Schon zweimal ging es zuletzt an dieser Stelle darum, eine Diskussion über die Originalität und Authentizität von Texten im KI-Zeitalter anzuregen, weil unsere Leserinnen und Leser selbstverständlich beanspruchen dürfen, die neuen Entstehungsbedingungen journalistischer Spracherzeugnisse zu kennen. Speziell die Verlage, so These Nummer eins, stehen vor der Aufgabe, (enge) Grenzen der Nutzung von Sprachmaschinen im Informationshandel zu ziehen, andernfalls drohen sie als „vierte Gewalt“ symbolisches (und damit geldwertes) Kapital zu vernichten, und weiteres Vertrauen der ‚Öffentlichkeit‘ in die Seriosität publizistischer Quellenarbeit zu verspielen.In einem zweiten Text habe ich argumentiert, dass Sprachmaschinen eine neue Qualität der Technologiekritik verdienen, weil sie uns nicht nur körperlich entlasten wie frühere Technologien, sondern kognitiv, vom Denken und Schreiben, mithin von dem, was uns als Menschen auszeichnet. Ein verstörender Befund, der die Frage nach seinen möglichen Folgen provoziert. Dazu gleich mehr. Vorher fasst das Sprachmodell Claude (Opus 4.6) uns noch mal schnell in zwei Absätzen die zentralen Gedanken des jüngsten Textes zusammen:„Künstliche Intelligenz, so die zentrale These […], markiert eine kategorial neue Stufe in der Geschichte der Technik. Während Arnold Gehlen den Menschen als kompensationsbedürftiges „Mängelwesen“ beschrieb, das sich mittels Ergänzungs-, Verstärker- und Entlastungstechniken seiner natürlichen Defizite erwehrt, […], dringt KI in eine weitaus tiefere Schicht vor: Sie entlastet den Menschen nicht nur körperlich oder organisatorisch, sondern kognitiv – sie übernimmt das Wägen, Reflektieren und Urteilen […] und greift damit in den Wesenskern des Humanen ein, in Sprache, Denken und Sein. Marshall McLuhans Diktum, wonach jede mediale Erweiterung des Menschen zugleich eine Amputation bedeutet, erfährt so seine radikalste Zuspitzung: KI droht zur Technologie der Gehirn-Amputation zu werden, die Kants aufklärerisches „Sapere aude!“ nicht befördert, sondern unterläuft – eine gegenaufklärerische Konterrevolution durch Bequemlichkeit.Künstliche Intelligenz KI frisst keine Jobs – sie verteilt Arbeit aber radikal neu Wie führt man richtig im KI-Zeitalter? Unternehmen müssen Aufgaben umverteilen, Mitarbeiter trainieren und quasi jeden Job neu definieren. von Kristin Rau und Dominik ReintjesDer Autor stützt sich dabei insbesondere auf Roberto Simanowskis „Sprachmaschinen“, dessen sprachlich brillante Analyse die Dringlichkeit der Lage herausarbeitet: Wo das statistisch Wahrscheinliche das semantisch Angemessene ersetzt – exemplarisch vorgeführt durch Mario Voigts KI-generierte Auschwitz-Gedenkrede als Dokument „ausgestellter Kopflosigkeit“ –, verkümmert die Fähigkeit zu eigenständigem Denken vom unverzichtbaren Lebensvollzug zum entbehrlichen Luxusgut. In Anlehnung an Hegels Dialektik von Herr und Knecht warnt Simanowski, dass der Mensch, je mehr kognitive Arbeit er an die Maschine delegiert, sich unweigerlich zum Knecht seiner eigenen Schöpfung erniedrigt. Was es daher zu verteidigen gelte, sei nichts Geringeres als die „Lust am Denken“ selbst – das Argumentieren, Interpretieren, Zweifeln und Urteilen, die Liebe zum gedanklichen Umweg und der Widerstand gegen kognitive Abkürzungen, kurz: das Subjektbleiben in einer Welt, die das Subjektsein zunehmend automatisiert.