass letztlich einheimische Kräfte auf Kuba Stabilität und Sicherheit gewährleisten.Wie realistisch ist eine «Enthauptung» des Regimes wie in Venezuela?Die USA hätten dafür vermutlich die militärische Macht. Aber einfach den Präsidenten Miguel Díaz-Canel oder Raúl Castro zu entführen, brächte im Fall von Kuba wenig. Denn die USA würden dann jemanden brauchen, der für sie in Kuba die Befehlskette auf Linie bringt, so wie Delcy Rodríguez in Venezuela. Offensichtlich haben sie so jemanden bisher in Kuba nicht gefunden. Das erstaunt mich auch nicht.Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel muss wohl keine Entführung durch die CIA oder eine amerikanische Invasion der Insel befürchten.David de la Paz / Xinhua / ImagoWeil es immer noch eine starke Loyalität gegenüber der Revolution und dem Erbe von Fidel Castro gibt?Das ist ein Faktor. Hinzu kommt, dass das Bedrohungsgefühl für die Elite in Kuba viel grösser ist als für jene in Venezuela. Es denkt wohl kaum jemand: Wenn Raúl weg ist, dann habe ich für zehn Jahre die Macht im Land. Stattdessen würden alle befürchten, dass sie zwei Tage später selbst am Galgen hängen, bildlich gesprochen. Die USA müssten einem willfährigen Gehilfen Garantien geben können, doch dazu sind sie kaum bereit. Das schweisst die Elite zusammen.Das kubanische Volk murrt wegen der wirtschaftlichen Notlage, es kommt immer wieder zu Protesten. Könnte der Unmut zu einer erneuten Revolution führen, die das Regime wegfegt?Die Leute wollen wieder einen halbwegs normalen Alltag, dass es wieder Strom und Trinkwasser gibt und die Müllabfuhr kommt. Sie sehen, dass ihre eigene Regierung die Lage nicht verbessern kann. Dennoch gibt es keine Massendemonstrationen. Man wartet ab, wie das grosse Armdrücken zwischen Havanna und Washington ausgeht. Ein verbreitetes Gefühl ist, dass die Bevölkerung dabei sowieso nicht gefragt wird. Wenn Trump für «übermorgen» einen Deal verspricht: Wieso sollte man jetzt auf die Strasse gehen und dabei Kopf und Kragen riskieren? So hat die amerikanische Politik selbst einen demobilisierenden Effekt.Passend zum Artikel
Experte zu Kuba: «Trump will sicher nicht mit 20 000 Mann auf der Insel einmarschieren»
Der Lateinamerika-Experte Bert Hoffmann erklärt, was die Machthaber in Havanna mit ihren Reformplänen erreichen wollen – und warum eine Entführung von Raúl Castro den USA nichts brächte.






