PfadnavigationHomeGeschichteRAF-Terror 1985„Wir haben Edward Pimental erschossen, weil wir seine ID-Card gebraucht haben“Veröffentlicht am 13.08.2025Lesedauer: 5 MinutenEin Ermittler am Tatort des Anschlags auf die Rhein Main Air Force Base, am 8. August 1985Quelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESSAm Abend des 7. August 1985 lockte eine RAF-Terroristin den jungen US-Soldaten Edward F. Pimental in den Wald, wo er ermordet wurde. Sein Ausweis ermöglichte am folgenden Morgen ein Attentat auf die Rhein Main Air Base mit zwei weiteren Toten.Die Beschreibung war gar nicht mal schlecht: Etwa 17 bis 25 Jahre alt sei die Frau gewesen, schlank und mit dunkelbraunem, nackenlangem Haar um ein ovales, nicht geschminktes Gesicht sowie auffallend schönen, großen Augen. Sicher war zudem, dass sie fließend Englisch beherrschte. Denn wie hätte sie sonst am Abend des 7. August 1985 in der Bar „Western Saloon“ in Wiesbaden mit dem 20-jährigen Edward F. Pimental flirten können? Der US-Soldat, ein Wartungstechniker auf der Rhein Main Air Base, sprach nämlich kein Wort Deutsch – er lebte erst seit drei Monaten in der Bundesrepublik.Kurz vor Mitternacht verließen Pimental und die Frau das Lokal; Zeugen erinnerten sich, sie habe dem jungen Amerikaner Drogen, Sex oder beides versprochen. Doch die Fahrt in ein nahegelegenes Waldstück endete anders: Pimental starb durch einen aufgesetzten Schuss in den Hinterkopf; offenbar war er zuvor niedergeschlagen worden.Noch bevor seine Leiche am folgenden Morgen von Waldarbeitern entdeckt wurde, fuhr ein unbekannter junger Mann mit dem Ausweis des ermordeten Soldaten auf die Rhein Main Air Base. Offenbar benahm sich der Fahrer wie ein ganz normaler US-Soldat auf dem Weg zur Arbeit: Er stellte seinen Wagen, einen VW Passat, auf dem Parkplatz vor dem Sitz des 435. Lufttransportgeschwaders ab, an den ein Wohnheim und der Audio-Video-Club grenzten.Der Wagen glich äußerlich perfekt einem Passat, der öfter auf die Air Base fuhr. Doch es war ein anderes Auto, gebraucht gekauft und mit gefälschten Nummernschildern versehen. Da aber weder die Kennzeichen gestohlen waren noch das Auto, wurde nach beidem nicht gefahndet. Im Kofferraum lagen eine Metallkiste mit 125 Kilo Sprengstoff, 25 Kilo Gleisschrauben sowie mehrere Gasflaschen. Es war Donnerstag, der 8. August 1985, bald nach sieben Uhr. Da die Vormittagsschicht auf der Air Base um 7.30 Uhr begann, kamen um diese Zeit viele Soldaten und Zivilangestellte mit ihren Autos an. Der Fahrer verließ den Parkplatz unauffällig, nachdem er einen Wecker aufgezogen hatte. Um 7.19 Uhr explodierte die Ladung.„Autos flogen durch die Luft, überall gab es Feuer und Rauch“, schilderte George Wegemann, der gerade seinen Dienst angetreten hatte: „Ich sah eine Person auf dem Bürgersteig liegen.“ Es war der 19-jährige US-Soldat Frank Scarton, der vorübergehend im Rhein-Main-Gebiet diente – er war tot. Die Zivilangestellte Becky Bristol, verheiratet mit einem Air-Force-Angehörigen, wurde so schwer verletzt, dass sie sofort per Hubschrauber in das US-Krankenhaus Landstuhl geflogen wurde, doch bei der Ankunft war auch sie verstorben. Weitere 23 Menschen wurden durch Splitter teilweise lebensgefährlich verletzt.Lesen Sie auchDie Explosion hinterließ einen mehrere Meter tiefen Krater und zerstörte rund 30 Autos teilweise, ebenso die Fenster und Türen der umliegenden Gebäude. Trümmer flogen Hunderte von Metern weit durch die Luft, Fassaden und Dächer mehrerer Bauten wurden beschädigtLesen Sie auchUmgehend bekannte sich die RAF zum Anschlag: „Die Strategen des imperialistischen Krieges in Washington, Brüssel, Bonn, Paris werden nicht länger vom gesicherten Einsatz ihrer Militärmaschine und der ruhigen Planbarkeit ihres Krieges ausgehen. Wir haben heute die Rhein Main Air Base angegriffen.