Titelblatt des Parisien. Aufmacher des 20-Uhr-Nachrichtenjournals. Und er wurde sogar von Staatspräsident Emmanuel Macron höchstpersönlich kontaktiert, um doch in Frankreich zu bleiben: Die Strahlkraft des Paul Seixas reicht weit über den Radsportkosmos hinaus. Inzwischen ist der – man muss es immer wieder betonen – noch immer 19 Jahre alte Lyoner Werbefigur für Luxusuhren und Sommerkleidung. Seit einem halben Jahr vergeht kein Tag, an dem der Radiosender RMC oder die Sportzeitung L’Équipe mindestens eine Geschichte über das Wunderkind des Radsports erzählen. Ernährungsplan, Strava-Rekorde, Sehstärke: Interesse und Begeisterung reißen nicht ab.Für das französische Nationalbewusstsein war 1998 wohl so prägend wie Deutschlands Sommermärchen 2006. Jahrzehntelang schaute man neidisch über den Rhein auf den großen deutschen Nachbarn, dem die Titel bei der Fußball-WM nur zuflogen. Frankreich dagegen spielte schön, aber gewann nicht. Das änderte sich bei der WM 1998. Als nach einem fulminanten 3:0 im Finale gegen Brasilien, das viele Franzosen auf VHS-Kassette Jahre später noch abspulten, der Schlusspfiff ertönte, sprach Reporterlegende Thierry Roland: „Nachdem wir das hier gesehen haben, können wir in Frieden sterben.“Menschen, die in den 90er-Jahren und später geboren wurden, finden diese Worte womöglich eigenartig. Inzwischen hat Frankreich einen weiteren Fußball-WM-Titel gewonnen und war noch zweimal Finalist. Auch dieses Jahr gelten „Les Bleus“ als einer der Titelfavoriten. Bizarrerweise hat diese Generation dagegen keinen einzigen Franzosen erlebt, der im Gelben Trikot auf die Champs-Élysées einfuhr. Der letzte französische Sieger der Tour de France war Bernard Hinault im Jahr 1985. Bei den Männern wohlgemerkt, bei den Frauen gewann vergangenes Jahr Pauline Ferrand-Prévot, die in Frankreich nur PFP genannt wird.Tour de France:Die Sprinter sind den Streckenplanern zunehmend egalEs gibt weniger Flachetappen und sogar der klassische Schlussspurt auf den Champs Élysées wurde abgeschafft. Immerhin: Dank einer Regeländerung müssen die Sprinter weniger Angst vor Tadej Pogacar haben.Hoffnungsträger gab es in der Zwischenzeit einige. Laurent Fignon verlor die Tour 1989 auf fast unglaubliche Weise gegen Greg LeMond um nur acht Sekunden. Das Kletterass Richard Virenque, trotz Hilfe belgischer und französischer Druiden, scheiterte 1997 an Jan Ullrich. Der Vorzeige-Kämpfer Thomas Voeckler fuhr ganze 20 Tage lang im Gelben Trikot, aber brachte das Stück Stoff nie bis nach Paris. Und die sehr talentierten Profis Romain Bardet und Thibaut Pinot schafften es zwar jeweils aufs Podium, aber nie auf die oberste Stufe.Thibaut Pinot, der die Franzosen in seinen Bann zog wie kaum jemand sonst, sagte 2019 in einem wundervollen Interview der L’Équipe: „Eines Tages werden die Planeten in einer Linie stehen.“ Im selben Jahr hätte es wohl mit dem Tour-Sieg geklappt, hätte sich Pinot nicht den Lenker in den Oberschenkel gerammt und unter Tränen das Rennen aufgegeben. Hätte, hätte, Fahrradkette.