«Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet»: Wie die RAF Deutschland terrorisierteAm 5. September 1977 entführte die Rote-Armee-Fraktion den Arbeitgeberpräsidenten und tötete seine vier Begleiter. Damit begann der «Deutsche Herbst», der die Bundesrepublik in ihre schwerste innenpolitische Krise stürzte.12.07.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZEs dauert knapp zwei Minuten. Am Abend des 5. September 1977, kurz vor halb sechs, ist Hanns Martin Schleyer unterwegs zu seiner Kölner Wohnung. Ein paar hundert Meter vor dem Ziel biegt sein Dienstwagen in eine Seitenstrasse ein. Hinter ihm ein ziviles Polizeiauto mit drei bewaffneten Beamten. Plötzlich muss Schleyers Fahrer unerwartet bremsen. Ein gelber Mercedes rollt rückwärts aus einer Einfahrt und versperrt die Strasse. Auf dem Trottoir steht ein blauer Kinderwagen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dann: quietschende Reifen, splitterndes Glas. Das Auto mit den Polizeibeamten fährt auf Schleyers Wagen auf. Kaum ist er zum Stehen gekommen, eröffnen vier Unbekannte das Feuer – mit Waffen, die im Kinderwagen bereitlagen. Die Polizisten sind überrascht, erst mit Verzögerung schiessen sie zurück. Erfolglos. Hundertneunzehn Schüsse geben die Entführer ab. Die Polizisten und Schleyers Fahrer sind auf der Stelle tot. Schleyer selbst zerren die Unbekannten in einen weissen VW-Bus und fliehen.Der erste Streifenwagen trifft um fünf nach halb sechs ein. Eine Grossfahndung wird ausgelöst, das Bundeskriminalamt (BKA) und die Bundesregierung werden informiert. Eine knappe Stunde später ist Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel am Tatort. In ihm sei «die Erinnerung an den Krieg, an Tote und Gefallene» erwacht, sagt er später.Es war tatsächlich so etwas wie ein Krieg. Terroristen der Rote-Armee-Fraktion (RAF) hatten den Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und Präsidenten des Bundesverbands der Deutschen Industrie entführt. Für viele Deutsche war Hanns Martin Schleyer der Unternehmer schlechthin. Und aus Sicht der Linksterroristen war der «Boss der Bosse», wie die Illustrierte «Stern» ihn einmal nannte, ein ideales Ziel: Verkörperung des verhassten Kapitalismus und als SS-Untersturmführer im Zweiten Weltkrieg zugleich Repräsentant der Nazi-Täter.Die Entführung kam nicht unerwartet. Seit Jahren schon hielten die Terroristen Deutschland in Atem. Anfang der siebziger Jahre hatten sie Sprengstoffanschläge verübt, die Dutzende von Toten und Verletzten forderten. Im April 1975 stürmte eine Gruppe der RAF die deutsche Botschaft in Stockholm und nahm Geiseln, um die Freilassung von gefangenen Gesinnungsgenossen zu erpressen. Die Gründerfiguren der RAF, Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin, waren im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim interniert und steuerten von dort aus die Aktionen ihrer Kampfgenossen.5. September 1977: Der Tatort in Köln-Braunsfeld nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer durch Terroristen der RAF.Heinz Ducklau / AP«Sicherheitsstufe 1»Am Gründonnerstag 1977 ermordete ein Kommando der RAF den Generalbundesanwalt Siegfried Buback samt seinem Fahrer und seinem Leibwächter. Ende Juli wurde der Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, bei einem Entführungsversuch erschossen. Wenige Wochen später postierte die RAF gegenüber der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe einen selbstgebauten Raketenwerfer, um das Gebäude zu beschiessen. Die Aktion verlief ohne gravierende Folgen, weil der Zündmechanismus klemmte.Die Vorbereitungen für Schleyers Entführung