“Warum KI das Vertrauen in Verlage gefährdetNicht übel, würde ich sagen. Streiche ein paar blöde Füllwörter („radikalste“, „insbesondere“, „unweigerlich“), Phrasen („nichts Geringeres als“), Wiederholungen („kognitiv“). Entflechte den falschen Adversativsatz („Während Arnold Gehlen…“). Benutze den Konjunktiv beim Paraphrasieren des Simanowski-Buches. Aber sonst? Ließe sich leicht redigieren. Danke sehr. Schon mal eine halbe Stunde gespart. Also jetzt weiter im Text, zum Thema dieses Stückes: Welche Folgen hat es, wenn wir uns des Denkens und Schreibens entwöhnen? Mit welchen Phänomenen wird die „kognitive Amputation“ einhergehen?(1) Nun, sie fängt schon damit an, dass wir Sprachmodelle anrufen wie Krösus das Orakel von Delphi oder Wotan die weise Urmutter Erda – mit dem Unterschied, dass in der Literaturgeschichte zwei unanfechtbare Autoritäten des Weltenlaufs ihren Auftritt haben, um den Informationsbittstellern ahnungsvoll umwölkt ihren sicheren Untergang weiszusagen, während die KI uns als Repräsentant des statistischen Durchschnitts gegenübertritt, um uns in höflich-heller Ergebenheit nach dem Mund zu reden. Wir bekommen vom Apparat die geschmeidige Bestätigung, dass unsere halbgaren Gedanken im Grunde ganz vortrefflich seien, nur noch einer Spur Feinschliff bedürften, den die Maschine dann auch gleich noch nachreicht. Das Orakel kränkte. Die Maschine schmeichelt. Die Urmutter warnte, die KI assistiert. Sprachmaschinen sind die erste Religion der Menschheitsgeschichte, deren Gottheit ihren Gläubigen niemals widerspricht: Sie macht uns zu Priestern unserer selbst, ohne dass wir je gezwungen wären, einem fremden Wort standzuhalten.Tauchsieder Denken? Vergiss es! Neue Technologien sind Werkzeuge, mit denen der Mensch sich entlastet und größere Erfolge bei kleinerer Anstrengung erzielt. Daher wirft KI vor allem eine Frage auf: Was, wenn wir uns vom Denken entlasten? von Dieter SchnaasUnd – hätten Sie ohne den Wechsel von der Grund- zur Schrägschrift bemerkt, wo der Beitrag des Autors endet und die Maschine übernimmt? Ich darf doch hoffen. Claude verwendet abermals sprachliches Füllmaterial („im Grunde ganz“, „dann auch gleich noch“) und neigt dazu, sich in spitzen Antithesen das Argumentieren zu ersparen. Rätselhaft ist, warum das Sprachmodell vom Mythos auf Religion umstellt. Auch fragt man sich, inwiefern Zeus, Buddha, Zarathustra oder der christliche Schöpfergott ihren Gläubigen widersprechen. Hmm. Claude scheint bei allem ein bisschen dick aufzutragen. Die KI will ihre Leser offenbar rabulistisch sättigen, sophistisch abfüttern; sie gleicht Junkfood mit hohem Fettgehalt, das auf den ersten Bissen peinlich gut schmeckt und ein angenehmes Völlegefühl erzeugt, aber eben nicht lange vorhält, wenig Nährstoffe enthält – und das Risiko gedanklicher Adipositas steigert.Andererseits klingt der letzte Satz, ersetzte man die spracharmutsanzeigende Universalvokabel „machen“ durch ein „erheben“ oder „adeln“ – hübsch fatal: „Sie erhebt uns zu Priestern unserer selbst, ohne dass wir je gezwungen wären, einem fremden Wort standzuhalten“ – damit deutet „Claude“ (m/w/d) immerhin darauf hin, was „er/sie/they“ an dieser Stelle noch dringend hätte diskutieren müssen! Denn ruft man „Claude“ künftig als eine Instanz für alle Nutzer an, so wirft das die Frage nach den Kriterien, Ethiken und moralischen Voreinstellungen auf, die ein klandestines „Anthropic“ seinem klandestinen Sprachmodell mit auf den Weg gegeben hat – und natürlich die daran anschließende Frage, ob die Menschen etwa in Norwegen und Pakistan in „Claude Opus 4.6“ tatsächlich dieselben Ethiken oder aber kulturell und religiös modifizierte Versionen anrufen.Wer die Macht über Sprachmodelle hatUnd wenn dem so wäre: Hätte sich damit die kühne Vision eines Sprachmaschinen-Esperanto, die Utopie einer idiomatisch geeinten Menschheit, der