Von außen wirkt das Hotel Marriott im wohlhabenden Stadtteil El Rosal von Caracas wie ein Relikt aus einer Zeit, als die venezolanische Hauptstadt noch das Schaufenster eines von Petrodollars getriebenen Modernismus war. Ein 17 Stockwerke in die Höhe ragender Backsteinturm in einem einst pulsierenden, heute seltsam schläfrigen Finanzviertel. Doch wer die kühle, klimatisierte Lobby betritt, begreift sofort, dass dieses Gebäude gerade eine Wiedergeburt erlebt.In der Einfahrt stehen mehrere weiße Geländewagen. Sie tragen keine Kennzeichen, dafür Plaketten mit der Aufschrift „US Embassy“ und das Sternenbanner hinter der gepanzerten Windschutzscheibe. In der Lobby warten Fahrer und Sicherheitsleute auf den nächsten Fahrauftrag und mustern die Personen, die ein und aus gehen. Als drei Offiziere in der Uniform der US-Marines die Halle betreten, zucken sie nicht mit der Wimper.Die Tür eines Aufzugs öffnet sich. Ein Mann mit Knopf im Ohr versperrt den Zutritt. „No, Sir“, sagt er, und die Tür schließt sich wieder. Die Leuchtanzeige zählt nach oben, bis sie bei 17 stehen bleibt. Dort, im obersten Stockwerk, hinter einer gläsernen Brücke und einer Absperrung mit der Aufschrift „Restricted Area“, hat das US-Außenministerium in mehreren Suiten seine improvisierte Botschaft eingerichtet. Sie soll dort bleiben, bis das über Jahre stillgelegte Botschaftsgebäude in Caracas wieder funktionsfähig ist. „Busy times“, sagt ein Botschaftsmitarbeiter, der durch den Flur eilt.Zustand des nachgiebigen WiderstandsDas Marriott ist zu Washingtons Schaltzentrale in Venezuela geworden. Hier offenbart sich die Rückkehr der „Gringos“. Sie begann am 3. Januar mit jener Militäraktion, bei der amerikanische Spezialeinheiten den venezolanischen Machthaber Nicolás Maduro festgenommen und außer Landes gebracht haben. Entscheidend waren jedoch die Stunden und Tage danach. Es kam nicht zum Volkskrieg, den das Maduro-Regime stets beschworen hatte. Stattdessen reagierten die Venezolaner mit zurückhaltender Erleichterung. Auch in den Kasernen blieb es still. Nahezu reibungslos verlief die Machtübergabe an die damalige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez, die seither das Land regiert und sich eng mit Washington arrangiert hat.Delcy Rodríguez im Juli in CaracasAFPWeiterhin steht der Verdacht im Raum, dass Rodríguez und andere Figuren innerhalb des Maduro-Regimes vom Plan gewusst haben könnten. Auch ein in Caracas stationierter Diplomat, der unter dem Vorbehalt der Anonymität mit der F.A.Z. sprach, schließt dies angesichts des Ablaufs und der raschen Neuordnung innerhalb der Regierung nicht aus. Es habe immer Kontakte mit Washington gegeben, sagt er. Inwieweit Rodríguez eingeweiht gewesen sei, lasse sich jedoch nicht sagen.Für den Diplomaten ist hingegen klar, welches Kalkül Washington verfolgte. „Den USA ging es nicht um die Eindämmung des Drogenhandels oder einen Regimewechsel, sondern um den direkten Zugriff auf die venezolanischen Ressourcen und darum, die Achsen zu rivalisierenden Ländern wie Kuba und Iran zu kappen“, sagt er.Rubio bezieht sich auf einen Drei-Phasen-PlanBisher ist der Plan aufgegangen. Nach dem Sturz Maduros hat Washington eine Machtstruktur etabliert, in der die venezolanische Regierung formell weiterhin die Führung innehat. Tatsächlich ist ihr Handlungsspielraum begrenzt. Die US-Regierung wird in Venezuela vom Geschäftsträger John Barrett vertreten, der Ende April mit dem ersten kommerziellen Flug aus den USA seit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen im Jahr 2019 in Caracas ankam.Marco Rubio im Juli in WashingtonAFPDie Regierung agiere seit dem 3. Januar in einem Zustand des „nachgiebigen Widerstands“, sagt der Diplomat. Nach außen halte sie den Eindruck der Unabhängigkeit am Leben, auch rhetorisch. Hinter verschlossenen Türen folge sie jedoch den Vorgaben Washingtons. „Die Amerikaner haben das Sagen.