Es geschah im März des Jahres 1938 in Wien, und im Juni 2026 ist es in Gelsenkirchen wieder geschehen: Rechtsextreme demütigen Angehörige einer Minderheit auf offener Straße und fordern sie auf, Straßen und Gehwege zu reinigen. In Wien drückten damals Angehörige von Hitler-Jugend und SA sowie Passanten ihren jüdischen Mitbürgern Zahnbürsten in die Hand, in Gelsenkirchen waren es unlängst die dortige AfD-Kreissprecherin und der zweite Bürgermeister der Stadt, die Videos in den sozialen Medien verbreiteten, in denen sie Bürgern mit Migrationshintergrund, überwiegend Angehörige der Sinti und Roma, Besen aufdrängten und sie aufforderten, die Straßen zu reinigen.Nachdem der Gelsenkirchener AfD-Bürgermeister in der vorigen Woche nach sieben Monaten vom Rat der Stadt mit der nötigen Zweidrittelmehrheit abgewählt worden war, zeigte er sich völlig ungerührt: Er habe doch nur umgesetzt, was seine Partei im kommunalen Wahlkampf versprochen hatte. Der Schriftsteller Carl Zuckmayer hat beschrieben, wie es war, als fanatische Antisemiten damals mit den sogenannten Wiener „Reibpartien“ damit begannen, die Versprechungen der Nazis einzulösen: „Die Luft war von einem unablässig gellenden, wüsten, hysterischen Gekreische erfüllt, aus Männer- und Weiberkehlen, das tage- und nächtelang weiterschrillte. Und alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen verzerrten Fratzen: die einen in Angst, die andren in Lüge, die andren in wildem, hasserfülltem Triumph … Was hier entfesselt wurde, war der Aufstand des Neids, der Missgunst, der Verbitterung, der blinden, böswilligen Rachsucht – und alle anderen Stimmen waren zum Schweigen verurteilt.“Heute bleibt die Küche kalt: Milli Gandinis Assemblage „Pentola Inapribile“ aus dem Jahr 1975Milli GandiniDie Gelsenkirchener AfD könnte ihre eigene Fratze in Zuckmayers Skizze wiedererkennen. Ihre Kreissprecherin Enxhi Seli-Zacharias, die in Albanien geboren wurde und im Alter von sechs Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland einwanderte, spricht von „Blutsaugern des Sozialstaats“ und „Roma-Dörfern“ in der Stadt, die wegmüssten. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der AfD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag. Kurz nach der Veröffentlichung der Videos wurde sie von ihrem Kreisverband mit 99 Prozent der abgegebenen Stimmen wieder zur Kandidatin für die kommende Landtagswahl bestimmt.„Radikale Hoffnung“ ist der Titel der Ausstellung, die zurzeit im Kunstmuseum der Stadt zu sehen ist. Sie versammelt Werke internationaler Künstler zu den Themen Arbeitskampf, Streik, Rechte von Frauen und von Minderheiten. Die Bandbreite reicht vom Zyklus „Ein Weberaufstand“ der 1867 geborenen Käthe Kollwitz über Werke von Lee Lezano und Gustav Metzger, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren die Kunst selbst bestreiken wollten, bis zu zwei Werken von Irène Mélix, Jahrgang 1988, und „Mercedes Matrix“, einer in Gelsenkirchen als Video gezeigten Performance der 1991 geborenen Selma Selman, einer bosnischen Romni, die häufig diskriminierende Stereotypen in ihren Arbeiten aufgreift. In „Mercedes Matrix“ zerlegt sie zusammen mit ihrem Vater, ihrem Bruder und einem Nachbarn einen Mercedes lustvoll in seine Einzelteile, um das Klischee des Roma-Schrotthändlers aufzubrechen.Aus einem bestreikten Betrieb: „Parfum de Solidarité“ aus der dokumentarischen Fotoserie „Objets de grève“ von Jean-Luc Moulène, 1999Adagp/VG-Bildkunst, Bonn, 2026Zu den ersten Kunstwerken, die den Besucher erwarten, gehört „Katarina Taikon, 1965 Protest“ von Małgorzata Mirga-Tas, die 1978 im polnischen Zakopane geboren wurde. Sie ist die erste Roma-Künstlerin überhaupt, die als Vertreterin ihres Heimatlandes auf der Biennale in Venedig