Die Münchner Brauereien müssen sich darauf einstellen, dass sie Tiefengrundwasser bald nur noch stark eingeschränkt nutzen dürfen. Die meisten Fraktionen im Stadtrat sprechen sich auf Anfrage der SZ dafür aus, das besonders reine und geschützte Tiefengrundwasser nur noch als Rohstoff für Bier, nicht mehr aber fürs Reinigen der Anlagen und Spülen von Flaschen zu verwenden. Die meisten sehen auch die Produktion von Limonade mit diesem Wasser kritisch. Damit dürfte eine Mehrheit im Stadtrat auf einer Linie mit relevanten Umweltorganisationen liegen. Sie fordern von der Stadt ebenfalls eine deutlich restriktivere Genehmigungspraxis.Während das Trinkwasser für München aus oberflächennahen Bereichen stammt, vorwiegend vom Alpenrand, wird das in tieferen Schichten unter dem Stadtgebiet vorhandene Wasser fast ausschließlich von Brauereien gefördert. Sie stellen daraus „Münchner Bier“ her, nutzen es aber zumindest teilweise auch für Limonaden-Produktion und für Reinigungszwecke. Die Stadt erlaubt dies bisher. Die Menge des entnommenen Tiefengrundwassers stieg in den vergangenen zwei Jahrzehnten um knapp 50 Prozent, damit schöpfen die Brauereien aber nicht das genehmigte Volumen aus.Weil das staatliche Hofbräu verpflichtet ist, auf Presseanfragen zu antworten, ist von dort die ungefähre Verwendung des Tiefengrundwassers bekannt. Für einen Liter Bier sind laut einem Sprecher 3,55 Liter Wasser nötig, wovon 1,5 Liter direkt in die Bierproduktion fließen. Gut zwei Liter, also mehr als die Hälfte, werden demnach für die Reinigung benötigt.Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) erklärt, er habe Wirtschaftsreferent Christian Scharpf (SPD) gebeten, das Gespräch mit den Brauereien zu suchen. Die Praxis, Tiefengrundwasser für Reinigungszwecke zu nutzen, „muss angesichts der zunehmenden Trockenheit und Wasserknappheit überprüft werden“. Tiefengrundwasser sei „eiserne Reserve. Deshalb müssen wir damit sorgsam umgehen“.Die ÖDP im Stadtrat war vergangene Woche die erste Fraktion, die angesichts der jüngsten Wasserknappheit forderte, die Tiefengrundwasser-Förderung zu beschränken. Auf Anfrage der SZ sprechen sich nun fast alle weiteren Fraktionen für deutlich restriktivere Genehmigungen aus.„Sehr kritisch“ sehe man die bisherige Verwendung, teilt Clara Nitsche mit, Vorsitzende der Grünen-Fraktion. „Tiefengrundwasser darf nicht als Lauge in den Gully fließen, dafür ist es zu kostbar.“ Ihre Fraktion habe „große Sympathie“, die Nutzung des Tiefengrundwassers als Bier-Rohstoff zu beschränken. Klimareferat, Stadtwerke und Brauereien sollten gemeinsam „eine schnelle Lösung“ erarbeiten.ExklusivTrockenheit:Wie Münchens Brauereien den Wasserschatz der Stadt verschwendenFür ihr "Münchner Bier" dürfen die Konzerne jahrtausendealtes, besonders reines Tiefengrundwasser abpumpen, eigentlich die eiserne Reserve für Krisen. Nun kommt heraus: Sie nutzen es nicht nur zum Brauen.Während der Koalitionspartner SPD laut einem Sprecher erst beraten wolle, äußert sich die Regierungsfraktion von FDP/Freie Wähler ebenfalls kritisch: Für Reinigung und Limo-Produktion sollten „alternative Lösungen“ gefunden werden, etwa aufgefangenes Regenwasser.Auch von der CSU bekommen die Brauereien Gegenwind: Zwar stehe die Nutzung zum Bierbrauen „außer Frage“. Doch die bisherige Praxis scheine „nicht mehr in allen Punkten zeitgemäß zu sein“, erklärt Sebastian Schall, umweltpolitischer Sprecher. Zum Spülen und Reinigen solle Tiefengrundwasser nicht mehr hergenommen werden. Er gibt aber zu bedenken, dass dafür dann normales Trinkwasser nötig wäre, was angesichts der Wasserknappheit ebenfalls ein Problem werden könnte.ÖDP-Fraktionschef Tobias Ruff erinnert an die Verantwortung auch für kommende Generationen. „Es geht uns nicht darum, den Brauereien Steine in den Weg zu legen, sondern gemeinsam Lösungen zu finden, die den Herausforderungen des Klimawandels gerecht werden. Wenn wir dauerhaft zu wenig Wasser haben, sind die Konsequenzen für alle katastrophal.“ Die ÖDP geht in einem Stadtratsantrag am weitesten: Mit Auslaufen der aktuellen Genehmigungen solle die Stadt keinen Unternehmen, also auch nicht Brauereien, erlauben, Tiefengrundwasser zu fördern.Ebenfalls via Antrag will die Linksfraktion in dieser Woche fordern, Tiefenwasser ausschließlich zum Brauen zu nutzen. Für alles andere reiche „gewöhnliches Trinkwasser völlig“. Fraktionschef Stefan Jagel: „Tiefengrundwasser ist kein Geschäftsmodell, sondern Teil unserer öffentlichen Daseinsvorsorge.“ Die Volt-Fraktion erklärt, es sei „vertretbar“, Tiefenwasser für Bier und Limo zu nutzen, nicht aber für die Reinigung. „Die Umstellung in den Brauereien sollte so schnell wie technisch möglich erfolgen.“MeinungHitze:Brauereien müssen die Verschwendung der eisernen Wasserreserve beendenDietrich Sailer, Gründer und Chef der im Aufbau begriffenen Münchner-Kindl-Brauerei, verteidigt seine Branche: Aus Tiefengrundwasser „Bier zu machen, ist doch die höchste Form der Veredelung. Und wenn eine Münchner Brauerei mit dem Tiefenwasser Limonaden herstellt, ist das doch auch in Ordnung. Schließlich dient Spezi nicht der Klospülung.“ Entscheidend sei, dass dieses wertvolle Wasser als Lebensmittel diene.Sailer blickt kritisch auf die Gemeinde Karlsfeld, die Tiefengrundwasser als Trinkwasser nutze, sodass es unter anderem in Klospülungen fließe. Er wünsche sich, dass die Nutzung von Grauwasser, also von genutztem und nur leicht verschmutztem Wasser, zumindest in Neubaugebieten vorgeschrieben werde.Der Annahme, dass Tiefengrundwasser übermäßig billig sei, widerspricht Sailer. Seit diesem Monat verlangt der Freistaat 10 Cent pro Kubikmeter, bisher war es kostenlos. Sailer rechnet vor, dass die Brauereien das Tiefenwasser wesentlich mehr koste als den „Wassercent“: die Investition in den Brunnen inklusive der Zinsen, das Monitoring der Anlagen und ein aufwendiges Leitungssystem.Selbst hat Sailer in seiner Brauerei, die 2027 in Betrieb gehen soll, drei Leitungssysteme eingebaut. Er will Stadtwasser für die Reinigung und Regenwasser für die Toiletten nutzen. Der nachträgliche Einbau eines zweiten Wasserkreislaufs, wie er vermutlich in alten Brauereien nötig wäre, um Tiefengrundwasser zu sparen, sei teuer und aufwendig.