waren damals schon im Gang. Anfang Juli hatte ein junger Mann im Hamburger Weltwirtschaftsinstitut Unterlagen über Jürgen Ponto und Hanns Martin Schleyer eingesehen. Er schreibe eine Dissertation über führende Persönlichkeiten der Wirtschaft, gab er auf dem Besucherschein an. Nach Pontos Tod zeigte sich: Der angebliche Doktorand war ein ehemaliger Gehilfe des RAF-Anwalts Klaus Croissant, der auch am Attentat auf Schleyer beteiligt war.Im Lauf des Sommers kundschaftete die RAF die Strecke von Schleyers Büro in Köln zur Wohnung aus, observierte seine Fahrtrouten. Wohnungen wurden gemietet, Fahrzeuge beschafft, Autonummern gefälscht, Waffen eingekauft, Fluchtwege vorbereitet, und der Ablauf der Aktion wurde Dutzende Male durchgespielt. Jedes RAF-Mitglied wusste nur so viel, wie es wissen musste. Wer nicht ganz direkt an der Entführung beteiligt war, wusste offiziell nicht einmal, wer das Opfer sein sollte. Die Fäden liefen im engsten Kreis der Führungsclique zusammen.Hanns Martin Schleyer wusste, in welcher Gefahr er schwebte. Ende Juli, während der Ferien in Meersburg am Bodensee, erhielt er einen Telefonanruf des Innenministers, der ihm mitteilte, er gehöre zu den gefährdetsten Personen der Bundesrepublik. Schleyer wurde in die «Sicherheitsstufe 1» eingereiht. Von da an begleiteten ihn zwei Beamte des Landeskriminalamts. Sein Haus in Stuttgart, sein Arbeitsplatz und seine Wohnung in Köln wurden ständig überwacht.Schleyer war sich auch bewusst, wie sich die Bundesregierung verhalten würde, wenn er entführt würde. Wenige Tage vor dem 5. September traf er sich mit dem damaligen Oppositionsführer Helmut Kohl in einem Restaurant in Bonn. Man sprach über die terroristische Bedrohung. «Wir stimmten in einem wesentlichen Punkt überein», erinnerte sich Kohl später, «nämlich dass der Staat sich niemals mehr erpressen lassen dürfe. Beide hatten wir für uns persönlich ausgeschlossen, im Fall einer Entführung ausgetauscht zu werden.»Zwei Jahre vorher hatte der Staat sich erpressen lassen. Im Februar 1975 war der CDU-Politiker Peter Lorenz entführt worden, von einer Terrorgruppe, die der RAF nahestand. Damals ging die Bundesregierung auf die Forderung der Entführer ein, sechs inhaftierte Gesinnungsgenossen freizulassen. Und ermutigte sie damit nur zu weiteren Erpressungen und Gewalttaten. Die meisten Terroristen, die im Austausch freigekommen waren, setzten sich kurz ins Ausland ab, reisten wieder nach Deutschland ein und setzten ihre kriminellen Aktivitäten fort.«Der Wille des gesamten Volkes»Nachdem Schleyer verschleppt worden ist, geht alles sehr schnell. Knapp vier Stunden später wendet sich Bundeskanzler Helmut Schmidt in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung: «Vier tote Bürger unseres Staates», sagt er vor der Kamera, «verlängern seit heute Abend die Reihe der Opfer von blindwütigen Terroristen, die – wir waren uns darüber stets im Klaren – noch nicht am Ende ihrer kriminellen Energie sind.»Darauf müsse der Staat «mit aller notwendigen Härte» antworten, fügt Schmidt hinzu. Auch wenn die Täter in diesem Augenblick «ein triumphierendes Machtgefühl» empfänden, sollten sie sich nicht täuschen. Denn der Terrorismus habe auf die Dauer keine Chance. Denn gegen ihn stehe nicht nur der Wille der staatlichen Organe. Sondern auch der Wille des gesamten Volkes.Von den Entführern hat die Bundesregierung bis dahin noch nichts gehört. Gegen elf Uhr abends taucht eine erste Nachricht auf, im weissen VW-Bus, mit dem Schleyer entführt worden ist. «An die Bundesregierung», heisst es, «Sie werden dafür sorgen, dass alle öffentlichen Fahndungsmassnahmen