Paul Seixas sieht aus, als würde er zu einem Vorstellungsgespräch gehen. Und eigentlich ist es das ja auch. Es sind noch zwei Tage bis zu seinem ersten Start bei der Tour de France, als der Neunzehnjährige einen bis auf den letzten Platz besetzten Presseraum in Barcelona betritt. Die anderen Topfahrer sind in Sportbekleidung gekommen. Seixas trägt eine schicke beige Hose, hat sein weißes Hemd hineingesteckt. Am Handgelenk funkelt die Luxusuhr eines Sponsors. Es ist eine Kooperation, die gerade erst bekannt geworden ist – und etwas signalisiert: Hier ist einer auf dem Weg nach oben.Seitdem die Radprofis die spanisch-französische Grenze überquert haben, ist bei der „Großen Schleife“ Tag für Tag zu beobachten, wie groß der Hype um das derzeit wohl größte Talent im Radsport ist. Wenn die Fahrer nach der Zielüberfahrt zu ihren Bussen rollen, ist immer etwas los beim Team Decathlon-CMA-CGM. Die Kinder wollen Autogramme. Die Erwachsenen wollen Fotos. Die ganze Nation will, dass Seixas sie endlich erlöst von ihrem Leiden und als Erster seit Bernard Hinault vor mehr als vierzig Jahren die Tour gewinnt. Wer noch rätselte, warum Tour-Direktor Christian Prudhomme früh versuchte, Seixas an den Start zu locken, weiß spätestens jetzt Bescheid. Ein Fahrer wie er ist gut fürs Geschäft.Nach den Eindrücken der ersten Tage kann man sich sicher sein: In diesem Jahr wird Seixas die Tour wohl noch nicht gewinnen. Doch die Hoffnung bleibt groß, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Für einen Neunzehnjährigen fährt er beeindruckend stark. Anfangs wirkte der Profi hin und wieder etwas nervös, wenn ihn die Kamera einfing. Doch inzwischen hat er sich an das Drumherum bei der Tour und den Rummel um seine Person gewöhnt, wirkt nicht so, als würde ihn der Druck, der auf ihm lastet, negativ beeinflussen.13 Millionen Euro Jahresgehalt stehen im RaumBei der ersten schweren Bergetappe in den Pyrenäen schaffte es Seixas mit den anderen Anwärtern im Kampf um das Podium über den Col du Tourmalet und sprach hinterher davon, dort gelandet zu sein, wo er hingehöre. Nicht nur diese starke Leistung hat zur Folge, dass kaum ein Tag vergeht, an dem nicht über die Zukunft von Seixas gesprochen oder spekuliert wird. Sein Vertrag bei der französischen Equipe läuft zum Ende des kommenden Jahres aus. Schon jetzt bringt sich mehr oder weniger jeder Rennstall, der sich die Verpflichtung des Youngsters leisten könnte, in Stellung.Schon jetzt beliebt bei den Franzosen: Paul SeixasAFDie Summen, die im Raum stehen, können einem jungen Sportler den Kopf verdrehen. Der in der Regel gut informierte Journalist Daniel Benson berichtete kürzlich, dass das Team Pinarello Q36.5 bereit sein soll, ein Jahressalär von 13 Millionen Euro zu zahlen. Zum Vergleich: Das Grundgehalt von Tadej Pogačar wird ohne Bonuszahlungen auf acht bis zehn Millionen Euro per annum geschätzt. Seixas’ Team signalisierte daraufhin, dass es jedes Angebot mitgehen werde.Andere wollen das Talent mit etwas anderem ködern: Richard Plugge, Teamboss von Visma-Lease a Bike, warf als Argument ins Rennen, dass seine niederländische Mannschaft die beste sei, um ihn zu einem Grand-Tour-Sieger zu entwickeln – auch weil Jonas Vingegaard eine Art Mentor für den Neunzehnjährigen werden könnte.„Ich glaube, er kann noch Großes erreichen“All das hat zur Folge, dass Seixas nicht nur Autogramme schreiben und Selfies machen muss. Er soll nach den Etappen auch über das große Rennen um ihn sprechen. „Es gibt eine ganze Menge Gerüchte, von denen ich gehört habe, die nicht der Wahrheit entsprechen“, sagte er Anfang dieser Woche. „Es gibt offensichtlich viel Aufsehen. Das kann ich nicht leugnen.“ Aber er habe noch keine Verträge gesehen und außerdem auch noch ein gutes Jahr mit dem Team vor sich. Das klang nicht nach Abschied, aber auch nicht nach einem Bekenntnis.Was wiederum Emmanuel Macron auf den Plan rief. Der französische Staatspräsident soll laut Medienberichten schon im Frühjahr versucht haben, Einfluss auf das Management von Seixas zu nehmen, damit dieser bei einem französischen Team bleibt, was Erinnerungen weckte an den Fall des Fußballstars Kylian Mbappé, den Macron zwischenzeitlich dazu bewogen hatte, seine Karriere bei Paris Saint-Germain fortzusetzen.Nun wurde Seixas bei dieser Tour wieder zu einer Staatsangelegenheit. Macron nutzte seinen Besuch bei der sechsten Etappe jedenfalls dazu, um im französischen Fernsehen klarzustellen: „Er ist in einem guten Team.“ Mehreren übereinstimmenden Medienberichten zufolge soll der Präsident ihm außerdem im persönlichen Gespräch nahegelegt haben, seine Karriere dort fortzusetzen, wo er gerade ist. Und den Hype befeuerte er dann auch gleich noch ein bisschen: „Ich hoffe, dass er eine oder mehrere Etappen gewinnt, diese gute Gesamtwertungsposition hält und vielleicht sogar noch weiter nach oben klettert“, sagte Macron: „Wir setzen große Hoffnungen in ihn. Ich glaube, er kann noch Großes erreichen.“Was ihn da so sicher macht? Macron hatte offenbar nachgefragt bei einem Gesprächspartner, der es eigentlich wissen muss – dem großen Dominator höchstpersönlich. „Tadej fand ein paar sehr freundliche Worte“, plauderte der Staatspräsident über sein Gespräch mit Pogačar aus, der ihm ein Versprechen gegeben hatte. „Er sagte: Ihr werdet schon sehen, als Nächstes ist Seixas dran.“