“ Wie die „New York Times“ berichtet, kann Rodríguez nicht einmal einen Social-Media-Post absetzen, ohne dass der amerikanische Außenminister Marco Rubio ihn genehmigt, geschweige denn Personal einstellen oder Geld ausgeben.Maduro ist seit einem halben Jahr weg, doch sein Regime regiert weiter. Was wie ein Widerspruch aussieht, ist das Fundament eines Fahrplans, den Rubio als Drei-Phasen-Plan vorgestellt hat. Er sieht zunächst die Stabilisierung der Sicherheitslage vor, danach die Wiederbelebung des Ölsektors durch Investitionen und Sanktionslockerungen. Die letzte Phase, über die Washington bisher kaum gesprochen hat, soll den Übergang zum demokratischen Rechtsstaat bringen.Wohin fließen die Erdöl-Milliarden?Rubio braucht den bestehenden Machtapparat dafür. Oscar Hernández Bernalette, der mehr als drei Jahrzehnte für das venezolanische Außenministerium tätig war, unter anderem zweimal als Generalkonsul in den USA, spricht von einem „extremen Pragmatismus“ Washingtons. Amerika würde lieber mit dem bestehenden Apparat zusammenarbeiten, als der Opposition sofort die Macht zu übertragen. Der Grund sei die Angst vor Chaos wie im Irak oder in Libyen. „Viele der Dinge, die in der Zukunft passieren müssen, um Stabilität zu erreichen, werden nun bereits von Rodríguez gelöst“, sagt Bernalette.Neben der militärischen Drohkulisse ist das Erdöl zum wichtigsten Kontrollinstrument geworden. Laut Bloomberg beliefen sich die Ölexporte in den ersten drei Monaten dieses Jahres auf rund 100 Millionen Barrel. Die Einnahmen dürften fast acht Milliarden Dollar betragen haben. Doch das Geld landet nicht direkt im venezolanischen Staatshaushalt. Es fließt über kontrollierte Konten in Qatar oder zum amerikanischen Finanzministerium. Die USA gewähren sich selbst einen Abschlag von etwa 15 Dollar pro Barrel, um „Vermittlungskosten“ zu decken. Venezuela muss monatliche Budgetanfragen an Washington stellen. Bis Mitte April sollen laut Bloomberg lediglich etwa drei Milliarden Dollar für das Land freigegeben worden sein.Eine rostige Ölförderanlage in Cabimas im JanuarReutersDas System ist alles andere als transparent. Öffentliche Berichte über die Ölverkäufe und freigegebenen Mittel gibt es nicht. Die staatliche Ölgesellschaft PDVSA veröffentlicht bereits seit 2016 keine Einnahmezahlen mehr. Unter der neuen US-Aufsicht hat sich daran nichts geändert. Die Vereinbarungen zwischen Washington, Caracas und den beteiligten Rohstoffhändlern bleiben unter Verschluss.Wichtiger Verbindungsmann ohne AmtAuch im Marriott wird über Erdöl und Förderquoten gesprochen. Im Restaurant sitzt eine Frau hinter einem Laptop. Sie trägt ein Hemd mit dem Firmenlogo von Chevron, des einzigen großen amerikanischen Ölkonzerns, der Venezuela nie ganz verlassen hat. Auch andere Unternehmen sondieren Investitionen. Es seien in den vergangenen Monaten so viele amerikanische Geschäftsleute hier gewesen wie nie zuvor, bestätigt ein Portier. Im Salon des Hotels vermischen sich diplomatische und geopolitische mit geschäftlichen Interessen bei einem Glas Whiskey.Neben den offiziellen Kanälen ist eine informelle Vermittlungsstruktur