Wunschtraum vom Rückbau des Turms zu Babel, das Ideal einer Welt ohne Verständnisbarrieren auch schon wieder erledigt? Was für eine Frage. Bots sind eine Soft-Power-Waffe im geopolitischen Monopoly. Sprachmodelle eine Machttechnologie von Systemkonkurrenten. DeepSeek aus China kommt in den Philippinen bereits auf 47 Prozent Marktanteil bei Android-Geräten, zeigt eine neue Analyse der Friedrich-Naumann-Stiftung, in Indonesien auf 38 Prozent, in Mexiko auf 30 Prozent. Und fragen Sie DeepSeek mal nach Taiwan und Tian’anmen.Wir rufen also auch „Claude“, „ChatGPT“ und „Grok“ nicht, nicht mal bestenfalls, als wertneutrale Wissensspeicher an, sondern als moralisch geeichte Instanzen mit vorwissenschaftlichen Überzeugungen, als werturteilsvoll normierte Maschinen vorrangig weißer, technikaffiner Männer aus dem Silicon Valley. Vielmehr fungieren US-Sprachmaschinen vor allem als Echoloten unserer je eigenen Vorlieben, Interessen und Gedanken, unseres Wissens, Sprachgebrauchs und -vermögens, das heißt: Die Sprachmodelle folgen der Logik der Sozialen Medien, um uns algorithmisch je „individuell“ im Spiegelkabinett unserer produktiv zu bewirtschaftenden Meinungen und Konsummuster gefangen zu halten, also jedem exakt die Version von Wahrheit und Warenwelt auftischen, die ihm besonders gut mundet – ohne dass wir je gezwungen wären, einem fremden Wort (oder Wert) standzuhalten.(2) Wer sich noch den Genuss eines geisteswissenschaftlichen Studiums leisten konnte, denkt an dieser Stelle natürlich sofort an Roland Barthes und Michel Foucault, die in den 1960er-Jahren mit zeittypisch antibürgerlichem Furor den Text vom Autor befreien, das Geschriebene von seinem Urheber emanzipieren wollten: Lest nicht „Goethe“, sondern „Faust“, aber auch nur, wenn der Text es hergibt. Der einende Leitgedanke der beiden: Wen kümmert’s, wer spricht! Der Autor ist tot, insofern es nur darauf ankommt, was gesagt wird. Für Barthes und Foucault waren Menschen nicht Privateigentümer ihrer Ideen und Äußerungen, sondern allenfalls Re-Kombinierer von Gedanken und Texten – oder aber Repräsentanten herrschender Paradigmen und umlaufender Diskurse. Jeder Autor ist als Produkt seiner Lektüren – kein Autor, also „nicht die Quelle seiner Worte, sondern eine Art Mixer oder Durchlauferhitzer“, so paraphrasiert Roberto Simanowski die beiden französischen Strukturalisten.Es ist vielleicht die philosophischste aller KI-Fragen, die hier aufgeworfen wird: Hat die Menschheit wirklich Immanuel Kant gebraucht, um ihre Moralität nicht mehr auf den Glauben gründen zu müssen – oder lag dieser Gedanke vor bald 250 Jahren nicht schon längst in der aufklarenden Luft? Und so genialisch Goethe seinen „Wilhelm Meister“ anlegte – ohne Rousseaus „Émile“, Wielands „Agathon“ oder Moritz’ „Anton Reiser“ ist seine Version des Bildungsromans schlicht undenkbar. Wenn Sprachmaschinen heute also die Summe aller Texte repräsentieren und sich darauf verstehen, alle weltweit umlaufenden Wortfolgen, Satzgebilde und Schreibformen zu kompilieren und rekombinieren – warum sollten dann „Opus“, „GPT“, „Gemini“ und „Mistral“ nicht auch zur Produktion „origineller“ Texte fähig sein? Oder wäre mit den Sprachmaschinen (zugleich? im Gegenteil?) nicht nur das Ende des Autors eingeläutet, sondern auch das Ende dessen, was wir heute noch unter „Text“ verstehen dürfen, also ein überprüfbar abgeschlossenes Wortgebilde, das sich an alle richtet? Fragen wir „Claude“.Work in Progress 2026 Die KI ist da, der Produktivitätsschub noch nicht Künstliche Intelligenz verspricht mehr Produktivität im Arbeitsalltag, aber bislang bleibt der