unterbleiben, oder wir erschiessen Schleyer sofort, ohne dass es zu Verhandlungen über seine Freilassung kommt. RAF.»Im Kofferraum gefangenSchmidt und seine engsten Vertrauten sind sich einig: Fahndungsmassnahmen zu unterlassen, kommt nicht infrage. Unverzüglich wird der Generalbundesanwalt gebeten, die Fahndung einzuleiten, der Präsident des Bundeskriminalamts wird als oberster Ermittlungsführer eingesetzt. Am gleichen Abend telefoniert Schmidt mit Schleyers Angehörigen. Und mit den Vorsitzenden aller wichtigen Parteien. Vor allem in einem Punkt stimmt er sich mit ihnen ab: Auf die Forderungen der RAF wird nicht eingetreten.Hanns Martin Schleyer liegt zu diesem Zeitpunkt eingepfercht im umgebauten Kofferraum eines dunkelgrauen Mercedes in der Tiefgarage eines Hochhauses in Erftstadt-Liblar, gut zwanzig Kilometer südwestlich von Köln. Neben ihm Stefan Wisniewski, einer der Entführer. Er hat die Aufgabe, das Opfer bei Bedarf «ruhigzustellen». Um die Verfolgung zu erschweren, war Schleyer kurz nach der Entführung in einer Kölner Tiefgarage in einen PW umgeladen worden.Um möglichst wenig Aufsehen zu erregen, holen die Entführer Schleyer erst zwischen zwei und drei Uhr morgens aus dem Auto und bringen ihn in eine Dreizimmerwohnung im dritten Stock. Dort muss er sich im Schlafzimmer auf eine Matratze auf dem Fussboden legen. Im Zimmer stehen Handtücher, frische Unterwäsche und eine Auswahl von Medikamenten bereit. Der Kühlschrank in der Küche ist voll von Babynahrung, Marke Alete. «Weil die jeder verträgt», wie Peter-Jürgen Boock, einer der Entführer, später sagt, «auch wenn er einen kaputten Magen hat oder vor Aufregung nur so kotzt.»Das Zimmer, in dem sich Schleyer die meiste Zeit aufhält, ist verwanzt. Alle Gespräche, die mit ihm geführt werden, werden auf Tonband aufgenommen, heute sind sie verschollen. Im Flur haben die Entführer einen Schrank aufgestellt, dessen Innenwände mit dicken Schaumgummimatten ausgekleidet sind. An der Breitseite ist eine Handschelle befestigt, einen halben Meter über dem Boden. Grundfläche: gut ein Quadratmeter. Rund ein Zwanzigstel der Fläche von Andreas Baaders Zelle in Stammheim.«Da hört dich niemand», sagen die Entführer zu Schleyer. «Wenn du dich normal verhältst, setzen wir dich nicht da rein.» Peter-Jürgen Boock behauptet später, man habe Schleyer nie in den Schrank gesperrt, weil er keinen Widerstand geleistet habe. Die spätere Untersuchung der Wohnung durch Kriminalisten ergab einen anderen Befund: An den Schaumstoffmatten wurden Haare von Hanns Martin Schleyer gefunden.Das erste UltimatumLaut den Erinnerungen von Peter-Jürgen Boock war das Verhältnis zwischen Schleyer und den Entführern entspannt. Schon die ersten «Verhöre», die die zu seiner Bewachung abgeordneten Terroristen anstellten, seien anders verlaufen als gedacht. Man habe Widerstand erwartet. Stattdessen habe Schleyer zuvorkommend geantwortet. Man sei schon bald per Du gewesen und die «Verhörsituation» habe sich umgekehrt, erinnerte sich Boock. Immer wieder habe Schleyer den Terroristen klargemacht, wie naiv und unreflektiert ihre wirtschaftspolitischen Vorstellungen seien.Am Morgen nach der Entführung ruft Schmidt den Krisenstab aus Regierung und Sicherheitsbehörden zusammen, in dem in den kommenden Wochen im kleinen Kreis von Vertretern des Bundeskanzleramtes, des Innen- und des Justizministeriums und der Sicherheitsbehörden exekutive Entscheidungen gefällt werden, oft ohne dass der Bundestag einbezogen wird. Den Begriff Krisenstab vermeidet Schmidt allerdings. Er spricht lieber von der «Kleinen Lage». Daneben gibt es die «Grosse Lage», in