“ Der Stützpunkt sei ein „Geheimdienstnest“. Im Bemühen, in Westeuropas linker Szene Unterstützung zu gewinnen, hieß es im Bekennerschreiben weiter: „Die Air Base – für deren militärstrategischen Zweck der Bau der Startbahn West unverzichtbar war – steht aber auch für den langen, zähen Kampf einer Widerstandsbewegung.“ Unterzeichnet war die Mitteilung mit „RAF & Action Directe“, also der „dritten Generation“ der früheren Baader-Meinhof-Bande und ihrer französischen Gesinnungsgenossen. Lesen Sie auchIn Wirklichkeit hatte die Startbahn West, die schon 1962 projektiert worden war, rein gar nichts mit den Anforderungen des auf demselben Areal gelegenen US-Stützpunkts zu tun. Für die westdeutsche radikale Linke war dieses Ausbauvorhaben jedoch im Laufe der fast zwei Jahrzehnte langen Auseinandersetzungen vor zahlreichen Gerichten und bei teilweise gewalttätigen Demonstration zu einem Symbol geworden.Unerwartet für die Terroristen entwickelte sich die Resonanz in der Sympathisantenszene allerdings kritisch. Der Bombenanschlag auf die Air Base selbst fand dort zwar wenig bis keinen Widerspruch – jedoch der Mord an Edward F. Pimental, der teilweise scharf kritisiert wurde. In der linksradikalen West-Berliner „Tageszeitung“ bedauerte Mathias Bröckers die „moralische Verworfenheit“ und die „mangelnde Intelligenz“ der Ausweisbeschaffung. Sogar manche bereits inhaftierte RAF-Terroristen äußerten sich ablehnend. Die Mörder reagierten am 25. August 1985 in einem weiteren Bekennerschreiben: „Wir haben Edward Pimental erschossen, den Spezialisten für Flugabwehr, Freiwilliger der US-Army und seit drei Monaten in der BRD, der seinen früheren Job an den Nagel gehängt hat, weil er schneller und lockerer Kohle machen wollte, weil wir seine ID-Card gebraucht haben, um auf Air Base zu fahren.“ Gerichtet an ihre linksradikalen Kritiker hieß es weiter: „Für uns sind die US-Soldaten in der BRD nicht Täter und Opfer zugleich, wir haben nicht diesen verklärten, sozialarbeiterischen Blick auf sie.“ Das war wenigstens ehrlich. Doch weil die Ablehnung ihrer Sympathisanten anhielt, revidierten die Mörder ein knappes halbes Jahr später ihre Haltung: „Wir sagen heute, dass die Erschießung des GIs in der konkreten Situation im Sommer ein Fehler war, der die Wirkung des Angriffs gegen die Air Base und so die Auseinandersetzungen um die politisch-militärische Bestimmung der Aktion wie der Offensive überhaupt, blockiert hat.“Wer war nun die Frau, die Pimental in den Tod gelockt hat? Trotz der recht guten Beschreibung blieben hinsichtlich ihrer Identität Zweifel: Alle Hinweise trafen sowohl auf Eva Haule wie auf Birgit Hogefeld zu. Beide Frauen wurden deshalb wegen Mittäterschaft zu „lebenslänglich“ verurteilt, auch wenn ihre genaue Tatbeteiligung nicht nachgewiesen werden konnte. Hogefeld saß insgesamt 18, Haule insgesamt 21 Jahre hinter Gittern, bevor beide auf Bewährung entlassen wurden. Zu den genauen Umständen des Mordes an Edward F. Pimental haben sie sich nie geäußert. Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er forscht seit einem Vierteljahrhundert über die RAF und hat mehrere Bücher dazu veröffentlicht, zuletzt „Der Stammheim-Prozess“.
RAF-Terror: Wie eine Verabredung zum blutigsten Anschlag führte - und die Szene spaltete - WELT
Am Abend des 7. August 1985 lockte eine RAF-Terroristin den jungen US-Soldaten Edward F. Pimental in den Wald, wo er ermordet wurde. Sein Ausweis ermöglichte am folgenden Morgen ein Attentat auf die Rhein Main Air Base mit zwei weiteren Toten.