„Seien wir vorsichtig. Wir könnten den Kleinen umbringen“, warnte der einstige Tour-Achte Pierre Rolland vor einem Start von SeixasDas Bemerkenswerte an Paul Seixas ist nun: Niemand unter den Radsport-Enthusiasten glaubt, dass Planeten in Reih und Glied stehen, drei Favoriten sich verfahren oder der Staatspräsident die Tour-Organisatoren um einen Ausschluss ausländischer Fahrer bitten müsste. Wenn, falls, möglicherweise, vielleicht – das sind keine Seixas-Parameter. Er wird gewinnen. „Ich denke, er ist der Auserwählte“, sagte der langjährige Teammanager Marc Madiot in einer Radiosendung. Es gibt nur wenige, die den Immernoch-Teenager tatsächlich schützen wollen. Als wochenlang darüber debattiert wurde, ob der 19-Jährige bei der Tour starten sollte oder nicht, warnte der einstige Tour-Achte Pierre Rolland: „Seien wir vorsichtig. Wir könnten den Kleinen umbringen.“ Viel populärer ist die Ansicht von Rollands früherem Teamkameraden, Nationaltrainer und Publikumsliebling Thomas Voeckler. Er nominierte Seixas bereits vergangenes Jahr für Welt- und Europameisterschaften und begründete das so: „Wenn Paul mit diesem Druck nicht zurechtkommt, dann ist er eben nicht derjenige, von dem wir alle denken, dass er es ist.“ Bei der WM belegte Seixas Platz 13, bei der EM sicherte er auf mitreißende Weise Bronze.Soll man ihn schützen? Oder ist er längst bereit für die Feuerprobe? Paul Seixas, 19 Jahre alt. David Pintens/Belga/ImagoIn Frankreich wird über große Talente häufig wie über Spielzeuge gesprochen, die zu Bruch gehen könnten, wenn man sich zu sehr für sie begeistert. Manch französische Sportlerinnen und Sportler schienen an ihrem Top-Favoritenstatus zu verzweifeln. Ob im Radsport, im Tennis oder vor Urzeiten auch im Fußball. „Wir haben keine Kultur des Gewinnens“ war ein weitverbreitetes Urteil. Mehr noch: Die Franzosen, hieß es lange, würden Gewinner verabscheuen. Immerhin war der ewige Zweite Raymond Poulidor viel beliebter als der kühle Fünffach-Toursieger Jacques Anquetil. Das gilt auch für die Politik. Als Emmanuel Macron 2017 zum ersten Mal in den Élysée gewählt wurde, urteilten einige Politikwissenschaftler, die „Globalisierungsgewinner“ hätten sich gegen die „Globalisierungsverlierer“ durchgesetzt. Inzwischen ist Macron der unbeliebteste Präsident seit Beginn von Balken- und Tortendiagrammen, und die den Gewinnern oft zugeschriebene Arroganz ist einer der Hauptgründe dafür.Es wäre nur verständlich, wenn ein 19-Jähriger unter diesem Druck leiden würde und unwahrscheinlich, dass all dieser Hype einen so jungen Mann unberührt ließe. Doch Seixas wirkt fast unheimlich gut vorbereitet. Als sei er von Geburt an zum Radsportdominator programmiert worden. Der Lyoner spricht teils so weise wie Gandalf der Graue in der „Herr-der-Ringe“-Reihe.Bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes stürzte Seixas in einer Abfahrt, weil er, wie er sagte, sich idiotisch benommen hatte und zu viele Risiken eingegangen war. Mit 70 km/h flog er aus der Kurve und wetzte sich die Haut an Händen, Beinen und Becken auf. Seine Kleidung war löchrig, Blut floss die Ellenbogen und Knie herunter. Wohl kaum jemand rechnete damit, dass er noch aufs Rad steigen würde. Er sagte, er wäre seinen Teamkameraden nicht böse gewesen, hätten sie ihn einfach „in der Pampa liegen lassen“. Er nahm die Schuld für den Sturz voll und ganz auf sich. Doch statt ihn zurückzulassen, startete sein Team Decathlon-CMA-CGM eine Aufholjagd, die das Peloton seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Vier Minuten holte Seixas auf die Spitzenleute wieder auf. Als der Gestürzte als Siebter ins Ziel oben auf dem Gipfel des so giftigen Grand Colombier ankam, der an manchen Stellen über 25 Prozent steil ist, sackte er zusammen und fiel in die Arme seines Vaters. Neben der Selbstkritik und der Dankbarkeit für seine Mannschaft wurde er noch einen Tipp an die Jugend los: „Tragt Handschuhe!