entstanden. Eine zentrale Figur darin ist Mauricio Claver-Carone, einst Hardliner im US-Sicherheitsrat. Obwohl er kein Amt in der Regierung bekleidet, agiert er als Verbindungsmann zwischen Washington und Rodríguez.Laut einer Recherche der „Washington Post“ entscheidet Claver-Carone faktisch mit darüber, welche Investoren Zugang erhalten, und übermittelt zugleich politische Botschaften Rubios. Er ist Berater von Centerview Partners, jener Firma, die das lukrative Mandat für Venezuelas Schuldenumstrukturierung erhalten hat.Liebe für Baseball, Miami und TrumpDie jetzige Wiederannäherung zwischen den USA und Venezuela, so erzwungen und zweifelhaft sie auch ist, markiert für viele Beobachter das Ende einer fast drei Jahrzehnte währenden Anomalie. Bernalette beschreibt das Verhältnis vor der Ära von Hugo Chávez als eine „privilegierte Beziehung“, die weit über das Geschäftliche hinausging.Delcy Rodríguez im März neben einer Baseball-Trophäe nach einem Sieg über die Vereinigten StaatenAPVenezuela war seit den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts nicht nur ein verlässlicher Öllieferant, sondern auch ein enger Partner in Sicherheitsfragen. Venezolanische Militärs wurden in den USA ausgebildet, Tausende Studenten gingen an amerikanische Universitäten. In den Neunzigerjahren unterhielt Venezuela nach Mexiko die meisten Konsulate in den Vereinigten Staaten. Erst durch den bewussten Bruch unter Chávez habe die Konfrontation begonnen, sagt Bernalette. Kurz vor dem Ende seiner diplomatischen Karriere sah er im Außenministerium ein Bild, das den damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush als Hitler zeigte.Trotz der jahrelangen antiamerikanischen Rhetorik des Chavismus sind die kulturellen Verbindungen erhalten geblieben. Sie zeigen sich in der Leidenschaft der Venezolaner für Baseball, der Vorliebe für US-Marken und Reisen nach Miami. Der Politikanalyst und Meinungsforscher Luis Vicente León betont, dass es in Venezuela nie einen echten Volkshass gegen die Vereinigten Staaten gegeben habe, wie man ihn aus anderen lateinamerikanischen Ländern kenne.Trump und Rubio sind beliebter als venezolanische PolitikerDer einfache Venezolaner habe die USA nie als Ursache der heimischen Misere akzeptiert. Deshalb werde die Rückkehr der „Gringos“ von vielen nicht als Bruch mit der Souveränität, sondern als Wiederherstellung einer historischen Normalität empfunden. „Der einfache Venezolaner hat die Vereinigten Staaten niemals abgelehnt. Er hat die These des Imperialismus nicht gekauft und ihnen nicht die Schuld an der venezolanischen Krise gegeben“, sagt León.Umfragen zeigen, dass Trump und Rubio in Venezuela beliebter sind als die meisten venezolanischen Politiker. Der Politikanalyst León stellt diese Popularität in direkten Zusammenhang mit dem 3. Januar. „Die Mehrheit der Bevölkerung bewertet die US-Intervention positiv, weil sie ohne internen Konflikt, Chaos oder eine weitere drastische Verschlechterung der Wirtschaft ablief.