der auch die Spitzenpolitiker der CDU/CSU-Opposition, Helmut Kohl und Franz Josef Strauss, sowie die Ministerpräsidenten der Bundesländer sind, in denen RAF-Angehörige inhaftiert sind.Knapp vierundzwanzig Stunden nach der Entführung, am Nachmittag des 6. September, melden sich die Terroristen mit einem weiteren Schreiben. Das «Kommando Siegfried Hausner» bekennt sich zur Entführung und bekräftigt die Forderung, alle Fahndungsmassnahmen zu unterlassen. Im Austausch gegen Schleyer fordern die Terroristen die Freilassung von elf RAF-Gefangenen, unter ihnen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller. Sie sollen, versehen mit je hunderttausend Mark, in ein Land ihrer Wahl ausreisen können. Und zwar am kommenden Morgen um acht Uhr. Im Brief liegt eine Fotografie von Schleyer, die ihn im Unterhemd zeigt, vor dem Signet der RAF: einer Maschinenpistole vor einem fünfzackigen Stern.Das Bundeskriminalamt lässt in der «Tagesschau» verlauten, das Schreiben befinde sich auf dem Weg nach Bonn. Die Entführer sollen hingehalten werden, während die Polizei fieberhaft nach Schleyer sucht. Die Bundesregierung bittet die Chefredaktoren von Zeitungen und Magazinen, mit äusserster Zurückhaltung zu berichten. Die RAF soll über das, was Regierung und Polizei tun, keine Informationen erhalten und keine Möglichkeit haben, sich in den Medien darzustellen.Das erste Ultimatum der Terroristen verstreicht. Die Bundesregierung spielt auf Zeit. Fordert von den Entführern einen Beweis, dass Schleyer noch lebe. Verlangt, dass eine Kontaktperson eingeschaltet werde. Am vierten Tag nach der Entführung wird Denis Payot, ein linker Genfer Anwalt, als Mittelsmann bestimmt. Er soll die Häftlinge auf dem Flug in die Freiheit begleiten. Ab jetzt läuft ein wesentlicher Teil der Kommunikation über Payot – und über das Bundeskriminalamt, das alle Telefongespräche seiner Kanzlei abhört. Das Schweizer Justizdepartement unter Bundesrat Kurt Furgler hat das über internationale Amtshilfe ermöglicht.«Lasst meinen Mann leben!»Es ist ein Nervenkrieg. Die Ermittlungen der Polizei sind intensiv, verlaufen aber erfolglos. Das Kommando der RAF wird unruhig. Hanns Martin Schleyer auch. Er schreibt an einen seiner Söhne und beteuert, die Entführer seien zu allem bereit. Am 9. September bekommt Eberhard von Brauchitsch, der Geschäftsführer des Rüstungskonzerns Flick KG, ein Schreiben von Schleyer mit der Bitte, sich bei «unseren Freunden» um eine rasche Lösung zu bemühen. Gemeint sind die CDU und die Wirtschaftsverbände. In der «Bild»-Zeitung beschwört Schleyers Ehefrau die Regierung: «Lasst meinen Mann leben!» und «Tauscht ihn aus!».Am Samstag, 10. September, fünf Tage nach der Entführung, stellt die RAF der Bundesregierung die verlangten Lebenszeichen Schleyers zu: eine Fotografie und eine Tonbandaufnahme. «Ich habe immer die Entscheidung der Bundesregierung, wie ich ausdrücklich schriftlich mitgeteilt habe, anerkannt», sagt Schleyer, «was sich aber seit Tagen abspielt, ist Menschenquälerei ohne Sinn.» Die Entscheidung dürfe nicht darin bestehen, dass man nichts tue und abwarte, «bis die Dinge sich biologisch erledigen». Die RAF stellt ein weiteres Ultimatum.Auf lange Verhandlungen hatten sich die Terroristen nicht eingestellt. Sie sind auf einmal unsicher, wie viel ihre Geisel tatsächlich wert ist. Die Regierung reagiert ausweichend auf die Ultimaten, verzögert die Verhandlungen. Am Montag, 12. September, wird bereits das vierte Ultimatum gestellt. Diesmal verschärft. Bis Mitternacht müsse sich die Regierung entscheiden, ob sie einen Austausch wolle. Falls die Regierung nicht eine konkrete