ausgestellt hat. Mit der großformatigen, aus den Überresten getragener Frauenkleider gefertigten Textilcollage erinnert Mirga-Tas an die Roma-Aktivistin Katarina Taikon, die 1965 auf einer Kundgebung zum 1. Mai in Stockholm das Recht auf Bildung und den Zugang zur Erwachsenenbildung für ihr Volk einforderte. Damals verweigerte der schwedische Staat den Angehörigen der Roma einen Großteil der bürgerlichen Rechte, etwa das Recht auf Wohnraum, Schulbildung und auf reguläre Arbeit. Damit wurde eine Bevölkerungsgruppe systematisch diskriminiert, an den Rand und in die Illegalität gedrängt.Julia Höner ist vor etwa vier Jahren von Düsseldorf nach Gelsenkirchen umgezogen, um das Kunstmuseum der Stadt zu übernehmen, das in Gelsenkirchen-Buer in einer Gründerzeitvilla und einem architektonisch reizvollen Erweiterungsbau von Albrecht Egon Wittig aus den Achtzigerjahren untergebracht ist. Die Kunsthistorikerin hat das Haus umstrukturiert, Sichtachsen im Inneren, aber auch Ausblicke nach draußen betont, Archiv- und Technikräume als Ausstellungsflächen neu definiert und eines der Prunkstücke des Hauses, die Sammlung mit kinetischer Kunst, die mit etwa achtzig Werken zu den bedeutendsten ihrer Art in Europa zählt, neu präsentiert. Zusammen mit einem Sammlungsbestand, der Werke von Liebermann, Corinth, Max Ernst, Konrad Klapheck, Warhol, Anton Stankowski und Gerhard Richter umfasst, ist so eine Dauerausstellung entstanden, die einen Besuch in Gelsenkirchen lohnend macht. Die Broschüre zur Sammlung trägt nicht ohne Grund den Titel „Das alles haben wir“.Wie macht man das Erbe einer lange zurückliegenden glanzvollen Epoche für eine Gegenwart attraktiv, die unter leeren Kassen leidet und ohnehin immer weniger Interesse für ihr historisches Erbe aufzubringen vermag? Um 1920 gehörte Gelsenkirchen, die „Stadt der tausend Feuer“, zu den reichsten Kommunen in Deutschland, heute liegt das durchschnittliche Realeinkommen der Gelsenkirchener gute zwanzig Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Zukunftsaussichten? Bescheiden. Da mutet der Ausstellungstitel „Radikale Hoffnung“ geradezu trotzig an. Julia Höner, ihre Mitkuratorin Friederike Sigler von der Universität Wien und das kleine Museums-Team verknüpfen lokale Künstler und Ereignisse mit internationalen Strömungen und großen Namen des Kunstbetriebs. So steht die signalrote Lichtinstallation „Stop“ des Duos Claire Fontaine in der Nähe eines Gedichts der Gelsenkirchener Lyrikerin Ilse Kibgis: „es gibt Frauen / die gehen auf im Weiß ihrer Gardinen … es gibt Frauen / die gehn unter / im Fließbandstrom … und haben vergessen / daß es Gedichte gibt“.Die Ausstellung erinnert an die Gelsenkirchener „Heinze-Frauen“, die bis vor das Bundesarbeitsgericht zogen, um durchzusetzen, dass sie den gleichen Lohn erhielten wie ihre männlichen Kollegen, und sie zeigt ein Video von Jeremy Dellers Reenactment der „Battle of Orgreave“, einem blutigen Höhepunkt des Arbeitskampfes der britischen Minenarbeiter in den Achtzigerjahren. Weniger gewalttätig geht es zu in „Shaking Hands“, einem Puppenstück von Juan Pérez Agirregoikoa und in den Arbeiten von Milli Gandini und Mariuccia Secol, die mit trockenem Sarkasmus für die Entlohnung weiblicher Hausarbeit eintraten und auch nicht vor Sabotage zurückschreckten: Ihre Assemblage „Pentola inapribile“ von 1975 besteht aus einem durch Farbe und Stacheldraht unbrauchbar gemachten Kochtopf. In den Staub, den sie nicht länger von den Möbeln wischten, schrieben sie mit dem Finger ein einziges Wort: „Lohn“. So waren damals Lage und Stimmung: nicht hoffnungslos, aber radikal.Kunstmuseum Gelsenkirchen: „Radikale Hoffnung“. Kunst und Arbeitskampf. Bis 4. Oktober. Zur Ausstellung ist eine illustriertes Magazin erschienen.