“ Mehr als 60 Prozent der Venezolaner tragen laut León auch die Strategie Washingtons mit, zunächst die Wirtschaft zu stabilisieren, bevor politische Veränderungen angegangen werden.Das Erdbeben als BremsklotzBis zum 24. Juni schien dieses ungewöhnliche Arrangement aufzugehen. Dann bebte die Erde. Das schwere Doppelerdbeben, das Tausende Venezolaner das Leben kostete, hat nicht nur große Teile des Landes zerstört. Es droht auch, Washingtons Fahrplan durcheinanderzubringen.Die Regierung von Rodríguez stand nach dem Beben rasch in der Kritik, nicht zu einer ausreichenden Reaktion fähig gewesen zu sein. Gleichzeitig gelangen ausländische Hilfskräfte und Hilfsgüter so einfach ins Land wie lange nicht.Das amerikanische Schiff USS San Antonio im Juli im Hafen von La Guaira nach dem Erdbeben in VenezuelaAFPAmerikanische Spezialeinheiten sind beim Wiederaufbau des schwer beschädigten internationalen Flughafens und des wichtigen Hafens von La Guaira federführend. Schon in den ersten Tagen wurden Hubschrauber der Navy im Katastrophengebiet beobachtet. Rodríguez verkauft die internationale Mobilisierung als Beweis dafür, dass Venezuela nicht mehr isoliert ist.Sind die Sanktionen noch haltbar?Phil Gunson, der Venezuela seit vielen Jahren für die International Crisis Group beobachtet, warnt davor, die politischen Folgen des Erdbebens zu unterschätzen. Katastrophen hätten in der Vergangenheit immer wieder das Ende von Regimen eingeläutet, doch nie unmittelbar.In Venezuela sieht Gunson mittelfristig eher das Gegenteil. Das Beben sei ein Rückschlag für Rubios Drei-Phasen-Plan. Die Notwendigkeit des Wiederaufbaus verdränge vorerst die politische Agenda. „Das spielt dem Plan A von Rodríguez in die Hände, der im Wesentlichen darin besteht, die Veränderung immer weiter vor sich herzuschieben und ihre eigene Herrschaft zu konsolidieren.“Damit verschärft das Erdbeben ein Paradox, das bereits zuvor bestand. Washington braucht den Apparat des alten Regimes, um das Land zu stabilisieren. Je größer die Aufgabe des Wiederaufbaus wird, desto unverzichtbarer erscheint dieser Apparat. Und desto leichter kann Rodríguez ihre eigene Ablösung hinauszögern.Auch finanziell stellt die Katastrophe Washington vor enorme Herausforderungen. Gunson spricht von bis zu 30 Milliarden Dollar, nur um die Basisdienste und die Ölindustrie wieder funktionsfähig zu machen. Dies stelle auch das Sanktionsregime infrage. Es sei schwer zu rechtfertigen, ein Land in einer humanitären Notlage weiterhin massiv zu sanktionieren, während man gleichzeitig vorgebe, es wieder aufbauen zu wollen.Die Demokratie muss wartenRubio hat klargemacht, dass der Drei-Phasen-Plan weiterhin umgesetzt werde. Zugleich dürfte er sich eher verzögern als beschleunigen. Ein Zeichen dafür war die abgebrochene Rückkehr der Oppositionsführerin und Nobelpreisträgerin María Corina Machado.Machado hatte in der Woche nach dem Beben angekündigt, nach Venezuela zurückkehren zu wollen. Doch Washington pfiff sie zurück. Beamte des Weißen Hauses und des Außenministeriums bezeichneten ihren Plan gegenüber der „New York Times“ als opportunistisch und als „politischen Stunt“, der die Hilfsmaßnahmen behindere.Hätten die USA gewollt, dass Machado bereits jetzt eine führende Rolle vor Ort übernimmt, hätte sie den notwendigen Schutz und die legalen Möglichkeiten dazu erhalten, sagt León. „Die venezolanische Regierung hat heute nicht die Kraft, sie aufzuhalten. Wer die Kraft hat, sie aufzuhalten, sind die Vereinigten Staaten, und sie sind es, die sie gestoppt haben.“Machado steht damit vor der Wahl, dem amerikanischen Zeitplan zu folgen oder ohne Washingtons Schutz ein hohes Risiko einzugehen. Ausgerechnet die Vereinigten Staaten, die Maduro beseitigten, sind derzeit das größte Hindernis für ihre schnelle Rückkehr an die Spitze der venezolanischen Politik.
Venezuela: Wie die USA seit Maduros Sturz das Sagen haben
Seit einem halben Jahr bestimmen die USA, was in Venezuela passiert. Doch das Erdbeben bringt den Fahrplan durcheinander.