Massnahme durchführe, werde «die Person» in den nächsten vierundzwanzig Stunden hingerichtet.Um neun Uhr abends gibt die Bundesregierung im Radio bekannt, die Gefangenen würden dazu befragt, in welches Land sie ausreisen wollten. Auch mit den genannten Asylländern müsse verhandelt werden, ob sie überhaupt bereit seien, die Terroristen aufzunehmen. Die Lage spitzt sich zu. Auf allen Seiten. Die Gefangenen geben unklare Antworten. Im Krisenstab wird debattiert, ob die inhaftierten Terroristen durch Androhung von Gewalt dazu gebracht werden könnten, die Entführer zum Aufgeben zu überreden. Und der Historiker Golo Mann denkt im Fernsehen darüber nach, ob es nicht an der Zeit wäre, für Terroristen die Todesstrafe wieder einzuführen.Als der Bundeskanzler am 15. September im Bundestag den Terroristen politische Motive abspricht, sie unumwunden als «Mörder» bezeichnet und erklärt, die Bundesregierung werde «ihrer Überzeugung getreu das Recht bewahren», verlieren die Geiselnehmer die Nerven. Die Rasterfahndungen der Polizei erschweren ihren Alltag, so dass sie beschliessen, Schleyer aus Köln wegzuschaffen. Tatsächlich war bei der Polizei ein Hinweis auf das Versteck in Erftstadt-Liblar eingegangen, wurde aber nicht weiter verfolgt. Die Entführer setzen sich am 16. September ab. Zuerst nach Den Haag, später nach Brüssel. In Holland kommt es zu einer Schiesserei, bei der ein Polizist getötet wird.Hilfe aus BagdadUm den Druck auf die Politik zu erhöhen, fliegt Brigitte Mohnhaupt am 25. September mit einem Teil des Kommandos nach Bagdad und bittet die palästinensische Terrororganisation PFLP um Hilfe. Die Palästinenser sind dazu bereit und machen konkrete Vorschläge: einen Überfall auf die deutsche Botschaft in Kuwait oder die Entführung einer Lufthansa-Maschine. Offensichtlich sind beide Optionen schon so weit vorbereitet, dass sie rasch realisiert werden können.Die RAF entscheidet sich für die Entführung. Am 13. Oktober ist Hanns Martin Schleyer seit mehr als fünf Wochen in der Gewalt der RAF. Am frühen Nachmittag bringen vier Palästinenser die Lufthansa-Maschine «Landshut», die sich mit sechsundachtzig Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt befindet, in ihre Gewalt und zwingen die Piloten, die jemenitische Stadt Aden anzufliegen.15. Oktober 1977: Die entführte Boeing 737 «Landshut» der Lufthansa am zweiten Tag nach der Landung in Dubai. Panzer hatten das Flughafengelände abgeriegelt, die Passagiere durften das Flugzeug nicht verlassen.APDie Entführung wird zu einer Irrfahrt. Weil die Maschine nicht für Langstrecken vorgesehen ist, muss sie immer wieder zwischenlanden und auftanken. Das kommunistische Regime in Jemen will mit der Sache nichts zu tun haben und zwingt die «Landshut» weiterzufliegen. Die Entführer erschiessen den Flugkapitän und lassen die «Landshut» wieder starten. Sie fliegen nacheinander Beirut, Damaskus und Bagdad an, erhalten aber nirgends Landeerlaubnis.In Bonn vergeht die Zeit mit Sitzungen, Lagebeurteilungen, Beratungen und Warten. Die palästinensischen Entführer fordern zusätzlich zur Freilassung der Häftlinge fünfzehn Millionen Dollar. Überbracht werden soll das Geld von Schleyers ältestem Sohn Hans-Eberhard. Dieser ist dazu bereit. Die Bundesregierung allerdings ist skeptisch und vereitelt die Übergabe schliesslich. Schleyers Sohn stellt daraufhin beim Bundesverfassungsgericht Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung, um die Bundesregierung zu zwingen, den Forderungen der RAF stattzugeben. Der Antrag wird abgelehnt.Fünf Tage später gelingt es den Entführern der «Landshut», über Dubai die somalische