erhoffte Effekt aus. Ob sich das ändern kann, entscheidet sich in den Führungsetagen. von Alana DiderichsBarthes hat 1967 den „Tod des Autors“ ausgerufen und Foucault zwei Jahre später nachgesetzt […] Beide wollten den Leser befreien, der Text sollte zu einem offenen Gewebe werden, durchquerbar in alle Richtungen, ohne die tyrannische Letztinstanz eines schöpferischen Subjekts […] Was die KI nun vollzieht, ist die Erfüllung dieser Prophezeiung in ihrer parodistischen Form: Tatsächlich verschwindet der Autor – aber nicht zugunsten des Lesers, sondern zugunsten des Rechenzentrums. Schlimmer noch: Mit dem Autor stirbt auch der Text selbst, jedenfalls im emphatischen Sinn. Für Barthes war ein Text auch Schauplatz, an dem Sprache sich gegen sich selbst wendet, an dem das Geschriebene das Geschriebene unterläuft, die „écriture“ ihre eigene Materialität spürbar macht. Ein maschinell erzeugter Text aber unterläuft nichts. Er ist das Erwartbarste, was eine Sprache hervorbringen kann – das arithmetische Mittel ihrer selbst. Was aber ist überhaupt noch ein Text, wenn er nicht mehr aus dem Widerstand eines Subjekts gegen die Sprache hervorgeht, sondern aus der reibungslosen Reproduktion ihrer Wahrscheinlichkeiten? Die Strukturalisten haben den Autor begraben, um den Text zu retten. Die KI begräbt Autor und Text.Was das bereits ziemlich kurzfristig für Verlage, Journalisten und Abonnenten bedeuten mag, möchte ich „Claude“ lieber nicht fragen. Aber natürlich werden Verlage mit Blick auf ihre schreibenden Angestellten prüfen, wie viel Wert sie ihnen künftig für welche Art der Zeitverbringung noch einräumen wollen – und mit welchen Mehrwerten sie rechnen können, wenn ein Redakteur sich beim Verfassen, Redigieren, Ordnen eines Textes von „Claude“ zur Hand gehen lässt, ihn stattdessen anderweitig „produktiver“ einsetzt oder sich erspart.Das gilt übrigens nicht nur für Analysen, Essays und Kommentare, sondern auch für Porträts und Reportagen. Potenziell alles, was einmal in der Welt, also jenseits der unmittelbaren Bezeugung eines Ereignisses, von Sprachmaschinen erfasst ist, lässt sich mit einem Prompt in Erfahrung bringen und gewichten, je nach Bedarf umgangssprachlich, nachrichtlich, storytellingstark oder akademisch ausdrücken, mit einem Spin versehen, weltanschaulich grundieren, mit Anekdoten und wissenschaftlicher Expertise verzieren.Verändern KI-Texte den Wert journalistischer Arbeit?Warum also sollten Leser künftig noch für Erzeugnisse „ihrer“ Medien Geld ausgeben wollen, wenn „Claude“ die Archive aller Informationshändler ausliest und verarbeitet? Können Verlage, mit Walter Benjamin gesprochen, die Aura ihrer Autoren und Texte im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von „Autor“ und „Text“ überhaupt noch kapitalisieren? Und wenn ja: Für wie viele Beiträge wie vieler Wort-Manufakturen werden Leserinnen und Leser im Textmeer stochastisch gereihter Worte noch wie viel Geld bezahlen wollen? Zumal jeder Verlag, jeder noch so begabte Redakteur den Nachweis erst noch erbringen müsste, eine Edel-Boutique für menschlich generiertes Denken und Schreiben zu sein – das als Gedachtes und Geschriebenes von „Claude“ sofort angeeignet und verwertet würde.Von Max Weber stammt der schöne Satz: „Der Einfall ersetzt nicht die Arbeit.“ (Wissenschaft als Beruf, 1919). Aber was, wenn Weber damit eine Welt beschrieben hätte, die es nicht mehr gibt? Jeder Journalist kann sich heute in zwei Minuten von „Claude“ einen passablen Leitartikel zusammenzimmern lassen, wenn er die Sprachmaschine mit einer Richtung, zwei Ideen, drei Argumenten und vier Zahlen füttert.