“, sagte Seixas. Denn ohne diese hätte er bei seinem Sturz wohl noch viel schlimmere Verletzungen davongetragen.Paul Seixas ist für den französischen Radsport die Lichtgestalt. Ein Gewinner, der nicht davor zurückschreckt, auszusprechen, dass er gewinnen möchte. Nichts da mit „Ich wäre froh, wenn…“, „Ich möchte auf dem Rad Spaß haben…“. Nein. Seixas macht keinen Hehl daraus, dass er die großen Rennen und vor allem die Tour gewinnen möchte. Schon bei dieser Ausgabe sei das Ziel die Gesamtwertung. Er komme nicht, um das größte Rennen der Welt „kennenzulernen“ oder zu „entdecken“, wie es viele Talente vor ihm umschrieben. Für den französischen Radsport ist das ein Paradigmenwechsel. Doch im Endeffekt ist es nur die Übersetzung des Selbstbewusstseins, das Ausnahmekönner wie Kylian Mbappé im Fußball oder Victor Wembanyama im Basketball bereits vorleben. Seixas steht in dieser Reihe einer Generation, die keine Komplexe und Erfolg hat.Der Jüngste ist der Star: Das Team Decathlon CMA CGM mit Paul Seixas (links) bei der Tour de France. Anne-Christine Poujoulat/AFPWenn auch der Radsportfan, der seinen Sport mit gesunder Skepsis und logischem Denken zu betrachten versucht, immer wieder anhält. Er reicht in jungen Jahren noch nicht an den slowenischen Tour-Alleinherrscher Tadej Pogacar, 27, heran und doch sind die Wattwerte, die Seixas etwa bei der Baskenlandtour trat, außergewöhnlich. Der ehemalige Teammanager Jérôme Pineau sagte kürzlich, er sei froh, dass ein 19-Jähriger solche Leistungen vollbringe und fast mit Pogacar mithalten könne wie beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich. „Denn Seixas’ Leistungen rücken die Pogacars in ein neues Licht.“ Nach dem Motto: Niemand wäre so irre, einen 19-Jährigen zu dopen. Soll wohl heißen: Also, liebe Dopingkritiker, haltet euch zurück! Wenn schon ein Teenager fast mit dem Dominator mithält, dann kann auch der sehr wohl sauber sein!Denjenigen, die sich über französische Erfolge im Sport freuen und dennoch manchmal ungläubig auf die Geschwindigkeitsrekorde und Leistungswerte mancher Fahrer blicken, bereitet der raketenschnelle Aufstieg Seixas’ Kopfzerbrechen. Einerseits möchten sie den nüchternen Blick bewahren und nicht wie so viele, die den Radsport und die Tour über Netflix kennengelernt haben, nur danach gehen, wer die Konkurrenz jeden Tag aufs Neue zertrümmert. Andererseits gingen diese Fans nun jahrzehntelang durch eine Wüste – und plötzlich breitet sich vor ihnen eine wundervolle Oase aus. Hoffentlich handelt es sich also um keine Fata Morgana. Ein heuchlerischer, aber vielleicht auch ein menschlicher Wunsch.Jean-Marie Magro, Jahrgang 1992, ist ein deutsch-französischer Journalist und ARD-Korrespondent in Brüssel. Er verfolgt seit seiner Kindheit den Radsport, erst als Fan, später als Berichterstatter. Im Vorjahr erschien sein Buch „Radatouille“ (dtv) über seine ganz persönliche Tour de France.
Frankreichs Tour-Hoffnung Paul Seixas: Die ewige Sehnsucht einer ganzen Nation
Selten hat Frankreich in den vergangenen Jahren so viel Hoffnung in einen Radprofi gesetzt wie in den 19-jährigen Paul Seixas. Kann er einmal die Tour de France gewinnen?