Hauptstadt Mogadiscio anzufliegen und dort zu landen. Somalias Staatschef Siad Barré steht zwar grundsätzlich hinter den Palästinensern, lässt sich aber dazu überreden, eine Befreiungsaktion durch eine Sondereinheit der deutschen Polizei zuzulassen. Am 18. Oktober, kurz nach Mitternacht, stürmt die GSG-9 das Flugzeug, befreit alle Geiseln und tötet drei der Kidnapper.Tod in Stuttgart-StammheimKurz vor ein Uhr morgens meldet das Radioprogramm der ARD die geglückte Befreiung der «Landshut». Doch Schleyer ist nach wie vor in der Gewalt der Terroristen. Und auch in Stuttgart-Stammheim, wo die Anführer der RAF inhaftiert sind, nimmt man die News aus Mogadiscio zur Kenntnis. Wenige Tage vorher hat der Bundestag das Kontaktsperregesetz beschlossen und eingeführt, das die Gefangenen von der Aussenwelt abschirmen soll und ihnen den Kontakt untereinander verbietet. Trotzdem gelingt es ihnen, mit den Anwälten zu kommunizieren und unter sich Informationen auszutauschen.Die entführte Lufthansa-Maschine «Landshut» auf dem Flughafen von Mogadiscio.APJan-Carl Raspe, einer der RAF-Häftlinge, besitzt ein Transistorradio, das bei Zellendurchsuchungen übersehen wurde. Er hört, dass die Entführung gescheitert ist, und kann seine Mitgefangenen im siebten Stock von Stuttgart-Stammheim informieren. Wie, ist bis heute umstritten. Wahrscheinlich mit Rufen oder Klopfzeichen durch die Luftschlitze der Zellentüren, die die Justizbeamten von ihren Beobachtungsräumen aus nicht hören konnten.Doch in den Zellen befinden sich auch Waffen. Andreas Baader und Jan-Carl Raspe erschiessen sich in den frühen Morgenstunden. Mit Pistolen, die die Anwälte der RAF ins Gefängnis geschleust hatten. Als die Justizbeamten am 18. Oktober das Frühstück bringen, finden sie beide tot am Boden liegen. Auch Gudrun Ensslin ist tot. Sie hat sich an einem Stromkabel erhängt. Nur Irmgard Möller überlebt nach einem vergeblichen Versuch, sich mit dem stumpfen Anstaltsmesser zu erstechen.Für die Entführer ist die Geisel damit wertlos geworden. Einen Tag später, am Nachmittag des 19. Oktober, meldet sich eine anonyme Anruferin im Büro der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart und verliest eine Erklärung der RAF: «Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Herr Schmidt, der in seinem Machtkalkül von Anfang an mit Schleyers Tod spekulierte, kann ihn in der Rue Charles Péguy in Mülhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen.»Hanns Martin Schleyer ist das zwölfte Todesopfer der RAF im Jahr 1977. Im «Deutschen Herbst» erreicht die Gewalt der Rote-Armee-Fraktion ihren Höhepunkt, die Bundesrepublik Deutschland befindet sich im Ausnahmezustand. Aber sie zeigt, dass sie sich nicht erpressen lässt. Die RAF verzichtet künftig auf Geiselnahmen und verlegt sich auf Mordanschläge und Raubüberfälle. Die Entführer werden später gefasst und verurteilt. Wer Hanns Martin Schleyer getötet hat, ist bis heute nicht bekannt.Der politische MordVerschwörungen, Attentate und politische Morde prägen die Geschichte und verändern die Welt. Aber wie laufen sie ab? Was macht sie erfolgreich, was bringt sie zum Scheitern? Welche Nebenwirkungen haben sie? Und was passiert mit den Opfern und den Tätern? In einer Artikelserie widmet sich die NZZ in den kommenden Wochen einigen der gravierendsten politischen Morde der Weltgeschichte. Am 18. Juli lesen Sie über Sisi, die Kaiserin von Österreich-Ungarn, die am 10. September 1898 in Genf von einem italienischen Anarchisten ermordet wurde, als sie auf eine Bootsfahrt gehen wollte. Das Attentat löste eine diplomatische Krise aus.Passend zum Artikel