Man muss, was auch immer man von seiner Aktion hält, dem Menschen und Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner zugestehen, dass er erreicht hat, was er wollte, als er am vergangenen Wochenende einen computergenerierten Kommentar über den Einsatz sogenannter Künstlicher Intelligenz im Journalismus veröffentlichte: Er hat ordentlich Schwung in die Debatte gebracht. Und womöglich kann man das Ganze sogar tatsächlich für eine gelungene Provokation halten, für einen „Schelmenstreich“, der „zum Nachdenken anregen“ sollte, wie es ein Sprecher des Verlags bezeichnete – jedenfalls dann, wenn man, um gleich einmal mit Sigmund Freud zu sprechen, davon ausgeht, dass in Zeiten der automatisierten Diskursproduktion in der Reflexfabrik Springer überhaupt noch irgendein Ich Herr im Hause ist.
Mit der inhaltlichen oder formalen Qualität seines unmenschlichen Textes, mit der Überzeugungskraft der Argumente oder der Eleganz des Stils hat der Erfolg von Döpfners Stunt allerdings nichts zu tun. Dass er sich allein der Kraft seiner Autorschaft verdankt, ist die paradoxe Pointe der Aktion. Sie konterkariert die Lektion, die Döpfner den „Maschinenstürmern“ seiner Branche (gemeint war damit die Reaktion dieser Zeitung, die einen KI-generierten Gastbeitrag von Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt aus dem Netz genommen hatte) erteilen will, auf „fulminante“ Weise, möchte man fast mit Döpfner sagen. Döpfner hat sich einen Spaß erlaubt, wie schon unzählige andere vor ihm, die mit einem derart verfassten Text die verblüffenden Fähigkeiten oder auch die irreparablen Schwächen der modernen Schreibmaschinen beweisen wollten. Höhö. Ernst nimmt man diese Performance vor allem deshalb, weil es der Chef eines relevanten Textproduktionsunternehmens ist, der da in aller Öffentlichkeit seinen Turing-Test durchzieht. Was vor allem eines deutlich macht: dass es, entgegen den Parolen jener Pragmatiker, die es gar nicht erwarten können, in einer automatisch generierten Zukunft zu leben, doch noch erstaunlich vielen Leuten wichtig ist, von wem ein Text stammt.Hier spricht der Chef noch selbst„Wen kümmert’s, wer spricht?“, das war bekanntlich die Frage aus einer Erzählung von Samuel Beckett, die Michel Foucault in seinem Aufsatz „Was ist ein Autor“ zitierte. Die Antwort war aber nicht: niemanden. Im Gegenteil: Foucault ging es darum, zu untersuchen, wer wann was wie sagen durfte und darf, mit welcher Macht, aus welcher Position. Wenn es Döpfner also darum ging, zu demonstrieren, dass er nur als Funktionsträger spricht und nicht als Urheber genialer Gedanken, hat das ganz gut geklappt. Auch weil man bei der Lektüre des Textes bis zur Auflösung am Ende kaum einen Verdacht hatte, dass er von einer Maschine stammt. Wer in der Vergangenheit schon einmal einen Artikel von Döpfner gelesen hat, musste sich nicht wundern über all die abgegriffenen Bilder und den Satzbau von der Stange. Dass man den Text mit einem vom Springer-Chef persönlich erdachten Kommentar verwechseln konnte, lag jedenfalls nicht an der schriftstellerischen Brillanz von Gemini.Dass Döpfner mit seinem Trick erfolgreich war, macht ihn aber nicht weniger problematisch: Durch die Offenlegung der Entstehungsweise simuliert er Transparenz und kalkuliert doch mit den Effekten der Täuschung. Er tut, als sei der Inhalt gar nicht seine eigene Meinung, und übernimmt doch durch die Autorenzeile dafür Verantwortung. Und so muss sich Döpfner auch nicht wundern, dass man nun doch dessen Inhalt widerspricht; dass man ihm vorwirft, sein Text sei eine Kapitulationserklärung und seine Begeisterung für die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz nur die allerdümmste Antwort auf die Frage, wie der Journalismus vernünftig damit umgehen könnte.Die Simulation von OriginalitätOb aber Sprachmodelle nicht doch irgendwann lernen werden, mehr als derart dürftige Durchschnittsware zu produzieren, ist eine andere Frage. Denn so eindrucksvoll Döpfner mit seinem Experiment die Grenzen ihres Könnens bewiesen hat, möchte man sich nicht darauf verlassen, dass sie nicht doch irgendwann ein anderes Niveau erreichen. Im Wesentlichen gibt es auf diese Frage zwei Antworten: Die Ankunft echter, übermenschlicher Intelligenz, der sogenannten Allgemeinen Künstlichen Intelligenz, steht kurz bevor. Das ist der Gospel der aktuellen Silicon-Valley-Ideologie, als deren Prophet Döpfner so gerne auftritt. Glaubt man dagegen den Kritikern dieser Weltanschauung, sind Chatbots nicht viel mehr als „stochastische Papageien“, wie es die Metapher der Linguistin Emily M. Bender auf den Punkt bringt: Sie tun nicht mehr, als Wortfolgen auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeiten zu ergänzen. Sie sind demnach von Natur aus nicht dazu in der Lage, semantische Muster zu durchbrechen und einen wirklich überraschenden Gedanken zu entwickeln. Und wenn es doch gelegentlich so wirkt, dann liegt das nur daran, dass sie ein paar Texte (oder genauer gesagt „Token“) aus der riesigen Menge an Trainingsdaten auf neue Weise kombiniert haben: Es ist die Simulation von Originalität oder Emergenz.Wettrüsten der KI-SystemeDamit jedoch ist die Frage, ob sich der Mensch in Zukunft gegen die Maschinen behaupten kann, leider noch nicht beantwortet: Denn auch die Vorstellung, es gäbe ein auf irgendeine Weise „natürliches“ Schreiben, in dem sich die inneren Wahrheiten und genialen Gedanken eines Autors ausdrücken, sein Leiden und sein Ringen um Originalität, ist vor allem eine romantische Illusion. Für die Theoretiker der Postmoderne dagegen funktionierte Schreiben schon immer wie ein KI-Modell: als „Verkettung“ aufeinander verweisender Signifikanten, als „Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur“, wie es Roland Barthes formulierte.Noch immer eine gute Frage: „Was ist ein Autor?“ hieß der berühmte Vortrag von Michel Foucault aus dem Jahr 1969 zur KI-DebatteAFPDass zu dieser Verflechtung durchaus eine gewisse Kunstfertigkeit gehört, ist der Grund dafür, dass man dem Schreiben bis heute Anerkennung entgegenbringt – und dass man damit ein Publikum, einen Markt, intellektuelle Anerkennung findet. Was dabei jeweils als guter Stil gilt, in Literatur oder Journalismus, hängt davon ab, wie raffiniert man konventionelle Muster vermeidet oder wie kalkuliert man sie bedient. Noch unterscheidet sich dabei die Art und Weise, wie Menschen diesen Job angehen, von der der Maschinen: Weil Sprachmodelle dazu trainiert werden, sichere Antworten zu geben, neigen sie dazu, Mittelmaß zu belohnen und gewagte Formulierungen zu vermeiden. Zwar kann man versuchen, sie in eine andere Richtung zu prompten, beispielsweise einen bestimmten Stil zu kopieren, aber selbst das tun sie so schematisch, dass oft nur eine Karikatur herauskommt. Und weil sie sich immer mehr von ihren eigenen Outputs ernähren, warnen einige Experten, schleifen sich die Ecken und Kanten zunehmen ab: „Model Collapse“ nennt sich das Phänomen, eine Art algorithmische Inzucht, die vielleicht irgendwann in der kompletten Degeneration endet. Schon heute sind einigen Schätzungen zufolge die Hälfte aller Texte im Internet „synthetisch“. Womöglich merken das nicht alle Leser – aber die Maschinen tun es – noch: Dass Programme wie „Pangram“ relativ verlässlich analysieren können, ob ein Text von einer KI generiert wurde oder nicht, liegt daran, dass die LLMs viel obsessiver auf bestimmte Muster in Satzbau und Wortwahl setzen, als es noch der schlimmste menschliche Phrasendrescher tut. Selbst wenn sie Regeln brechen, beachten sie dabei Regeln.Erotik des Schreibens oder Sex mit dem Chatbot?Mittlerweile werben unzählige Dienste damit, diese Detektoren mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und mit sogenannten „KI-Humanizern“ KI-Texte „menschlicher“ zu machen. Wie dieses Wettrüsten ausgehen wird, lässt sich kaum vorhersehen. Es hat aber schon heute einen gefährlichen Effekt: Wenn KI-Kontrolleure zur Instanz werden, die über die Integrität von Texten entscheidet, könnten ihre Kriterien zum Maßstab dafür werden, was man für menschliches Schreiben hält. Wer heute eine Bewerbung abschickt, versucht schon, wie ein Bot zu klingen: Weil bei vielen Firmen KI-Systeme die Einsendungen prüfen, bevor sie überhaupt ein Mensch zu sehen bekommt, hat man kaum eine Chance, wenn man sie nicht vorher selbst von einer KI prüfen lässt.Für den totgesagten Autor könnte das eine Chance zur Wiedergeburt sein. Vor allem aber hat der Mensch gerade dort noch nicht ausgedient, wo es mehr denn je darauf ankommt, wer spricht, im Journalismus. Die Nachfrage nach einer Figur, die man mit den Texten identifizieren kann, nimmt ja nicht ab, selbst wenn sie nur eine Funktion erfüllt. Sie wird auch in Zukunft eine Rolle spielen, ob sie darin besteht, Verantwortung zu übernehmen oder das Klischee des genialen Autors zu erfüllen, durch einen unnachahmlichen Stil zu beeindrucken oder nur durch Prominenz. Für alle, die das Schreiben als Vergnügen empfinden – oder auch als eine auf masochistische Art erfüllende Tätigkeit –, stellt sich die Frage, ob man es an eine Maschine delegieren sollte, ohnehin nicht. Selbst Roland Barthes, der so unbarmherzig den Autor tötete, betonte leidenschaftlich seine „Lust am Text“, die durch den Bruch der sprachlichen Normen entsteht, die Kluft zwischen der „Kultur“ und ihrer „Zerstörung“. Darin sah er die Erotik des Schreibens. Bei Mathias Döpfner dagegen klingt das nur wie Sex mit Chatbots.












